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MAXIM WAKULTSCHIK
"AMBIVALENCES"
VERNISSAGE: DONNERSTAG, 25. MÄRZ 2010 - 19 UHR
Die Ambivalenzen des eigenen Ichs - das heißt der spannungsvolle Gegensatz zwischen dem, was man ist und dem, was man vorgibt zu sein und wie man auf die anderen wirkt - bilden für den 1973 in Minsk (Weißrussland) geborenen Maxim Wakultschik das zentrale Thema seiner Kunst. Mit immer wieder ganz neuartigen Ansätzen nähert er sich in verschiedenen Werkreihen diesem mehrdeutigen ›Bild‹ vom Menschen und konfrontiert es mit dem Anforderungsprofil unserer heutigen globalisierten Gesellschaft.
Maxim Wakultschik, der von 1992 bis 2000 an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat, betrachtet diese ambivalenten Situationen gewissermaßen in einem künstlerischen Diskurs, in dem er neue Rezeptionsformen gezielt für die Konstituierung des jeweiligen Werkinhalts entwickelt.Übergreifende Methoden sind unter anderem die serielle Reihung oder die Verwendung künstlerischer Techniken, die die individuelle Handschrift des Künstlers zurückstellen. Immer aber interessieren ihn die Möglichkeiten, von der planen Fläche des klassischen Bildes in die dreidimensionale Sphäre des Raumes vorzustoßen und damit den Betrachter unmittelbar in das Werk einzubeziehen.
Die Ergebnisse dieses Diskurses realisieren sich in der Kunst Maxim Wakultschiks in ebenso vielfältigen wie innovativen Konzeptionen. So stellt der Künstler in seiner "Janus"-Serie die Bildnisse einer oder zwei verschiedener Personen einander gegenüber. Wie eine auseinander gezogene Ziehharmonika werden beide Gesichter zickzackförmig nebeneinander gesetzt, wobei diese Dualität noch durch einen Farbkontrast hervorgehoben wird. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man auf die hölzerne Relieftafel schaut, sieht man entweder eines der beiden Gesichter oder es entsteht ein Doppelporträt aus gegeneinander gesetzten Streifen. Somit vereint Wakultschik janusköpfig zwei sich widersprechende Seiten einer oder zweier Personen und veranschaulicht auf diese Weise das vieldeutige Gefüge der Identität.
In der Werkreihe "Reflexions" präsentiert Maxim Wakultschik die dargestellten Personen - allesamt berühmte Persönlichkeiten, wie Künstler, Schauspieler und Models - in Plexiglaskästen. Wie das Schweißtuch der Heiligen Veronika erscheinen die Abbilder dieser ›VIPs‹ hinter dem mattierten Glas. Mit dieser Darstellungsform werden sie in eine irreale, jenseitige Sphäre entrückt, durch die sicheindrucksvoll der zwiespältige Charakter solcher ›Berühmtheiten‹ offenbart: von der Öffentlichkeit auf einen ›Sockel‹ gestellt, transportieren sie ein ›Image‹ von sich selbst, dem sie in ihrem eigenen Leben oft nicht entsprechen.
Dagegen erzeugt der Künstler in der Serie "Cut-Out-Porträts" eine Physiognomie, die wie bei einer Zeichenschablone ein Muster aus stehen gelassenen Gesichtspartien und ausgeschnittenen Zwischenräumen bildet. Dies impliziert die Möglichkeit, unbegrenzten Kopien ein und desselben Porträts anzufertigen, infolgedessen die Individualität der abgebildeten Persönlichkeit sich aufzulösen beginnt.
Unter dem Thema "Public Inside" nähert sich Wakultschik dem Ambivalenzdiskurs von seiner voyeuristischen Seite. So dient in den "Bubbles" eine Halbkugel aus Plastik als Bildträger, durch dessen Verzerrungen an den Rändern der Eindruck eines Türspions entsteht. Hier wird der Betrachter zum heimlichen Beobachter, der sich indiskret in die Privatsphäre der Menschen schleicht.
Eine ähnliche Wirkung erzeugt der Künstler auch in dem Bild "Picknick", dass durch die extreme Vogelperspektive und die verzerrten Bildränder wie durch die Linse eines Satelliten aufgenommen erscheint. Eine Gruppe von Jugendlichen liegt ausgestreckt und dösend auf einer grünen Wiese. Mittels der Diskrepanz zwischen der Harmlosigkeit und der Banalität des Dargestellten und der suggerierten Heimlichkeit der Beobachtung entsteht der Eindruck, dass wir überall vom Staat oder von den öffentlichen Medien beobachtet werden können. Mit diesen bildnerischen Mitteln erzeugtWakultschik die beklemmende Situation, die ein Überwachungsstaat auf uns ausübt, der oft im Namen des Staatsschutzes die Privatsphäre seiner Bürger verletzt.
Auch in seiner neuesten Serie "Zugfenster" wird der Betrachter zum Voyeur. Man schaut von außen in einen Zug und wird so Zeuge flüchtiger Situationen, die sich gerade zufällig in diesem Moment ereignen. Die Abgeschlossenheit, die durch die Rahmung der Fenster entsteht, verweist einerseits auf die Isolation der Reisenden, die nur zufällig zur selben Zeit am selben Ort sind; andererseits betont sie die Intimität der dargestellten Szenen. Durch Letzteres entsteht die eigentümliche Situation, die den Betrachter in die Rolle des heimlichen, nach Entlarvung suchenden ›Spitzels‹ versetzt.
In allen Arbeiten Maxim Wakultschiks verwandelt sich das menschliche Antlitz in eine neue Seinsform. Das Porträt, das neben dem Fingerabdruck der wichtigste Identitätsträger einer Person darstellt, wird meist nur schematisiert wiedergegeben und erhält durch diese Art der Verfremdung oder auch Entfremdung etwas Zeichenhaftes. Die Reduktion auf wenige einprägsame Gesichtszüge machen das Porträt zu einem " graphischen Kürzel " [JUTTA SAUM]. Hier klingt auch die visuelle Reizüberflutung an, der wir tagtäglich ausgesetzt werden. In kürzester Zeit muss die auf uns einwirkende Bilderflut in Hinsicht auf wenige, aber wieder erkennbaren Merkmale gescannt und ausgewertet werden. Dies schließt auch den Menschen in unserer Gesellschaft mit ein.
Die Frage ›Wer wir sind‹ ist in der Kunst Wakultschiks niemals allein reflexiv gemeint, sondern sie schließt auch immer die Beurteilung eines Gegenübers mit ein. In einzigartigen visuellen Konzepten nehmen diese Ambivalenzen dabei eine Gestalt an, die den Menschen innerhalb des komplexen und beziehungsreichen Konstrukts aus Wahrnehmung und wahrgenommener Wirklichkeit zeigen. |