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Einzelausstellung: Carsten Weitzmann - "Sammelbilder" (vorbei)

12 Mai 2001 bis 16 Juni 2001
  Carsten Weitzmann -
 
  Galerie Jarmuschek+Partner

Galerie Jarmuschek+Partner
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Vielleicht kennen Sie sie noch, die Sammelbilder, von Vätern und Großvätern in knallhartem Tauschgeschäft ergattert und stolz und liebevoll in die dafür vorgesehenen leeren Rechtecke im Text der Sammelalben geklebt. Betrachtet von ihnen und ihren Nachkommen an stillen Sonntagnachmittagen ... und es muß wohl ziemlich oft Sonntagnachmittag gewesen sein. So fanden die Bilder ihren Platz an den dafür vorgesehenen Stellen in unserem Gedächtnis. Eingetragen ins Mitteilungsheft fürs Leben. Denn Informationen waren schließlich auch damit verbunden.
Die Großen der Weltgeschichte: Barbarossa, Heinrich VIII. – nach einem Gemälde von Hans Holbein d Punkt J Punkt – aha: nach! ... aber dazu später – Blücher und Bismarck. Leinwandheroen wie Willy Fritsch oder Zarah Leander. Kunst von Frühgotik bis in die damalige Gegenwart in aller Unschuld aufgesogen, vielleicht zunächst weniger der Kunst halber, sondern weil das Gerippe so schauerlich dargestellt und die Knollennase des alten Mannes mit dem Kind gar zu seltsam war. Der Froschkönig und Fallada, der du hangest – auch wenn wir uns inzwischen unsere eigenen Bilder zu allem gemacht haben: Irgendwie war nicht zu verhindern, daß jene ersten Eindrücke, empfangen durch Reproduktionen, zu Originalen wurden, und auch wenn wir mehr oder besseres wissen: Nur so kann Wallenstein hingemeuchelt gelegen haben, nur so hat Herr Fritsch gestrahlt, nur so hing Fallada.
Die Bilder mögen andere geworden sein, wie auch die Großen der Weltgeschichte. Aber Sie haben sich angesammelt, die Bilder, und sie tun es weiter. Sie haben sich gestapelt. Nebeneinander, übereinander. Will man ein beliebiges herausgreifen, stellt man fest, daß kein Bild beliebig sein kann, sonst wäre es kaum greifbar, es ist höchstens zufällig. Und eines kommt selten allein.

Nach einem Gemälde von. Oder: Nach der Reproduktion eines Gemäldes. Einerseits. Und andererseits: Nach unserer Vorstellung von einem Gemälde. Oder von einem Mythos oder einer Ikone. Oder von einem Abbild, das wir für ein wirkliches Bild halten, weil wir dahinter etwas vermuten, was uns vertraut scheint und was wir zu kennen glauben. Mag uns Herr Weitzmann noch so punktgenau demonstrieren: Es ist ja nur ein Bild!, dann weiß er genausogut, daß wir antworten werden: Nein, I’ve seen it all, es ist Björk.

Carsten Weitzmann verfügt – sowohl als auch – über eine enorme Sammlung. Er ist Sammler und Jäger, und die klügsten Jäger jagen nicht, sondern halten sich bereit für alles, was sich trotz Tarnung blicken läßt. Als echter Sammler scheint er in einer Art Tauschgeschäft mit der Welt zu stehen. Da wandern Kopien, Originale, Reproduktionen hin und her, aber erstaunlicherweise kommen von Herrn Weitzmann immer nur Originale. Und wir können einfach nicht anders als immer wieder zu vergleichen, denn unser Maler Weitzmann hat sozusagen mindestens sieben Gemeinsamkeiten in jedes Bild hineingeschmuggelt – bitte ankreuzen! Zu gewinnen gibt es: die Erkenntnis, daß es nicht die Gemeinsamkeiten mit dem Bild sind, die wir wahrnehmen, sondern mit denen, die außer uns das Bild betrachten, weil wir den selben Lügen Glauben schenken. Ja, die Lüge hat bunte Flügel, auch wenn wir ihr die Federn einzeln ausreißen.
Wer die Fähigkeit besitzt, einzelne Buchstaben zu erkennen, muß nicht zwangsläufig lesen können. Wer lesen zu können glaubt, muß sich hin und wieder mit der Einsicht begnügen, daß da etwas geschrieben steht. Leserlich und doch kaum lesbar. Deutlich und doch kaum deutbar. Im Aufbau solcher Spannungsverhältnisse war Herr Weitzmann schon immer gut. Er offenbart keine Geheimnisse, indem er sie auf den Punkt bringt, sondern er offenbart, daß es gerade bei genauester Betrachtung trotzdem Geheimnisse bleiben.
Denn gleichwohl wir die Fähigkeit besitzen, hinter die Dinge zu schauen – was sehen wir denn da? Richtig. Was hinter den Dingen ist. Und jenes heißt Hund und jenes heißt Haus. Den Dingen selbst kommen wir bestenfalls auf die Spur, die sie hinterließen, aber nicht unbedingt näher. Uns wird dabei immer bewußter, wie wenig wir von den Dingen wissen, wie viel sie uns aber trotzdem und deshalb bedeuten.
Schließlich – wie man sich bettet, so lügt man. Kann denn Lüge Sünde sein? Kann. Muß aber nicht. Da nämlich, wo man sich in gegenseitigem Einverständnis benutzt. Natürlich ist Herr Weitzmann ein großer Benutzer. Er benutzt alles. Sich selbst, uns, die wir ja sehr benutzerfreundlich sind, die gesammelten Bilder und Lügen – und er sammelt es wiederum so an, daß da noch Raum bleibt. Wahrscheinlich für die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Da haben wir uns nun auf der Treppe versammelt, haben einen Raum verlassen, in dem wir unserer Bilder sicher waren, und stehen vor dem anderen, in dem wir uns mit ihnen enthüllen, und wissen noch nicht genau wie wir alles vom nächsthöheren Stockwerk aus betrachten werden. Wenigstens gehört zu jeder guten Treppe ein Witz. Und der kommt auch prompt.
Das Bild ist nämlich eigentlich grüngelb und nicht gelbbraun. Aber die Reproduktion hat eben ihre eigene Realität. Und nun kommen Sie mit einem Bild, das Sie im Briefkasten fanden und in Ihren Kopf übertrugen, hierher und stellen wieder einmal fest, daß in Ihrer Realität doch alles ganz anders ist als in Wirklichkeit. Und wie sehen Sie es jetzt? Realistisch? Oder wie es wirklich ist?
Nun ja, selbst das Wallenstein-Sammelbild nach dem Gemälde von Piloty hat sicher in Wirklichkeit ganz anders ausgesehen. Und wer weiß, möglicherweise hat Wallenstein ganz anders dagelegen. Aber Zarah Leander hat gesungen: Ich lüge auch – und bin dein!
Kann sein, daß auch wir von Weitem betrachtet ein schönes Bild abgeben und aus der Nähe nichts als Punkte sind. Also: Sammeln wir uns. Sammeln Sie sich. Und sammeln Sie, sammeln Sie, sammeln Sie!





Berlin, Mai 2001 Martin Schink

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