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Einzelausstellung: Jörn Stoya - Wo ist norden von hier aus ? (vorbei)

27 Oktober 2012 bis 15 Dezember 2012
  Jörn Stoya - Wo ist norden von hier aus ?
 
  PETRA RINCK GALERIE

PETRA RINCK GALERIE
Ackerstrasse 199
40233 Düsseldorf
Deutschland (Stadtplan)

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„Der Mensch führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins im ganzen jedoch sucht er bevorzugt unter der Metaphorik der gewagten Seefahrt zu begreifen. […] Oft dient die Vorstellung der Gefährdungen auf der hohen See nur dazu, die Behaglichkeit und Ruhe, die Sicherheit und Heiterkeit des Hafens vorzustellen, in dem die Seefahrt ihr Ende finden soll.“ – so schreibt es der Philosoph Hans Blumenberg in seinem Buch „Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher.

Was passiert aber nun, wenn gerade die so unverrückbar geglaubte Vorstellung der Terra ferma, das Festland des Denkens in starken Seegang und mithin der gesamte Wahrnehmungsapparat ins Schwanken gerät? Welchen Kompass benötigt man dann, um sich durch die Unwägbarkeiten und die Erschütterung der Perzeption zu navigieren? Denn genau dies geschieht in den Malereien Jörn Stoyas, wenn der Schein und das Sein auf der spiegelnden Oberfläche sich einander irritierend nahe kommen und Anschein und Widerspiegelung miteinander um Sichtbarkeit ringen.

Zugleich aber sind es Werke, die nicht nur mit der reflektierenden Fläche spielen, sondern die auch dezidiert malerisch argumentieren. Formen überlagern sich, Farben und Flächen setzen sich zueinander ins Verhältnis, ab und an wird die mit – in der Hip Hop Szene gebräuchlichen – Markern aufgetragene Farbe wieder abgelöst oder Linien werden ins Farbfeld eingeritzt, so dass die Spuren der Bearbeitung offen bleiben. Es entsteht eine sichtbare Zeitlichkeit der Arbeitsprozesse, die sich in einer Überlagerung der einzelnen malerischen Elemente äußert. Diese Vorstellung der Schichtung überträgt sich auf die Idee des Bildsujets, das zwar abstrakt verhandelt wird, sich aber dennoch nicht von Assoziationen lösen will, die es mit Vorstellungen von Ablagerungen, Archiven, Schichtungen – auch geografischen Gesteinsschichtungen – in Verbindung bringen. Diese Assoziationsfelder treten nun mit den spiegelnden Elementen der Arbeiten, die den Raum in die Bilder hineinholen, in ein irritierendes Wechselspiel.

Ist es daher der in der Ausstellung platzierte Schiffskompass, der an der Grenze von Festland und Schein dem Haltsuchenden noch einen letzten Hafen zuweist – Wo ist Norden von hier aus? Und was geschieht mit dem Wahrnehmenden, der sich gespiegelt und sich in gewisser Weise verdoppelt in und außerhalb des wahrzunehmenden Objektes wiederfindet? Was ist real, was potenziell, was irreal in diesen Spiegelarbeiten, die immerzu um Verortung und Lokalisierung ringen?

Der durch die Werkoberfläche de facto reflektierte Ort bindet die Malerei in den bestehenden, sie umgebenden Raum ein. Der in den Titeln einer Werkserie aufscheinende Ort verankert die Arbeiten in der sich ins kulturelle Gedächtnis einschreibenden Funktion der Sprache – Where’s North from here? Ist es der Gorillaz-Titel, der, sobald er als Teil kollektiver Erinnerung erkannt ist, auch den Wahrnehmenden nun selbst an seine eigene Geschichte rückbindet? Das flüchtige Bild des Spiegels und der imaginierte Klang funktionieren hier als zwei Formen der Erinnerung, die durchaus miteinander um die Verlässlichkeit ihres Mediums ringen. Ist die persönliche Erinnerung verlässlicher als der Spiegel oder ist Sprache verlässlicher als das Bild? Denn was ist das für ein Norden, bei dem es sich um einen Ort handelt, der sich für den Künstler aber auch für die Betrachter mit Situationen und Geschehnissen füllen kann?

Sind es „Ideale Orte“, wie der Titel der Werkserie bezeugt, die durch ihren Untertitel, der immer einen Songtext zitiert, mit bestimmten individuellen Situationen korrelieren? Ganz sicher besitzen sie unterschiedliche Qualitäten, die von real zu virtuell die gesamte funkelnde Bandbreite der möglichen Erscheinungsformen aufrufen. Es sind Orte, „an denen etwas passiert ist, passieren könnte oder passiert“. Sie holen den Betrachter ins Bild und verwandeln so seine Präsenz, indem sie ihn mit der Reflexion im Spiegel auf Fragen des Erkennens verweisen.

Die Veränderungen der Oberfläche, die dem Licht oder den Bewegungen geschuldet sind, das gebrochene, durch die Marker verdunkelte und farblich veränderte Spiegelbild heben den fragilen Charakter des Mediums hervor und betonen sein ephemeres Dasein, das immer wieder die Schwelle, den Übergang zu einem Raum evoziert, der als Zwischenraum für kognitive Prozesse, als Sichtbarmachung des Denkraums fungiert. So funktionieren die Spiegel als Architekturen des Übergangs, die elementare Fragen der Verortung, der Orientierung und auch der Richtungszuweisung und der Handlung aufwerfen.

Kaum verwunderlich, dass in diesem Kontext der spiegelnden Bilder, das Thema der Variation, das sowohl im musikalischen als auch in der Navigation eine wesentliche Rolle spielt, schillernden Eingang findet. Während in der Musik die Variation das Thema einer Komposition durch rhythmische oder melodische Abweichungen verändert, bedeutet sie im Bereich der Navigation eine Abweichung zwischen geografischer und magnetischer Nordrichtung – Wo ist Norden von hier aus?

Wer in den Bildern Jörn Stoyas ohnehin in den Untiefen des Scheins navigiert, der findet eine Werkreihe, die auf Spiegel aufgeklebte rechteckige Spiegelstücke inszeniert. Die Arbeiten formen anscheinend ein architektonisches Gebilde und greifen zugleich die de facto im Raum bestehenden architektonischen Grundlinien auf, sie wiederholen und spiegeln sie. Der gespiegelte Raum wird in seinen Kompositionsprinzipien „mitgesehen“ und dennoch variiert. Dies geschieht nicht nur durch die sich verändernden Kompositionsstrukturen der jeweiligen Arbeiten oder durch die unterschiedlichen Orte ihrer Präsentation, sondern die Variation vollzieht sich auch im Innern der Serie. In Anklängen zu musikalischen Songtiteln betiteln sich die Arbeiten Ne Me Quitte Pas (Jacques Brel), Bitte geh nicht fort (u.a. Marlene Dietrich) und If you go away (Scott Walker). Es handelt sich um sprachliche Variationen ein und desselben Liedes, die in den unterschiedlichen Sprachen differenzierende Bewegungsrichtungen und Personalpronomina einführen und so die scheinbare Klarheit der Spiegelflächen konterkarieren. Im Changieren zwischen poetischer Irritation und poetischer Ergänzung spielen die Titel gekonnt mittels der sprachlichen Variation mit den möglichen Ebenen des Raums.

Wo ist Norden von hier aus? Hier der Kompass in der Ausstellung, dort die Fotokamera als Verortungsinstrument im Motiv der Einladungskarte… Raum wird gespiegelt, definiert und ausgefüllt und damit als ein bestimmter Raum „eröffnet“, gleichzeitig aber wird er auch irreal, virtuell, als Bild oder als Zeichen verstanden. Die Objekte, die ihn scheinbar bestimmen – der Kompass und die Fotokamera im Motiv der Einladungskarte – tragen gleichzeitig paradoxerweise auch zu seiner Brechung, zu seiner Verunklärung, zu seiner Fragwürdigkeit und damit zu seiner Hinterfragung bei. Welche Antwort erwarten wir beim Betrachten der Arbeiten auf die Frage „Wo ist Norden von hier aus?“. Sicherlich nicht die klare Richtungsbestimmung, die den geografischen Punkt definieren kann …

Stefanie Kreuzer

Düsseldorf, 2012

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