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Einzelausstellung: Ariane Boss - Bilder und Aquarelle (vorbei)

18 Februar 2012 bis 6 April 2012
  Ariane Boss - Bilder und Aquarelle
Ariane Boss, "Schwimmende Zebras", 2007, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm
 
www.galerielake.de Galerie Lake

Galerie Lake
Herbartgang 17
26122 Oldenburg
Deutschland (Stadtplan)

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"Jenseits von Eden" ist ein Katalog von Ariane Boss betitelt. Das lässt an einen berühmten Film denken. Mehr aber noch bestätigt das Wort Eden die Eindrücke, die eine erste Betrachtung der hier ausgestellten Bilder auslöst: Paradiesisch scheint es in den Landschaften zuzugehen, üppig wuchernde Natur oder spielerische Miniaturen, Schönheit in Form und Farbe, Harmonie, pure Augenlust.

Aber warum "Jenseits von Eden"? Sind wir mit diesen Bildern nicht mitten im Paradies? Vielleicht schon. Aber die Malerei, die unseren Augen hier so schmeichelt, verweist auch darauf, dass Paradiese im ursprünglichen Wortsinn angelegte Parks sind, Menschenprodukte, Orte der Vision, Projektion und Imagination. Elemente aus der Natur sind hier zusammengetragen und werden in einen idealisierten Zusammenklang und Ausgleich gebracht. Traumbilder, archaische Bilder und Naturfunde begegnen sich und tragen auch das Unbeherrschbare, Triebbestimmte einer Art Urweltwildnis mit sich.

Die Künstlerin greift in ihren Kompositionen den Konstruktionscharakter und Ideal-Vorstellungen von Schönheit und Harmonie auf, lagert darin Reibungsflächen an, indem sie verschiedene Bildsprachen aufeinandertreffen lässt. Sie übersteigert sie bis an die Grenze des Kitsches, so dass sie sich bei aller verführerischen Magie, bei aller verschwenderischen Schönheit selbst als künstliche Naturschauplätze entlarven oder zumindest als eine Art Naturmythologie zu erkennen geben. Behauptung und Bruch von Paradies überlagern sich, Utopie und Unmöglichkeit treten in einen Wettstreit.

In dem großen Ölbild "Iris" findet sich mit der Schwertlilie eine der bevorzugten Blumen aus dem reichen botanischen Ensemble der Künstlerin. Die Blüte besitzt in ihrem mehrgliedrigen, paarigen Bau eine charakteristische Figürlichkeit und in ihrem geschwungenen Blattwerk einen hohen dekorativen Reiz. In seiner dichten All-Over-Struktur pendelt das Bild zwischen Muster und Naturausschnitt. Der Betrachter wird gleichermaßen an eine Tapete oder einen Teppich wie auch an einen Blick in einen prächtig wuchernden Garten erinnert.
Die Künstlerin übersetzt hier ein Einrichtungsdekor in eine lebendige Naturerscheinung zurück und schafft auf der Leinwand einen höchst anregenden Schauplatz der Imaginationen. Wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir in dem Bild typische Merkmale des Ornaments: Wiederholung von Motiv-Sequenzen, regelhafte Anordnung, ein bewusst kontrastierender fiktionaler Hintergrund, in diesem Fall ein tiefes Schwarz. Die Anordnung der Vögel beschreibt ein Quadrat, Kreisformen sind zu sehen. Orangefarbene Blüten, Tagetes ähnlich, bilden ein Dreieck. Auch Blattwerk setzt ins Zentrum ein Dreieck wie ein rankendes, plastisch geformtes Herz.

Doch das Bild, im übrigen Teil einer Serie, die von Arbeiten des Mitbegründers der britischen Arts and Crafts-Bewegung William Morris angeregt wurde, folgt nicht nur einem Ordnungs- und Aufbauprinzip. Wir sehen, dass die Ränder des Bildes weniger aufgeführt sind als das Zentrum. Daraus resultieren ein Staffelung und eine eigene, illusionistische Tiefenwirkung, in der Flächigkeit mitschwingt. Die Pflanzen sind botanisch korrekt wiedergegeben, tragen aber, mal mehr, mal weniger, deutliche Züge von Abstraktion und Reduktion, einen konstruktiven und symbolischen Charakter.

Aus den Schnittstellen zwischen Ornament und organischer Anmutung bezieht das Bild seinen besonderen Reiz. Dass Iris auch unsere Netzhaut meint, ist ein schöner Nebeneffekt des Bildtitels. Das Bild ist zuallererst ein Angebot für unsere Schaulust, ein sinnliches Ereignis, das wir genießen können und sollen. Zugleich wird unser Sehen selbst zum Thema.

Impulse für ihre Malerei bezieht Ariane Boss aus der Kunstgeschichte und antiken Mythologie ebenso wie aus dem Film, der Werbung oder aus ihrem privaten Umfeld und persönlichen Begegnungen. Als Vorlage für ihr Bild "Das Schokoladenmädchen" dient ein Pastell des Genfer Miniaturenmalers Jean-Etienne Liotard. Es handelt sich bei der Adaption nicht um eine Kopie, sondern um eine freie Aneignung des Motivs. Das Mädchen ist hier mit seinem Tablett im Zentrum des Bildes dem Betrachter frontal zugewandt. Der statuarische, künstliche Charakter der Figur wird durch deren Farbigkeit und die Platzierung vor einem Kakaobaum verstärkt. Als eine Lesart bietet sich hier die paradiesische Verkürzung des Weges von der Frucht als Geschenk der Natur zum Genuss im gepflegter häuslicher Atmosphäre an, wobei das Bild durch Künstlichkeit und Konstruktion auf die Unwirklichkeit dieses unschuldigen Denkens und auf die wahren Verhältnisse der Warenströme verweist.
Den Anstoß zu dem Bild "Cosmos Song" gab Luc Bessons Science-Fiction-Film "Das 5. Element". In dem Streifen, der mit antiken Motiven und einem futuristischen mythischen Kampf zwischen Gut und Böse spielt, tritt eine Diva auf, die im Besitz der vier Elemente ist und Motive aus Donizettis Oper "Lucia di Lammermor" singt. Ariane Boss lässt diese Sängerin hier figürlich mit einem Baum verschmelzen, der zugleich tief im Boden verwurzelt ist und aufwärts gen Himmel strebt. Die Diva, in ein zartes, luftiges, transparentes Blau getaucht und von Blumen umkränzt, hat musikalische Begleiter aus der Mythologie und der Moderne. Stan Laurel und Oliver Hardy sowie Elvis in einem Hawai-Outfit sitzen auf den Ästen. Der obere Bildteil ist gefüllt mit auf fliegenden Vögeln, die hier den optischen Chor geben.

Die Komposition ist charakteristisch für die Werke von Ariane Boss. Sie besitzen eine Mittelachse, in der sich zumeist auch der erzählerische oder szenische Kern des Geschehens findet. Im "Cosmos Song" bestimmt ein Dreieck den weiteren Bauplan, die Blumen lassen sich achsensymmetrisch sehen, zugleich finden sie in der Linienführung Parallelen im Geäst des Baumes. Diese Strukturen sorgen für den Eindruck von Balance und Ausgeglichenheit. Zugleich stützen sie aber auch den Eindruck einer durchgeplanten Architektur.

Was die Malweise der Künstlerin weiterhin charakterisiert, ist das Zusammentreffen von figürlich ausgearbeiteten Partien und freien malerischen Flächen. Die Farbe tritt sowohl in der Funktion des klassischen Lokalkolorits auf wie auch als stoffliches, abstraktes Ereignis, das eine imaginäre Räumlichkeit, eine unbestimmte Atmosphäre und traumlogische Ortlosigkeit beschreibt. Hier können die Betrachter selbst Wald und Wiese herauslesen, Energien, die Elemente oder auch Klänge, Immaterielles, nicht Greif- oder Benennbares. Ganz offensichtlich hat die Künstlerin genauso viel Spaß und Ambition in der Abstraktion sichtbarer Wirklichkeit wie auch in feinster Ausführung des Figürlichen.

Ein Beispiel dafür ist das Bild "Flamingos". Wer diese Vögel mal in großen Mengen gesehen und in Schwärmen erlebt hat, weiß, dass der ganze Raum wie in Rosa getaucht erscheint. Ariane Boss setzt in einem Kleinformat die fliegenden Tierkörper in, auf und zwischen fließende und schwebende Farbflächen. Im abstrakten Malgrund arbeitet sie meist mit Acrylfarben, zu den figürlichen Anteilen hin kommt Öl zum Einsatz.
In "Flamingos" korrespondiert auf der inhaltlichen Ebene das luftige Flugereignis mit einem Riesenrad. Das heißt: Natur steht im Dialog zur Technik. Der ewige Wunsch des Menschen nach dem Aufschwung in die Lüfte spiegelt sich wider. Dabei ist der Mensch in Riesenräder, die mit fortschreitender Technisierung in immer kühneren Konstruktionen weltweit verteilen, fest verankert. Er löst sich nicht wirklich von der Schwerkraft, kehrt immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurück und dreht sich in seinem Begehren im Kreis. Was diese Arbeit ebenfalls kennzeichnet, auch eine Konstante in der Bildsprache von Ariane Boss, ist ein spannungsvolles Verhältnis von Stillstand und Bewegung. Bei aller Dynamik der Ereignisse und auch angesichts der fließenden Farbkulisse ruht die Szenerie geradezu meditativ in sich selbst.

Zebras zählen offenkundig zu den Lieblingstieren der Künstlerin. Ein Grund liegt darin, das die Zeichnung des Fells ornamentale Züge trägt. Mit dem Streifenmuster tritt eine Mischung aus Dekor und Abstraktion und damit ein reduzierter zeichnerischer Kontrapunkt in die Landschaften. Das Tier, selbst exotisch, bringt eine visuelle Fremdheit in die Wälder.

Häufig finden sich in der Malerei von Ariane Boss Kreismotive - natürlich gehört diese magische, perfekte, geschlossene und permanent bewegte Grundform zum paradiesischen Inventar: Vielfach zeigt sie sich gegenständlich, wenn sich eine Spielzeugeisenbahn um einen Baum dreht oder das Riesenrad rotiert. Hier lässt sich im übrigen auch die Verschiebung der Proportionen neben der Vermischung der Orte als ein wichtiges Gestaltungsmerkmal identifizieren. Aber auch in der Kompositionsstruktur begegnen wir vielen Rundformen, wenn Kreise oder Bögen die Protagonisten umranken beziehungsweise beschirmen, wie etwa in dem Bild "Mario mit Tauben". Die realistischen Anteile dieser erzählerischen Momentaufnahme werden durch die Anordnung und Zusammenballung der Taubenschar und durch die großen offenen malerischen Flächen gebrochen.

Im "Fliegerkreis" bilden ebenfalls kraftvolle und zugleich schwebende Farbbahnen eine räumlich und atmosphärisch tief gestaffelte Kulisse. Das Arrangement wirkt wie ein Mobile, das untere Flugzeug allerdings weckt den Eindruck, als gleite es mit rotierendem Propeller auf oder über dem Wasser, das durch eine blaue Farbfläche angedeutet ist. Die Aufhängung der Flugzeuge weckt noch die schöne Assoziation, dass man sich vieles in dieser Welt an Fäden aufgehängt und geführt vorstellen kann, auch, dass die Künstlerin hier souverän ihr Ensemble wie Marionetten auf Bühnen zu führen versteht.

In den Aquarellen, viele entstehen draußen vor der Natur, lässt sich die Künstlerin noch stärker von der Eigenstofflichkeit und von dem Verlauf der Farben leiten. In ihren Papierarbeiten verbinden sich Spontaneität und kompositorisches Kalkül, genaue Strichführung und freier Linienschwung. Die Motivwelt wirkt häufig noch fantastischer und verspielter als in den Leinwänden. Man kann vermuten, dass die Künstlerin nicht nur dem Pinsel, sondern auch den inneren Bildassoziationen noch freieren Lauf lässt.

Schließlich möchte ich noch auf das Motiv "Opium" eingehen, dass Ariane Boss in verschiedenen Fassungen bearbeitet hat. Vielleicht erinnern Sie sich an das skandalträchtige Plakat aus einer der zahlreichen Kampagnen mit renommierten Fotografen und Models, die das erfolgreichste Parfum aus dem Haus Yves Saint Laurent begleiteten. Es zeigt die nackte, ekstatisch in Hingabe hingestreckte Sophie Dahl. In den USA musste das Plakat entfernt werden, vermutlich hatte man dort weniger die artifiziellen Anteile dieser marmornen statuarischen Schönen im Blick.

Ariane Boss verdoppelt das faltenlose Idealwesen, eine Ikone der Sinnlichkeit, in einer Art Spiegelung um die zentrale Bildachse. Die Körper schweben geradezu ornamental, die Haare wie ein Rankenmuster, in einem wuchernden, Urwald ähnlichen Ambiente. Das Bild bleibt magisch und rätselhaft, künstlich und sinnlich. Die plakative Werbefigur scheint sich verirrt zu haben. Oder ist diese Lichtung in der austreibenden Natur der ideale Platz, den Trieben freien Lauf zu lassen? Schauen wir hier auf das Paradies als Projektion und Propaganda, Rausch, Genuss und Verführung, als Bildstrategie oder als Bühne von Ur-Instinkten?

Malerei ist eine Inbesitznahme äußerer visueller Reize und der Ausdruck innerer Bilder. Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit, und objektive und subjektive Realitäten stehen sich in keinem Fall diametral gegenüber, sondern vermischen, durchkreuzen, überlagern sich. Das lässt uns den Reichtum und die Schönheit der Bilder von Ariane Boss nicht nur auf unserer Netzhaut, sondern auch in unserem Kopf, besser mit unserem ganzen Körper genießen.

Rainer Beßling

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