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Einzelausstellung: Daniele Buetti - "Does Time Dance with Memories" (vorbei)

29 November 2003 bis 14 Februar 2004
  Daniele Buetti -
Daniele Buetti, "Gucci Milano", 2003, C-Print auf Alu
 
  Bernhard Knaus Fine Art

Bernhard Knaus Fine Art
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60329 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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Dr. Beate Ermacora, Krefelder Kunstmuseen
Einführung Daniele Buetti, "Does Time Dance with Memories", 29.11.2003, Galerie Bernhard Knaus.

Als ich vor zwei Jahren anlässlich der Kölner Kunstmesse mein Hotelzimmer bezog lag auf dem Nachttisch die Zeitschrift "artinvestor". Das Titelbild zeigte eine Arbeit von Daniele Buetti. Darunter stand im Bildzeitungschargon "Warum ein Schweizer beim Anblick von Hochglanz-Schönheiten verletzend wird". Dasselbe Foto eines schönen, melancholisch blickenden Models, auf dessen rechter Wange der Schriftzug "Nike" zu lesen ist, unterstrichen von dem für den Konzern charakteristischen Logo, war 1999 auch auf dem Cover des Ausstellungskataloges "Missing Link. Menschen-Bilder in der Fotografie" abgebildet, wo es sozusagen stellvertretend für die zahlreichen anderen internationalen Positionen der Ausstellung das Thema zeitgenössischer Menschendarstellungen schlagkräftig repräsentierte. Dabei ging es um die Frage welche Rolle der Fotografie zukommt bei der Vermittlung zwischen Realität und Vorstellung, zwischen Selbstbild, Identität und einer mediatisierten, von Bildern lebenden Welt.

Die erwähnte Fotografie von Daniele Buetti gehört in den Kontext der heute hier zu sehenden sogenannten Vernarbungsarbeiten mit denen er Mitte der 90er Jahre unter den Titeln "Good Fellows" und "Looking for Love" den Puls der Zeit traf und die Aufmerksamkeit auf sich zog. Buettti ist jedoch kein Künstler, der trendig dem Zeitgeist folgt. Vielmehr hat sich sein Werk seit den 80er Jahren kontinuierlich entwickelt und in verschiedene, ineinandergreifende Stränge verzweigt.

Lassen Sie mich kurz den Weg beschreiben, der mit seinem Interesse an dem Phänomen von Zeichen begann. Bevor sich Buetti den Logos der Konsum- und Luxusindustrie und dem Hinterfragen gesellschaftlicher Werte und Klischees zuwandte erfand er zunächst ein eigenes Zeichen. Es sollte einfach, verständlich und schnell wieder erkennbar sein. So entstand das sogenannte Flügelkreuz - ein Zwischending zwischen Boomerang und Piece-Zeichen -, das er durch performanceähnliche Straßen- und Verkaufsaktionen subversiv in den Alltag einschleuste. Gleichermaßen tauglich, um imaginäre Heilsbotschaften zu verkünden, wie banale Kleidungsstücke damit zu kennzeichnen, lotete er mit dem Flügelkreuz die vielfältigen Mechanismen aus, die mit einem massierten Auftreten visueller Zeichen einhergehen können. Da seine Botschaft in Sachen Kunst für die breite Masse natürlich unergründbar war und ihm auch keine wie immer geartete Lobby zur Seite stand war die Nachfolgerschaft und das Verlangen, das Flügelkreuz besitzen zu wollen, wohl nur für Insider ein Muss. Interessanterweise hat sich bei Daniele Buetti, der in seinem Werk immer auch die Rolle von Kunst und Künstler in der Gesellschaft hinterfragt, mit den Vernarbungsarbeiten und den darauffolgenden Leuchtkästen gleichsam durch die Hintertüre ein gesellschaftlicher Imagewert eingeschlichen, für den der Artikel in der vorhin genannten Zeitschrift "artinvestor" signifikant ist. Doch so leicht macht es uns der Künstler, der auch mit dem Medium Video arbeitet nicht, ihn auf ein Markenzeichen festlegen zu lassen, wie seine neueste Arbeit, auf die ich später noch zu sprechen komme, zeigt.

Geht es um den Begriff des Zeichens, so verbindet sich mit ihm automatisch die Frage nach Inhalt und Botschaft. Sind verbindliche religiöse und politische Werte in der westlichen Gesellschaft allmählich abgebröckelt, so hat die Konsumindustrie wunderbare Substitute dafür geschaffen. Schönheitskult und Jugendwahn finden im Kampf gegen körperlichen Verfall und Todesängste einen gemeinsamen Nährboden in den Werbekampagnen der Beauty- und Modebranchen bis hin zur Schönheitschirurgie, die Mythen über Identitäten, über In-Sein und Out-Sein produzieren. Daniele Buetti setzt mit seinen Vernarbungsarbeiten beim unmittelbarsten und traditionsreichsten Zeichensetzen an, nämlich bei der Tätowierung. Verfolgen wir diese Tradition einmal rückwärts, so ergeben sich aufschlussreiche Aussagen. In allen Stammeskulturen waren Tätowierungen Zeichen, die dem Körper als höchste Auszeichnungen eingeprägt wurden. Demjenigen, der nicht oder nur wenig tätowiert war, kam in der Gemeinschaft ein minderer Rang zu. Die Tätowierung, ob Narbentätowierung oder Farbe, die unter die Haut geklopft wurde, hatte gesellschaftliche Funktion. Die koptischen Christen in Ägypten etwa verwendeten die Tätowierung als Zeichen der Abgrenzung und Zusammengehörigkeit. In den Konzentrationslagern fungierte die Tätowierung hingegen als Brandmarkung und Kennzeichnung. Wurden Tätowierte bei uns im 18. und 19. Jahrhundert noch als bestaunenswerte Exotika herumgereicht, so wurden sie im Grunde genommen bis vor kurzem stets als Außenseiter betrachtet. Man brachte sie mit Hafen- und Gefängnismilieus oder mit sexuellen Neigungen in Verbindung, die über die unvergänglichen und lebenslänglich sichtbaren Zeichen in ihrer Haut kommunizierten und sich darüber identifizierten. Vereinnahmten die diversen Subkulturen der Jugendszenen zunächst das Mittel der Tätowierung, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen und ihre Fremdheit ihr gegenüber zu bezeugen, so ist es mittlerweile "in", die Haut mit unvergänglichen Zeichen zu schmücken. Meist sind es Ornamente oder Bilder, die mit persönlichen Erinnerungen und Vorlieben in Verbindung stehen.

Auf diesem ballastgeladenen und völlig divergierendem Hintergrund basieren Buettis Vernarbungsarbeiten, die mit ebensolcher Ambivalenz daherkommen. Und das ist gerade das Spannende an diesen Fotografien. Die Models, die von einem glamourösen Leben erzählen, die uns mit Sinnlichkeit und Schönheit verführen sollen tragen die Schriftzüge und Logos der Firmen für deren Produkte sie werben oder werben könnten als entstellende, wulstige Male auf der Haut: ob Chanel, Versace, Hugo Boss oder Gucci, um nur einige der globalen Megakonzerne, die unsere Identitätsvorstellungen lenken und prägen, zu nennen. Daniele Buetti bricht das verführerische Lächeln, die werbende Körpergestik der durch Schminke und Photoshopretuschen makellos erscheinenden Models durch einen im Grunde simplen Akt. Mit Kugelschreiber prägt er Schriftzüge, Signets oder Arabesken von hinten auf Abbildungen, die er Zeitschriften entnommen hat, die er wiederum fotografiert. Die Wirkung ist jedoch schlagkräftig. Denn das Image der abgebildeten Personen kippt. Aus der unnahbaren Pose des unerreichbaren Vorbildes scheint auf eigenartige Weise ein bedürftiger Mensch mit Gefühlen zu werden und werbende Blicke scheinen plötzlich nach Hilfe zu suchen. Subtil spielt Buetti damit, dass sich beim Betrachter automatisch mit dem Anblick von Narben auch das Gefühl von Verletzungen einstellt, einem Nicht-mehr-Intaktsein, das mit einem ganz persönlichen seelischen Aufarbeitungsprozess einhergeht. Interessanterweise tun die Tattoos jedoch der Schönheit keinen wirklichen Abbruch. Sie fügen den Körpern einen Zug von Persönlichkeit und Morbidität hinzu, der umso anziehender zu wirken vermag.

Der Titel der Ausstellung "Does time dance with memories?" verzahnt den Werkkomplex der Vernarbungen mit denjenigen Arbeiten, in denen Daniele Buetti Supermodels und Schauspielern Fragen und Sinnsprüche in den Mund legt und deren Fotos an rüde zusammengezimmerten Holzlattengerüsten, die an das Flair von Bühnen und Discos erinnern, angebracht sind und von hinten mit Neonröhren beleuchtet werden oder in Leuchtkästen montiert sind. Die Texte, die gleichwohl banal und klischeehaft wie tiefsinnig klingen und oftmals Pop-Songs entstammen, sind in die Fotos als Löcher geprägt. Dahinterliegende bunte Folien bringen sie farbig zum Leuchten. Meist formulieren die handschriftlich eingravierten Worte diffuse Ängste, Selbstzweifel und Sehnsüchte, die uns die schönen, im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehenden Personen ein Stückchen näher bringen, menschlicher erscheinen lassen und vorgeben, uns geheime Gedanken zu enthüllen. "Why should I change my attitude?", "Will I ask for help?", "Take me home", "Could a dream be enough?" oder "Wish you were here" sind nur ein paar Beispiele für Buettis hintersinnigen und stets doppelbödigen Umgang der Verquickung von Bild und Sprache. Denn weder das eine noch das andere Medium erzählt von wirklicher Authentizität. Vielmehr agieren die Arbeiten subtil auf der Ebene unseres eigenen Wunschdenkens.

Dabei ist Daniele Buetti nicht daran gelegen Kritik zu üben, am Rummel um den zeitgenössischen Starkult mit seinen wie immer gearteten Vorbildfunktionen. Ihn interessiert das Moment der Verführung, das immer zugleich ein Spiel mit Illusionen ist. Und wer könnte das besser beherrschen, als die Konsum- und Unterhaltungsindustrie, die auf unsere Eitelkeiten abzielt und mit diffizilen Methoden unser Unterbewusstsein mit Vorstellungen von Aussehen und Begehrtsein, von Lifestyle und Erfolg speist. Gerade mit den Vernarbungsarbeiten hat Buetti eine schöne bildliche Metapher für das Sich-Einverleiben fremder Ideen gefunden, das sich an der Körperoberfläche spiegelt, die so wiederum zum Werbeträger für suggestive Botschaften wird.

2002 ist ein Katalog mit dem sprechenden Titel "Dreams result in more dreams" erschienen. Gleichsam leitmotivisch zeigt der Umschlag Hände, die versuchen, unzählige Lichtpunkte wie einen kostbaren Schatz zu halten, die jedoch wie Sand zwischen den Fingern hindurchrieseln oder wie von einem Windhauch weggeblasen werden. Der strahlende Glanz der Oberfläche ist auch in den Lichtinstallationen und Leuchtkästen nur solange von Dauer wie das Licht an ist. Knipst man es aus, so zeigen sich die Bestandteile in ernüchternder und gar nicht mehr so verheißungsvoll glamouröser Realität.

Lassen Sie mich, bevor ich zum Schluss komme noch Buettis Arbeit im Museum Helmhaus in Zürich erwähnen. Denn hier ist er das Phänomen Zeit und das Thema Verpackung und Inhalt wieder von einer neuen Seite angegangen, die für viele, die ihn vor allem mit Models und schicken Leuchtkästen in Verbindung bringen, überraschend sein mag. Er fasste das Haus mit seiner strengen, repräsentativen Fassade und seinem Renommee wie einen Star auf. Man meint, die Oberfläche und die Funktionen zu kennen. Betritt man jedoch das Innere des Hauses, so wird jegliche Erwartungshaltung an ein Museum und eine Ausstellung radikal unterlaufen. Alle Räume sind leer, die Fenster abgedichtet, die Wände dunkel bemalt, das Licht ist gedimmt und romantisch stimmende Musik der 60er Jahre umfängt den Besucher sinnlich. Die museumsüblichen Funktionsräume wie Kasse oder Garderobe wurden nach draußen verlegt. Mit einfachsten Mitteln hat Buetti, wie immer nicht ohne Ironie, mit dieser Installation eine Parallele zu unserer Wahrnehmung von Oberflächen und verborgenem Innenleben geschaffen. Darüber hinaus hat er uns aber auch einen Erlebnisraum zur Verfügung gestellt, in dem es nichts zu betrachten gibt, und nur die Atmosphäre zu verführen vermag.

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