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Einzelausstellung: Hans Aichinger - Wahrheit oder Pflicht - Malerei / »Truth or Dare - painting (vorbei)

27 April 2012 bis 27 Mai 2012
  Hans Aichinger - Wahrheit oder Pflicht - Malerei / »Truth or Dare - painting
Hans Aichinger, "Tunguska", Öl auf Leinwand, 128 x 120, 2012. Courtesy maerzgalerie
 
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"Tunguska" heißt ein zentrales Werk in der aktuellen Solo-Schau von Hans AICHINGER.
Tunguska - so heißt ein Fluss in Sibirien, in dessen Nähe sich 1908 etwas von überwältigender Dimension abgespielt haben muss, wofür es keine Zeugen gibt - nur eine weithin entstellte Landschaft und verbrannte Natur und bis heute eine Vielzahl an teils abenteuerlichen Erklärungsversuchen, an denen sich verschiedenste Darstellungen und Auslegungen abarbeiten. War es ein Meteorit? Eine Täuschung? Eine Atombombe? Oder göttlicher Eingriff? Die Wahrheit ist seit 100 Jahren nicht zu finden und so gibt es einen Wettbewerb um die Deutehoheit. Es bleibt ein physikalisch, spirituell, biologisch, philosophisch, mathematisch, religiös und sonst wie ungelöstes Rätsel.

Auf AICHINGERs Werk "Tunguska" (Öl auf Leinwand) steht ein junger Mann mit blauer Trainingshose und Basecap und hält an einem Seil eine rote, gefaltete Papierlaterne vor sich. Eine spielerische Pose, zwar mit ernster Geste eingenommen, aber ohne erkennbaren Tunguska-Bezug oder gar einen Verweis zu dessen Verständnis. Zunächst.
Die anderen Werke der Schau sind ebenso einzelnen jungen Menschen gewidmet, die - sitzend, liegend, stehend - mit einer Geste befasst sind, die eine spielerische Ersatzhandlung sein kann für etwas, was uns verborgen bleibt.
Es sind sehr ruhige, hoch konzentriert wirkende Momente. Die Figuren wenden ihren Blick ab, sind mit sich allein und ignorieren das Beobachtet-Werden vollständig, obwohl der Blick des Zuschauers bei den Werken dieser Schau näher dran ist als je zuvor bei Aichinger. Waren seine Stillleben mit Menschen bisher als eine Art Kammerspielbühne inszeniert, ist es jetzt das Labor.

Die wenigen Accessoires fallen in der extrem stillen und reduzierten Szenerie entsprechend auf; da sind die leeren Blätter, die unbeschriebene Papiere, und stellen die Frage nach dem Text, nach Mitteilung, nach Sprache; doch das Trägermaterial für Sinn und Inhalt verweigert uns ebenso eine Erklärung. An anderen stellen taucht eine kleine Fegefeuer-Figur auf: ein handtellergroßes Souvenirpüppchen, hüfthoch aus bunten Flammen ragend, einer Voodoo-Puppe nicht unähnlich. Auch diese Zutat bleibt unklare Geste; mag sein, dass den Figuren eine Qual bevorsteht, mit der sie Sünde und Unwürdigkeit ableisten müssen, aber der Weg zum Himmel ist klar. Doch welche Qual? Welche Sünde? Welcher Himmel?

Alle Werke der Schau sind Öl-auf-Leinwand-Arbeiten, in Lasurtechnik gemalt, in der AICHINGER eigenen Perfektion ausformuliert und aus der Dunkelheit des Raumes durch Tiefenlicht herausgearbeitet.
AICHINGER hat sich auf diese Malweise seit einigen Jahren festgelegt und kann sie immer noch steigern. Er habe seine "Technik optimiert" erklärt der Maler lapidar und verweist auf die steigende Geschwindigkeit, mit der er die Figuren auf die Leinwand bringt; die Bilder für diese Schau waren "ein guter Lauf". Wie etwas Serielles wirken die Arbeiten allerdings nicht. Beim Betrachten wird der Blick sofort verführt, den feinsten Nuancen und Konturen von Haut und Haar nachzugehen und wird wie magnetisch auf die außerordentlich feingliedrige Malweise des Werkes fixiert.
Das ist kein Naturalismus oder Fotorealismus konstatiert AICHINGER reflexartig. Kein Auge, auch keine Kamera kann das so sehen, wie es gemalt ist. Es ist hyperrealistisch.
Die unnatürlich übergenaue Malweise will nicht schön sein, ist eher abweisend kühl, und was für AICHINGER wichtig ist; sie schafft Distanz - einen Abstand, den es braucht, um über die "Überwältigungsästhetik" weit hinaus zu kommen, das Staunen zu überwinden und nach dem Wesen des Geschauten zu fragen.
AICHINGER hat sich an diesem Problem festgebissen. Wie entgeht man einer platten, handwerklich gut gemachten Darstellung, die als schön oder als perfekt schon zu Ende betrachtet ist?
Man muss überziehen, übertreiben. Muss dem Foto ausweichen oder es überholen. Die hyperreale Darstellung soll sich als Gegenmethode zur Abbild-Korrektheit erweisen.
Der Fotorealismus spielt mit der Beliebigkeit und Banalität. Er ist nicht auf Inhalte oder Schärfegrade festgelegt. AICHINGER will beim Betrachter einen Zustand erreichen, der ihm ein langes und unabgelenktes Betrachten abverlangt und ein singuläres Ereignis ermöglicht. Die kontemplative Ruhe soll sich von Bildmotiv und Malweise auf den Betrachter übertragen. Die Übergenauigkeit zwingt dazu.
Diese "irreale Schärfe" geht über die Werktreue hinaus und schafft mit der Distanz den Raum für freien Sinnbezug. AICHINGER will diese "Schärfe so weit treiben, bis es irrational wirkt". Dort wird es interessant. Denn "die Geschichten sind alle schon erzählt, aber der Sinn dahinter lauert noch tausendfältig."
Und wir sind mitten in Tunguska - und mitten in der Grauzone zwischen Kunst, Kultur, Wissenschaft und Natur.
Begreifen und Erklären sind begrenzt und der rein sinnlich emotionale Genuss nutzt sich schnell ab. Auch die naturgesetzlichen Systematiken versprechen keine Erhabenheit, sie degradieren den Menschen zum Objekt unter Objekten.
Allein die willkürliche Sinnsuche, die Möglichkeit, Sinn zu schaffen, verheißt dem Menschen eine einzigartige Position. Dieses Bestreben, diese zutiefst menschliche Bestimmung, ist in der Kunst am weitesten entwickelt.
Den Umgang mit dem Mehrwert "Sinn" stellt die Kunst über die Wissenschaft. Ein Kunstwerk definiert sich aus dem erlösten Gewinn an Sinn und ist keiner Wahrheit verpflichtet. Damit ist Kunst der traditionellen Wissenschaft weit voraus.
Hans AICHINGER hat mit seinen jüngsten Werken zu dieser Frage angestiftet. Der Umweg über Tunguska ist so perfekt wie seine Malweise, und er ist taktisch so klug, dass man sich gern von ihm leiten lässt.

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