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Einzelausstellung: Einzelaustellung Prof. Rolf Sackenheim (vorbei)

1 Oktober 2004 bis 31 Oktober 2004
  Einzelaustellung Prof. Rolf Sackenheim
Prof. Rolf Sackenheim, Tuschpinzelzeichnung, 2000, 41,5 x 30,5 cm
 
  Galerie Art 204

Galerie Art 204
Rethelstraße 139
40237 Düsseldorf
Deutschland (Stadtplan)

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"warum ich hier zu schweigen beginne"

Bemerkungen zu den neuesten graphischen Werken Rolf Sackenheims


Zum vielfältigen Œuvre Rolf Sackenheims, des in allen künstlerischen Sparten gleichermaßen souverän brillierenden Meisters, ist reichlich publiziert worden: zur visuellen Freude1) wie zum mentalen Nachvollzug2) - es schiene wohl beinahe alles gesagt. Nichts desto minder ist, neben gelegentlichem Gesamtüberblick3), hierüber hinaus das jeweils neu geschaffene Werk beobachtend begleitet und exegetisch wahrgenommen worden4), zu Recht, wie sich angesichts jüngster Arbeiten erweist.

Zwar ist Rolf Sackenheim, wie zutreffend festgestellt wurde5), "ein Leben lang beim kleinen Format geblieben, das dem Gestus des Schreibens der Hand entspricht." Das "Lapidare, Kurze, Schnelle" werde "in der Art einer rasch hingeworfenen Unterschrift, eines Stenogramms, eines Protokolls" realisiert - den "fragwürdigen Begriff Entwicklung" gebe es in Sackenheims Lebenswerk ohnehin nicht. Diesem gewiss aus Empirie gewonnenen Diktum soll gar nicht naseweis widersprochen werden - relativiert es sich bei autoptisch-analytischer Untersuchung doch von selbst. Die behutsame Veranschaulichung einiger ausgewählter graphischer Blätter mag die Behauptung verifizieren.

Sicherlich, eine in sich schon ungeheuer spannungsreiche Linearität war stets eine hervorragende Eigenschaft der Sackenheimschen Zeichnung. Von "rasch hingeworfenen" Graphismen zu sprechen, erscheint indes nicht am Platze - zumal wenn einem das seltene Glück widerfuhr, das Schreibwerkzeug und die Hand des Künstlers beim Entstehen eines solchen "Stenogramms" mit eigenem Auge zu verfolgen. Ein Stenograph kennt und beherrscht seine Glyphen und Kürzel, der graphische Künstler jedoch sieht sich aufs spielerisch versuchende und radikal experimentelle Tasten als handwerkliche Methode verwiesen. Jeder Ansatz des Stifts, der Feder oder des Pinsels birgt in sich ein Wagnis - welches sich unversehens offenbart. Aus mancher - wohl auch eigener - bestürzender Erfahrung konstatiert der Künstler selber: "Um jeden Strich stehen die Zweifel herum"6).

Ist also schon, quasi als spezifische Konstante seines Werks, die Linearität als essentielle Ingredienz aktiv, so lässt sich in besagten jüngsten Arbeiten eine Flächigkeit bemerken, die in früheren Phasen des Œuvres ein Rarissimum war. Mehr noch: bei genauerem Schauen entpuppt sich diese vermehrte Ausdehnung in die Ebene als ihrerseits ausgesprochen energiegeladen, so dass aus dem Miteinander von eher zeichnerischer und mehr malerischer Gestaltungsweise eine eigene optische Vitalität entspringt. Dieser soll hier versuchsweise nachgespürt werden.

Gar nicht einmal zaghaft, sondern mit jenem für Sackenheim typischen entschiedenen Gestus zeigte sich bereits in Vorjahren eine Tendenz zur Fläche, nur eben sporadisch, wie in einem Blatt aus dem Jahre 2000. Freilich wird auch hier das gesamte Bildgeschehen von einer farbigen Linienführung bestimmt. Braun-schwarze Schwünge bauen ein bewegtes, nicht im geringsten starres "Gerüst" (welches diese Bezeichnung gleichwohl verdient, da es eindeutig als festes konstruktives Element fungiert). Es steht in konträrem Verhältnis zu dezenter gezogenen roten Federstrichen, die dem tragenden Gerippe entgegen zu wirken scheinen, es jedenfalls in großer Biegung nach unten führen. Jedoch: die roten Linien werden durch ockerfarbene breitere Pinselzüge verstärkt und die schwarzen durch dunkelgrün-braune waagerechte ebenfalls breitere Tuschzüge gestützt. Und nun tritt hinter diesem locker und dennoch kräftig bewegten Geflecht ein blauer (fast möchte man sagen:) "Grund" in Erscheinung - ein "Hintergrund" zumindest, vor dem das graphische Geschehen spielt. Deutlich sichtbar in weiten Pinselschwüngen gesetzt, ergibt er eine (durch unterschiedliche Farbfeuchte) oft transparente, mitunter aber opake Fläche. Zwar war sie zuerst da (wie das investigierende Auge erfährt), ist also eher "Grund" auch im genetischen Sinne denn weitere Zutat, doch ist ein Hang zur Flächigkeit nicht zu verkennen.

Das Feld einer Dichotomie ist jedenfalls beschritten - ohne dass allerdings eine chronologische Abfolge abzulesen wäre. In mehreren Blättern, die aus den Jahren 2001 bis 2003 datieren, suchen die klar nachvollziehbaren linearen Wege der zeichnenden Hand die Auseinandersetzung mit eher "flächigen Strichen" (das sprachliche Paradox sollte nicht stören - es ist ja zu sehen). Der Betrachter, der aufmerksam die blauen und violetten Schwünge und Kurven der Farbstifte innerhalb einer großen lavierten Form nachgeht, wird sofort von der dialektischen Dynamik eines Blattes aus dem Jahre 2002 gefangen genommen. Der in den bilddominanten senkrechten Bogen herein gezogene Blick wird durch Binnendetails sensibilisiert. Längeres Anschauen macht das Auge schließlich empfindsam für die noch delikatere Antinomie der grün-braun-schwarzen Flächen und der gleichfarbenen (hier helleren, dort dunkleren) darin und darum irrlichternden minimalen Federstrichpartikel: für das mutwillige Spiel wild sprühender Funken vor der strömenden Macht glimmender Lavaglut.

Die gleichen zeichnerisch-malerischen Vorgänge und daraus resultierenden optischen Reize lassen sich in weiteren Blättern dieser Zeit beschreiben. Zudem bringen etliche von ihnen ein weiteres gestalterisches Problem herbei: das der mehrfachen Form in einem einzigen Bild. Zwei oder drei Einzelgestalten tragen in sich die soeben angedeuteten Phänomene, zeitigen aber darüber hinaus in ihrem gemeinsamen Auftreten - wie Wolken am Himmel - die ihnen ihre Plastik verleihenden initiativen Kräfte. Der metaphorische Eindruck des Fliegens eines Vogels7) als Abbild der "Lebenswanderung" des Künstlers ließe sich im Dahinziehen dieser atmosphärischen Formationen ebenso erkennen.

Noch ein kleiner Hinweis auf einen Umstand, der dem Künstler offenbar zunehmend wesentlich wird. Die bezeichneten graphisch-malerischen Prozesse finden ja nota bene in Farben statt: in vieltonig abgestuften partikularen Akzenten wie in ruhig kontrastierenden Komponenten. Dass solches Bildgeschehen zum Kern des künstlerischen Schaffens Rolf Sackenheims gehört, ist dem Kenner seines Werkes natürlich eh' bekannt. Dass nun aber eine Tendenz von der eher mit linearen Mitteln aufgezeichneten Dramaturgie zu einer verstärkt flächig angelegten Darstellungsweise auszumachen sei, wird der vergleichende Betrachter nicht übersehen. Aus der Zusammenführung kontradiktorischer gestalterischer Elemente erhebt sich selbstgewiss deren neugewonnene Synthese.

Dabei von einem "Altersstil" zu sprechen, wäre allerdings absurd. Nie waren Zeichnen und Malen für Sackenheim Stilübung, sondern "eine Geburt zwischen dem Nichts und dem Etwas"8). Hier ist ein Künstler seit Jahrzehnten am Werke, dem seine Arbeit genau so selbstverständlich ist wie das Atmen (zahlreiche authentische Äußerungen belegen dies). Nach Goethes Wort in den "Maximen und Reflexionen": "Altwerden heißt, selbst ein neues Geschäft antreten, alle Verhältnisse verändern sich und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen", hat Rolf Sackenheim - immer noch mit einer beneidenswert ruhigen Hand begnadet - für sich auf die zweitgenannte Möglichkeit gesetzt. Mit grandioser Produktivität im Alter gingen ihm Tizian, Goya, Menzel, Picasso und andere voran. Das "zu schweigen Beginnen", einem Zitat des Japaners Kobayashi Hideo entnommen9), bedeutet für ihn kein "zu handeln Aufhören", benennt vielmehr eine überindividuelle Qualität: "Schönheit macht stumm; Kunst hält sich durch Schweigen am Leben." Das sei der Grund, "warum ich hier zu schweigen beginne". Das Schweigen des Zeichners und Malers Rolf Sackenheim in seinen Werken ist überwältigend beredt. Wir möchten es noch lange vernehmen.

Ralf Kulschewskij

Anmerkungen


  1. Siehe allein schon die kostbare fünfbändige Buchedition der Galerie Art 204, Düsseldorf: "Arbeiten von Rolf Sackenheim 1943-1986", hg. von Malgorzata Maria Buras, 1987; "Rolf Sackenheim, Photographien von 1977-1987", hg. von Patricia Moisan, 1988; "Rolf Sackenheim, Skizzen, Notizen, Collagen und Druckgraphik, Arbeiten von 1975-1991", hg. von Irmgard Zepf, 1991; "Rolf Sackenheim, Photographien", hg. von Brigitte und Manfred Schmidt, 1994; "Rolf Sackenheim, Graphiken", hg. von Brigitte Schmidt, 1996.

  2. Beispielsweise Paul Good, "Die nervöse Hand, Zur Semantik der Linien von Rolf Sackenheim", Köln 1991; "Organon und Harfe, Der Künstler Rolf Sackenheim", hg. von Paul Good, Düsseldorf 1996.

  3. "Rolf Sackenheim, Zeichnungen, Radierungen, Lithographien", Wiesbaden 2003.

  4. Letztens: "Eine Lerche im Augenflug, Die grafischen Elementargeister des Rolf Sackenheim", beobachtet von Ralf Kulschewskij im Katalog "Rolf Sackenheim, Kreuz und Quer" der Galerie Art 204, Düsseldorf 2001.

  5. Paul Good in "Organon und Harfe", S. 8.

  6. Bei einer Lesung in der Galerie Art 204, Düsseldorf am 16.3.2001, zit. im Katalog "Kreuz und Quer", S. 24.

  7. Anlässlich der Figur einer Rohrfederzeichnung geäußert von Lora Palladino in "Organon und Harfe", S. 59 f.

  8. Brigitte Schmidt in "Kreuz und Quer", S. 20.

  9. Vom emsigen Zitatensammler Rolf Sackenheim überliefert in "Kreuz und Quer", S. 12 f.

Zur Ausstellung erscheint der Katalog:
"Rolf Sackenheim
frühe Sprünge - weite Schwünge"


Zur Eröffnung der Ausstellung am Freitag, den 1. Oktober 2004, von 19.30 - 22.00 Uhr laden wir Sie herzlich ein.

Der Künstler wird zur Ausstellungseröffnung anwesend sein.

Musikalischer Teil:
Sergej Rachmaninoff (1873 - 1943)
Aus der Sonate in g-molI, op. 19
III Andante

Sergej Prokofieff (l891 - 1953)
Aus der Sonote in C-Dur, op, 119
II Moderato-Andonte dolce

Alfred Schnittke (1934 - 1998)
Musica nostolgica

Sergej Rachmaninoff
Aus der Sonate in g-moll, op. 19
II Allegro scherzando

Ausführende:
Duo concertont Jochen Fuchs, Violoncello
Joachim Wagenhäuser, Klavier

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