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Gruppenausstellung: Alighiero e Boetti - August Walla - Das Beben der Schrift (vorbei)

21 Juni 2002 bis 3 August 2002
  Alighiero e Boetti - August Walla - Das Beben der Schrift
 
  Galerie Karl Pfefferle

Galerie Karl Pfefferle
Reichenbachstr. 47-49 /Rgb.
80469 München
Deutschland (Stadtplan)

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www.galeriekarlpfefferle.de


Die aussergewöhnliche Gegenüberstellung mag zunächst verblüffen. Hier der renommierte Arte-Povera-Künstler Alighiero e Boetti (1940-1994), der lange Zeit in Kabul lebte und in Afghanistan Stickereien nach seinen Angaben in Auftrag gab, dort August Walla (1936-2001 ), der seit 1983 im "Haus der Künstler" des Psychiatrischen Krankenhaus in Gugging bei Wien lebte und als bedeutendster Künstler der Art Brut gilt. Die beiden Künstler verbindet ihre Leidenschaft für die Schrift. Sie waren - jeder auf seine Weise - zeitlebens davon besessen, Schrift in Bilder zu überführen. Weder das Lebenswerk Boettis noch das Wallas wäre ohne diesen Aspekt überhaupt denkbar.

In den Werken des Alighiero e Boetti wird die eindimensionale Linearität unserer Schrift, die unser gesamtes Denken, unser Welt- und Zeitverständnis nachhaltig beeinflusst, ins Wanken gebracht und ins Bildhaft-Sinnliche erweitert. In seiner Kugelschreiberarbeit "Mettere al Mondo il Mondo" (dt.: "Die Welt zur Weit bringen") beispielsweise transponiert er die Schrift in eine Art Koordinatennetz mit Buchstabenskala. Die Zeichen, die scheinbar frei im Bildraum schweben und die Buchstaben markieren, werden erst im Kopf des Betrachters aneinandergereiht. In Boettis gestickten, farbenfrohen Buchstabenbildern, in denen jeder Buchstabe eine andere Farbe und einen spezifischen Bildgrund hat, wirken die Buchstaben chaotisch verteilt. Es lässt sich erst ein Text entziffern, wenn man realisiert, dass dieser nicht in horizontalen, sondern in vertikalen Zeilen verläuft. In einigen Bildern dieser Art alternieren die lateinischen Buchstaben gar mit arabischen. Die zwei Schriften prallen aufeinander, wobei erfahrbar wird, dass das jeweils vermeintlich Fremde nur eine etwas andere Form des gleichen Systems ist. Die Schriften verbinden sich zu einer einzigartigen Einheit. Eine Arbeit dieser Werkserie aus dem Jahr 1989 ist in der Ausstellung zu sehen.

Auch in den Werken August Wallas erleben wir Schrift als mehrdimensionales Phänomen. Walla schreibt auf Papier, Leinwand, auf Bleche, Holzbretter, auf Wände, Straßen oder Bäume, wobei die Grenzen zwischen Schriftarbeiten und Bildern fließend sind. Der Künstler versieht seine Umwelt mit Wortakkumulationen von poetischer Dichte. "Weltallende", "Halbhölle" oder "Luluhonig" sind typische Wortschöpfungen August Wallas und Teil seiner privaten Mythologie. Aber auch Wörter aus anderen Sprachen fügt Walla in seine Arbeiten ein. Mit Hilfe von Wörterbüchern schreibt er africaans, englisch, indonesisch, portugiesisch, lateinisch, russisch, wobei er die kyrillischen Buchstaben so übernimmt, als seien es die lateinischen.

"Lebaxa" bedeutet für Walla im Russischen Lümmel, "Raptorspaelum" ist die Räuberhöhle und "Ontbyt" heisst auf africaans Frühstück. Der autistisch veranlagte Walla sprach ausser zu seiner Mutter nur, wenn man ihn direkt fragte. In gewisser Weise aber bewohnte er die Schrift. Seine sensiblen Schrift-Bilder, die uns nicht zuletzt durch ihren gestalterischen Reichtum in ihren Bann ziehen, führen uns in eine unbekannte Welt der Sprache - fern konventioneller Grenzen, Ordnungen und Regeln. Die für die Ausstellung ausgewählten Zeichnungen und Objekte Wallas sind zum großen Teil erstmals in München zu sehen. Einige Exponate waren Teil der Sonderausstellung, die ihm die diesjährige Messe Kunst Köln eingerichtet hatte. Zum ersten Mal zeigt die Galerie Karl Pfefferle Werke August Wallas. Alighiero e Boetti - dem im vergangenen Jahr posthum die Ehre zuteil wurde, Italien auf der Biennale in Venedig zu vertreten - zeigte die Galerie 1999 in einer Einzelausstellung.

Eigens für die Ausstellung "Das Beben der Schrift" hat der Münchener Künstler Olaf Probst (*l 962) eine Raumarbeit geschaffen. Ein Raum der Galerie ist mit einer Art Tapete versehen. Erst aus nächster Nähe ist zu erkennen, dass das graue Muster auf einer winzigen, zum Teil verfremdeten und verklausulierten Schriftzeile basiert und dass es sich bei der "Tapete" um Stoß an Stoß geklebte, im Offset-Verfahren gedruckte Faltblätter handelt. Schrift wird in dieser Arbeit mit dem Titel "Grauwert Nr. 21" ornamentalisiert, verräumlicht, zum Verschwinden gebracht und als Bildfläche körperlich erfahrbar. Eine weitere Arbeit installiert Olaf Probst im Aussenraum in unmittelbarer Nähe der Galerie.

Ausstellungskonzeption: Kai Middendorff


Im August ist die Galerie nach Vereinbarung geöffnet.

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