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Einzelausstellung: Hans Aichinger - "Ein Missverständnis" - Malerei (vorbei)

30 April 2010 bis 30 Juni 2010
  Hans Aichinger - \
Hans Aichinger, Das Geheimnis. 80 x 100 cm, Öl auf Leinwand, 2010. Courtesy maerzgalerie
 
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PRESSEINFORMATION

"Verstanden zu werden ist ein Luxus"
(R. W. Emerson)

Ruhm ist die Summe der Missverständnisse, die sich um eine Person sammeln. Dass es Missverstehen gibt, setzt Verstehen voraus. - Also zunächst zum Verständnis: Es sind Bilder, Malereien in Öl auf Leinwand, jede zeigt eine oder zwei Figuren, nahezu perfekt, nahezu realistisch, es sind Stillleben aus Menschen.

Figur und Stille sind die Bestandteile der für diese Schau versammelten Werke. Es gibt keine Geschichten zu erraten, keine Bilderrätsel aufzulösen, nichts anspielungsreich Verdecktes, aber viel zu sehen. Man steht ungewöhnlich lange vor jedem Bild, bis man es gelesen hat - nicht der Fülle sondern der Tiefe wegen.
Es gibt bewusste Wiederholungen; angehaltene Gesten und Bewegungen, abgewendete Blicke und großartig ausformuliertes Schweigen. Die Figuren sind beschäftigt, ignorieren das Beobachtet-Werden und lassen den Betrachter in Ruhe. Auch unser Voyeurismus reicht nicht bis ins Bild.

Innerhalb der Wiederholungen gibt es wechselnde Details: einen Tisch, eine Landschafts-Silhouette, eine leere Holzkiste, eine viel zu blaue Jacke. Bühnenrequisiten, die selbst nichts sind, als Wegweiser in die Tiefe.
Die äußeren Handlungen der Figuren, ohnehin nur angedeutet, dienen als Vorwand, sind Metapher für die innere Bewegung. Tätigkeit ist nur vorgeschoben, um die innere, konzentrierte Ruhe zu schützen. So werden die auf den Bildern ausgestellten Szenerien zu Ersatz-Handlungen, zu "Als-ob-Simulationen". Aichinger zeigt vordergründig das Durchspielen von etwas scheinbar Beliebigen ohne Konsequenzen; der Blick in eine leere Kiste, das malende Streichholz auf der Tischdecke, Schattenspiele, eine Umarmung. Die inneren Äquivalente dieser Ablenkungsgesten geben die Figuren nicht preis, man ahnt sie nur. Aichinger kann das genau so zeigen.
Und so erschreckt es den Betrachter auch nicht, wenn ihm dann langsam und immer heller werdend der Gedanke kommt, dass Aichinger damit in aller Unschuld nach der Kunst fragt: Ist sie nicht, genau so, zunächst wahrnehmbar als spielerische Tätigkeit, äußerer Vorwand, ausprobierte Geste? Im Anschaun eine ernüchternde Vereinfachung? Es gibt keine Gewähr für die werthaltigen inneren Äquivalente. Das Angeschaute ist nur "ein Stück Weg, ein Stück Hoffnung auf Erkenntnis", für den Künstler wie auch für den Betrachter.

So ist jedes seiner Bilder ein "reduziertes Modell" oder eine "Versuchsanordnung", eine "Puppenbühne, auf der kein wirkliches Risiko verhandelt wird, wo die Bezüge erstmal ohne Konsequenzen bleiben" - Erstmal. Das dann Folgende ist für den Zuschauer unkalkulierbar. Selten ist das so präzise und wortlos auf den Punkt gebracht.
Und als könne man das nicht oft genug zeigen, bleiben die Zutaten der Bilder ähnlich, doch wie im Schachspiel entsteht immer neue Spannung durch einmalige Variationen.

Aichingers jüngstes Credo, 2009 anlässlich seiner Solo-Schau "Von Natur aus falsch" verkündet: Zurück zur Figur, zum Blut, zum Leben, steht fest. Und der Maler weiß es noch zu verfestigen: mit guten Nuancen der Konkretisierung; die Bilder sind kleiner, konzentrierter, die räumliche Umgebung tritt noch weiter zurück und die abstrakten Relikte sind getilgt. Die Figur bleibt, das Gewicht ihrer Aufgabe bleibt auch, wird noch schwerer.
"Figur plus müsste man eigentlich sagen", Aichinger verweist neben den stummen Requisiten auch auf die Titel der Werke. Bisher waren sie unscheinbar, oft "ohne Titel" . In der neuen Schau geben Unterschriften wie "Die dunkle Mutter" oder "Die Weltheit der Welt" als Heideggers Diktum an das Motiv getragen, oder "Der Beginn" den Figuren ein zusätzliches Attribut, mit dem der Maler sie stabilisiert.

"Hans Aichinger: Ein Missverständnis" ? - Natürlich denkt man an das Werk von Aichinger zuerst mit der Vorstellung malerischer Perfektion. Dem Pinselstrich hat er Übermut und stolzes Selbstbewusstsein abgewöhnt, ihm die Demut des Dienens anerzogen und ihm hochgradig verfeinerte Ansätze beigebracht. Kaum mehr gemalt wirken die Bilder, fast wie vollkommene Abbildungen der inszenierten Kammerspiele. Erst recht jetzt, da er sie von abstrakten Elementen fast völlig frei hält. Doch das als naturalistische oder fotorealistische Malerei zu bewerten ist ein Missverständnis. Diese Oberfläche ist gerade Aichingers Bemühen um eine unmissverständliche Darstellung. Sie erzwingt ein genaues Hinsehen und offenbart sich keinesfalls als hermetisch. Die übertriebene Genauigkeit wird zu einer anderen Art Verfremdung, wird "hyperrealistisch", denn sie entspricht nicht dem natürlichen Blick.

"In der Kunst ist alles spielerisch diffus, dominieren Form und Oberfläche". Aber eigentlich ist das Kunstwerk nicht der gezeigte Gegenstand, sondern das "immaterielles Ding", das er enthält. Das muss man so stark zeigen wie möglich und darf nicht ablenken mit virtuoser Fülle und handwerklicher Spielerei.

Aichinger weiß, dass das Verantwortung bedeutet. Dem Künstler wird heute ein modernes Hochamt angetragen, oft unfreiwillig zugemutet. Neben dem Priester und dem Philosophen soll nun auch der Künstler Weltdeuter und Sinnsucher sein. Aichinger hält das für einen Fehler der Gesellschaft, für ein Zeichen ihrer Hilflosigkeit und Überforderung. Dass die Kunst mit dieser Aufgabe beladen werden soll, hält er ebenso für ein Missverständnis.
Aichinger ist "nur" Missionar in Sachen Mensch. Und er ist das gern leise, ohne die großen Diskurse zu wuchten, spielt lieber Kammermusik statt orchesterschwerer Sinfonien und malt "zeitgenössische Kunst in uralter Technik".
Hans Aichinger und Berlin - das klingt wie Franz Kafka und Paris oder nach Rivalität der Werte. Beide kommen voreinander auf den Prüfstand. Die schweren, ruhigen Bilder mit den schweigend verharrenden Figuren inmitten der schnellen, lauten, vollen Metropole sind keine Provokation. Aichinger schafft in dieser Spannung Stille mit Potenzial.

Die maerzgalerie in Berlin Mitte hält Zeit und Bewegung an und beobachtet, womit sich das Vakuum füllt. Dazu laden wir ein.

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