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Einzelausstellung: Franta - How Long is Now (vorbei)

14 Oktober 2011 bis 24 November 2011
  Franta - How Long is Now
Franta
 
  Galerie Art 204

Galerie Art 204
Rethelstraße 139
40237 Düsseldorf
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)211-67 65 01
www.galerie-art204.de


Franta

"How Long is Now "

Zur Eröffnung der Ausstellung mit neuen Arbeiten von Franta
laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.

Freitag, den 14.Oktober 2011, von 19.30 bis 22.00 Uhr

Der Künstler wird während der Ausstellungseröffnung anwesend sein,

Ausstellungsdauer: 14. Oktober 2011 bis 24. November 2011
Begrüßung: Manfred Schmidt
Ansprache: Ralf Kulschewskij

Komposition für diese Ausstellung: "Hidden Heat"

Komponist Friedemann Graef


Ausführende: Friedemann Graef - Saxophon

Jörg Schippa - Gitarre und live Elektronik
Veith Kloeters - Percussion
www.saxophoneconcepts.de

Afrika – schrecklich und schön


Zu den neuen Werken des Malers Franta
Von Ralf Kulschewskij


„Ach, Afrika ...“ lautet nicht selten der Stoßseufzer, begleitet von einem resignierten Achselzucken, sobald der gegenwärtige und anscheinend niemals endende desolate Zustand des „schwarzen Kontinents“ zur Sprache kommt. Die Schreckensnachrichten in den Medien lassen ja auch nicht nach: Hunger, Elend, Korruption und Gewalt bestimmen unser Bild, das wir uns aus der Ferne machen. „Eigentlich hatte ich Afrika schon aufgegeben. Mit jeder Nachricht von einem neuen Bürgerkrieg oder einer Hungersnot verlor sich (...) die Hoffnung, dass sich die Lebensumstände der Menschen dort bessern würden,“ lautete unlängst das Fazit eines Journalisten, der sich dann aber doch zu einer unkonventionellen Hilfe entschloss (Reiner Luyken, Die Zeit vom 20.4.2011).

Das andere, romantisch idealisierende Afrika-Bild ist geprägt von einer faszinierenden Tierwelt, von zu Tamtamtrommeln tanzenden Eingeborenen und einer unübersehbar vielfältigen und formenreichen Kunst von Masken, Perlenschmuck, Ahnenfiguren und Nagelfetischen. Schrecken und Exotik, die nicht leicht auf einen Nenner zu bringen sind. Die anhaltende Dürrekatastrophe in Somalia mit verzweifelnden Hungernden und das neue Popsongalbum der Franko-Nigerianerin As¸a – wie kann dies nebeneinander existieren und Aussagewahrheit und Zeugniskraft beanspruchen? Das „wilde, dunkle Afrika“, das der Homo sapiens vor etwa 60.000 Jahren verlassen hat, ist uns noch nach fast fünfzigjährigen Bestrebungen zur Dekolonialisierung ein Rätsel. Prominente Afrikakenner indes äußern sich verhalten optimistisch. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell fordert uns auf, den afrikanischen Menschen zuzuhören und sie als ebenbürtig zu betrachten. Der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Walter Eberlei beobachtet in den meisten Staaten südlich der Sahara eine zunehmend politisch einflussreiche Zivilgesellschaft. Und der Schweizer Soziologe Jean Ziegler stellt fest: „Die Weltwirtschaft könnte zwölf Milliarden Menschen normal ernähren, das Doppelte der Weltbevölkerung. Wir tun es aber nicht. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind.“

Einen eigenen Weg des Engagements für Afrika hat der tschechisch-bürtige französische Künstler Franta seit seinen ersten Reisen und Aufenthalten in Kenia, Mali, Niger, Burkina Faso, Senegal und Gambia Anfang der Achtzigerjahre eingeschlagen. Prägnant hat dies Evelyne Artaud in ihrer Monographie über den 1930 geborenen Maler in Worte gefasst: „Ein Schrecken wohnt der Malerei von Franta inne, ein Schrecken, der groß ist und eigenartig; und der seltsam anrührt. Es ist eine unmittelbar körperliche Malerei, eine Malerei, die unmittelbar aus der körperlichen Geste entstanden ist und zum Körper spricht, aber eher noch eine Malerei der dargestellten Körper, eine Körperschrift, in der der Körper zum bedeutungsstiftenden Element einer Sprache wird, die durch ihn neu entsteht, ein Versuch, den zerstörten Menschen neu wieder erstehen zu lassen“ (Editions Cercle d’Art, Paris 2000, entstanden unter Beteiligung der Galerie Art 204; deutsche Übersetzung von Bernadette Ott).

Drei etwa gleichgroße Hochformate (in Mischtechnik auf starken Büttenkarton gemalt, sodann auf Leinen aufgezogen) zeugen von der tiefgehenden Sympathie des Künstlers mit den afrikanischen Menschen. Ein sitzender Mann im Profil: „Seul“, ein anderer frontal: „Solitude“ sind eindringliche Thematisierungen der Einsamkeit. Wobei die unterschiedliche Farbigkeit der Inkarnate dieser männlichen Akte durchaus individuellen Hautpigmentierungen entsprechen kann, auch wenn eine porträthafte Abbildung der Personen nicht beabsichtigt ist. Die delikate Kolorierung findet sich in dem Gemälde eines einander zugewandten Paares noch in gesteigerter Qualität. Die Intimität dieser Bilder Frantas erinnert an die japanischen Ukiyo-e, die „Bilder der fließenden, flüchtigen, vergänglichen Welt“ (beispielsweise eines Hokusai). Ob die dargestellten Personen nun aber allein sind oder zu zweit oder zu mehreren – sie alle kennzeichnet eine intensive Nähe, jedoch ohne die geringste Aufdringlichkeit. Bei aller Offenheit und Nacktheit verbleibt ihnen eine deutliche Distinguiertheit und Würde. Frantas Malerei ist fundamental human. Das gilt auch für die nicht weniger kostbaren kleinformatigen Tuschebilder von stehenden oder sitzenden Akten in dezenter Farbigkeit. Die Dichterin Ulla Hahn nannte diese Befindlichkeit einmal: „Flüssig halten die Zeit“.

Diese von Empathie getragenen Werke charakterisieren etliche Phasen von Frantas künstlerischem Schaffen. Sie sind in entschiedener Weise „typisch“ für ihn. Das hehre Wort „Liebe“ erscheint durchaus angebracht. Auch stärkerfarbige, das Dunkelerdige und Schattige des Kontinents und seiner klimatischen Kontraste hervorhebende Gemälde (in Acryl auf Leinwand) stehen für diese Tendenz. Tafeln wie „Au Repos“ und „Méditation“ sind stummberedte Beispiele. Erst wenn der Betrachter seine unwillkürlich zur Harmonisierung neigende Sichtweise ändert und seinen Blick intensiviert, fallen ihm fremdartige, irritierende Details auf. So die Augenbinde und die Handfesseln eines ansonsten unbekleideten hockenden Mannes – die Attribute kennzeichnen ihn als Gefangengenommenen, als Geisel: „Otage“. An frühere sozialkritische Werkphasen schließt der Künstler mit einem „Street Boy“ an. Solche Bilder machen einen harschen Eindruck, weil die Wirklichkeit, die sie wiedergeben, krude ist. Kompromisslos verlangen sie vom Betrachter eine menschliche Anteilnahme. Aktueller Höhepunkt dieses Aspekts in Frantas Oeuvre ist die große Tafel „Fukushima“. Der Titel sagt in diesem Jahr des Unheils selbstverständlich genug. Die unabweislichen Eindrücke sind bei jedem denkenden Menschen noch frisch – der Interpret verweist lediglich auf die malerische Qualität des Gemäldes, vor allem auf das beißend grelle Ziegelrot zuhäupten der betroffenen Menschen über den Gebäudetrümmern. Jede weitere Exegese wäre vermessen, so wie der Schreiber dieser Zeilen – offensichtlich im Einklang mit dem Künstler – jeden verbalen Kommentar über das von Menschen provozierte, von der Naturgewalt erfüllte apokalyptische Geschehen für unstatthaft hält. Die verantwortlichen Politiker „erklären bereits wieder, Japans Reaktoren seien sicher. Vor dem 11. März meinten sie das ebenfalls“ (Süddeutsche Zeitung vom 15.7.2011). Schon vor einiger Zeit urteilte Agnes de Maistre über Frantas Werk: „Dans une pensée du Bien et du Mal qui ignore la projection eschatologique, l’Enfer c’est ici et maintenant et le Paradis est toujours perdu.’’ Dieses Bild ist eine Anklage, ein beispielhaftes Mahnmal von erschütternder Wucht.

In einer anderen Werkgruppe hat Franta Natur und Menschenwerk auf eine geradezu lapidare Art konfrontiert. Sie ist in dieser großartigen Ausstellung der Galerie Art 204 mit drei Gemälden (in Acryl auf Leinwand) vertreten. Titel wie „Désert – Corridor“ und „Désert – Abandon“ sind aussagekräftig, denn in allen diesen Bildern ist die amorphe, stets veränderliche Geröllwüste Afrikas mit scharfkantigen Technikfragmenten durchsetzt. Die in glühender Hitze flimmernde grandiose Landschaft ist durch nutzlos gewordene Maschinenteile verschandelt. Insofern trifft der Gattungsbegriff „Landschaftsbilder“ diese Werke nur bedingt.

Um es überdeutlich zu sagen: Landschaftsgemälde herkömmlicher Art fertigt Franta auch. Ein schönes Beispiel ist „Paysage africain“, eine fast sandwüstenhafte Trockensteppengegend mit vereinzelten Schirmakazien. Die optische Anmutung ist hervorragend getroffen. Doch nur wer in einer Region wie dieser noch niemals - bei knapp fünfzig Graden Celsius, selbst unter der schattenspendenden Baumkrone! – hat beruflicher Arbeit nachgehen müssen, wird das Ambiente idyllisch finden können. Die Zeit scheint still zu stehen. Aber natürlich tut sie das in Wirklichkeit ganz und gar nicht. Sie fließt – sie zerrinnt. Oder – „ein wenig philosophisch“ gefragt: „How long is now?“ So lautet das Motto dieser zum Nachdenken anregenden Retrospektive.

In der besagten neuen Serie von „Landschaftsgemälden“ erhält die Gattungsbezeichnung eine besondere problemhaltige Bedeutung: In der großen quadratischen Tafel „Raid“ ist die afrikanische Wüste in ihrer feinsandigen natürlichen Beschaffenheit gut zu erkennen. In elegant geschwungenem Bogen zieht sich eine offenbar asphaltierte Straße durch das flache Feld und verliert sich in der Tiefe des Raums. Wie zur nachdrücklichen Betonung verläuft auf der Fahrbahn ein unterbrochener Mittelstreifen, der allerdings ins Abseits führt. Die verkehrsregelnde Markierung landet „im Sande“. Und über allem glänzt in der hitzeflirrenden Luft das wunderschöne Segment eines Regenbogens. Ein trügerisches Naturidyll. Oder gar eine Fata Morgana, eine Vorspiegelung, ein Traum? – Nun, der Trümmerberg im Vordergrund bringt den Betrachter zurück auf den Boden der Realität. Aggregate von Motoren – zu identifizieren sind ein Auspufftopf samt Rohren, Krümmer, Schläuche, Elektroleitungen und mehr – sind komprimiert wie eine Schrottskulptur von John Chamberlain, ein zusammengeballtes Wrack, eine bildgewordene Karambolage. Der französische Titel bedeutet Fernflug, auch Luftangriff. Es handelt sich wohl eher um die Reste eines Flugzeugabsturzes. Um einen Klumpatsch, den Scherbenhaufen der technischen Zivilisation. Ein Totalschaden, wie ihn die Nornen bei Theodor Fontane konstatieren: „Wie Splitter brach das Gebälk entzwei. Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.“ Da gewinnt Frantas Kunst allegorische Dimension.

Das künstlerische Oeuvre Frantas bezieht seine beeindruckende Wirkung aus der Doppelgesichtigkeit der Condition humaine. Formal ambivalent zwischen deformierender Abstraktion einerseits und realistischer Detailschilderung andererseits, bezeugen seine Menschenfiguren erlittene Geschundenheit und dennoch unbeugsame Würde. Und seine Landschaften widerspiegeln eine ursprünglich unbeschädigte Natur und ihre Vergewaltigung durch den Menschen. Vehement und eindringlich erfüllen seine Werke das Postulat Paul Valérys: „Ein Kunstwerk sollte uns immer beibringen, dass wirnicht gesehen haben, was vor unseren Augen liegt

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