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Einzelausstellung: Kay Kaul - COLLECTORSCAPES (vorbei)

23 April 2004 bis 5 Juni 2004
  Kay Kaul - COLLECTORSCAPES
Kay Kaul
 
  Galerie Voss

Galerie Voss
Mühlengasse 3
40213 Düsseldorf
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)211-13 49 82
www.galerievoss.de


Perspektive in Verkrümmung

von Blazenka Perica

Warum ist es eine besondere Angelegenheit, einen Text über die Arbeiten von Kay Kaul zu schreiben? Ich glaube, es liegt daran, dass die Rundumfotos der Räumlichbetkeiten, denen er seine Kunst gewidmet hat, den Betrachter vor eine Reihe Fragen stellt, welche von vorne herein nicht Anfang noch Ende klar definieren lassen und nicht auf den ersten noch auf den letzten Blick zu beantworten sind.

Auf die Werkgruppen „Galleryscapes" (2001) und „Studioscapes" (2003), die in der Galerie Voss vorgestellt wurden, folgen die „Collectorscapes"(2004). Mit dieser neuen Werkgruppe vollendet Kay Kaul die Trilogie der Rundumfotos von Orten der Kunst; eine Werkreihe über Räume, wie man sie selten wahrnimmt. Die Gründe der Seltenheit sind viele. Die Tatsache, wie die Fotos aufgenommen werden, die Größe in der die Aufnahmen auf Ausstellungsorte übertragen werden und ihre spezifische Ausstrahlung führen zum Nachdenken über die bemerkenswerten technischen Bedingungen ihrer Entstehung, über die Wirklichkeitswerte der Kunst, insbesondere über die des Bildes und der Fotografie. Und beides - das exakte Wissen und die Poetik des Möglichen - erscheinen in gleichem Masse klar und rätselhaft.

Wie den Titeln der Werkgruppen zu entnehmen ist, handelt es sich in der `Raum-Trilogie´ von Kay Kaul um drei Kategorien von Orten der Kunst: Künstlerateliers, in denen Kunstwerke entstehen, Galerien, in denen Kunst der Öffentlichkeit gezeigt wird und Sammler-Räume, in denen Kunstwerke in der Sphäre des Privaten aufbewahrt sind. Kay Kaul hat dieses Unternehmen offensichtlich über Jahre und in drei Teilen geplant und verfolgt, und er hat in seinen künstlerischen Projekten eine präzise Struktur wohl bedacht umgesetzt. Bereits diese Feststellung verführt zur Überlegung mannigfaltiger Themata, die sich auf die Zeit, die Aufmerksamkeit und auf die Wahrnehmung als Grundlage der Haltung des Künstlers beziehen. Die reale Begegnung mit seinen Werken lässt aber keine Ruhe, keine fixe Aussagen zu, sondern erzeugt eine generelle Provokation des Wissens und des Erlebnisses als stets wechselnde Pole des menschlichen Erkenntnisprozesses.

Betritt man einen Ausstellungsraum mit Fotos von Kay Kaul, wie beispielsweise den Projektraum Schirmer Hof mit der dort 2002 installierten Arbeit „because I´ve got eyes in the back of my head", die in der Größe 3 x 17 m über 3 Wände gespannt war, muss man gleichzeitig die Realität verlassen, sowie auf seltsame Weise in ein wirkliches Hier und Jetzt hereinrücken. Die als Motiv von Kay Kaul ausgewählten Räume gibt es immer auch tatsächlich. Künstler, Galeristen und Sammler, befreundete oder interessensfolgend gewählte Personen, sind ebenso wahre Gestalten - auch wenn sie auf dem Foto nicht in der Szenerie erscheinen. Von einer rein dokumentarischen Abbildung der Realität sind diese Fotografien dennoch ebenso weit entfernt wie von reinen Moment-Aufnahmen. Es sind vielmehr die Ausblicke, die ein Betrachter sonst nicht antrifft, auch wenn er in der Wirklichkeit zu solchen Räumen Zugang haben kann. Möglicherweise liegt alles an der Art und Weise wie Kay Kaul diese Fotos erzeugt? Seine Kamera stellt er erstmal so in den Raum, dass ein Blickpunkt gefestigt wird. Von dort aus `zeichnet´ die im bestimmten Rhythmus von 30 Grad sich drehende Kamera das ab, was zu sehen ist. Die in der Aufnahmezeit angehaltenen 13 Fluchtpunkte ergeben eine von Kay Kaul zusammengesetzte Abbildung auf der nichts mehr auf dem gewohnten Platz zu sein scheint. Die Horizontlinien sind logischerweise gekrümmt, die Ecken und Kanten sind nicht mehr gerade und auch andere Beschaffenheiten aus denen Räume und Gegenstände bestehen, verändern sich.

Beim Betrachten der so geschaffenen Rundumfotos vermutet man auf den ersten Blick ein einfaches Verfahren, erfährt dann aber, dass es sich nicht nur um einen festen Standpunkt der Kamera handelt. Alles scheint sich dann zu drehen. Aber so leicht bleibt es nicht, wenn man einen Ausstellungsort mit Rundumfotos betritt und anfängt nachzudenken. Dort befindet man sich eben nicht nur auf einem doppelbödigen Terrain. Zu denken es wäre dem Eindruck mit einem uns wohl bekannten Dualismus von Innen und Außen im chartesianisch teilbaren Raum beizukommen ist ebenso unzureichend wie der Gedanke über den Dualismus von Betrachter und Objekt. Bei der Betrachtung der Fotos von Kay Kaul wird man rundum von menschenleeren, fremden Raumansichten wie von einer Hülle umgeben. Nun - die zweidimensionalen Flächen der Fotos, die uns per Definition eine angehaltene Zeit vermitteln, mit all deren VerZerrungen, geben uns aber mehr als das Gefühl in einer `Hülle´ zu stehen. Viel eher empfinden wir die Dreidimensionalität des eigenen Körpers. So vermischen sich Erinnerungen als eine Form des Wissens und die eigene Präsenz in einer Form des `Noch-Nicht-Wissens´ und bilden einen kognitiven, sehr anspruchsvollen Raum. Ohne Rahmen, wohl bemerkt. Vielleicht ist es genau diesen Raum, den Marcel Proust auf seiner „Suche nach der verlorenen Zeit" gemeint hatte, als er seinem Lehrer, dem Philosophen Henri Bergson, der über „memoire volontaire" und „ memoire involontaire" sprach, die Frage stellte: „Was sind die Erinnerungen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann?"

Kay Kaul hat es schon immer auf die Bewegung in der Fläche abgesehen. Anlässlich der Präsentation seiner „Studioscapes" brachte Helga Meister dies auf den Punkt indem ihn als „virtuellen Bildhauer" bezeichnete. Ein Filmemacher, ein Fotograf, ein Unternehmer, ein Programmierer und Erfinder – der Werdegang des Künstlers zeigt, dass sich Medien und Virtualität nicht so sehr von dem alltäglichen Leben absetzt, als vielmehr durchdringt und dass letztendlich alles eine Frage des Standpunktes ist.
Ist dies aber die Frage der uns bekannten mathematisch nachweisbaren Perspektiven? Da ist nicht nur über die unentbehrliche Digitalkamera nachzugrübeln. Es geht um ein paar Dinge, die anderes heißen könnten.
Die Perspektive ist nicht eine Erfindung, die seit Menscheitsanfang vorhanden war.

Brunelleschi, ein vielseitig begabter Architekt der Renaissance, hatte mit seinen Freunden, dem Bildhauer Donatello und dem Maler Masaccio in seinem Studio in Florenz über die Probleme der Volumendarstellung diskutiert. Als Vierundvierzigjähriger im Jahr 1420 entwickelte er ein System aus einem Grundriss, einem Aufriss und einem Seitenriss, mit dem er unter Zuhilfenahme der Schnittpunkte der Parallelen perfekt perspektivisch zeichnen konnte und führte somit die drei Grundfaktoren der Perspektive ein. Das waren seine Studien für den Bau der heute noch zu bewundernden Kuppel des Doms von Florenz. Kay Kaul hat sich als Vierzigjähriger 1997 auf eine andere, zum Abriss bestimmte Kuppel konzentriert. Für sein Projekt „Artibus" fotografierte er die Kuppel über dem Foyer des Düsseldorfer Kunstpalastes und installierte das Abbild in den Originalmaßen der Architektur 8 x 16 m in einer der Ausstellungshallen im Erdgeschoss. Die Perspektivlinien im Bild gingen dabei in den realen Raum über, so dass der abgebildete Kuppelbau die Architektur scheinbar erweiterte. Virtueller und realer Raum verschmolzen miteinander.
Der Renaissancemeister Brunelleschi malte ein Bild um seine Erfindung der Perspektive visuell zu demonstrieren. Er gab es den Leuten, um es durch ein Loch von der aus in einem Spiegel zu betrachten. Durch das Loch im Bild konnten die Betrachter abwechselnd das reale Motiv und das gemalte Abbild im Spiegel sehen und vergleichen. Damit konnten sie erkennen, dass parallelen Fluchtlinien tatsächlich zum zentralen Blickpunkt konvergieren. Diese Erfindung der Perspektive hat durch die Jahrhunderte alles andere als allein die Gewissheit des Standpunktes für die Betrachter hervorgerufen. Das, wie wir die Dinge sehen, wird durch die Arbeit von Kay Kaul ebenso verändert, wie unsere Sicht beispielsweise durch die Erkenntnisse von Relativitätstheorie und fraktaler Geometrie verändert wurde. Deren Ergebnisse haben hervorgebracht und behaupten, dass je genauer wir etwas messen, die Strecken, die wir beobachten desto länger werden. In der Kunst der Moderne spätestens neigte man dann dazu eher den eigenen Augen zu glauben, als der Präzision, die der Sache zu Grunde liegt. Fluchtpunkte und Erdlinie, die man benötigt, um einen Raum in der Tiefe in gleiche Abschnitte zu unterteilen – sie soll man nicht vergessen, aber dennoch auch verlassen können, um zwischen Sehen und Verstehen einen Bogen zu spannen. So schrieb der Maler van Gogh an seinem Bruder Theo, dass er nicht „akademisch korrekt darstellen möchte", sondern dass es ihm darum geht „derartige Anomalien, derartige Veränderungen der Wirklichkeit darzustellen, so dass sich – natürlich! – Lügen ergeben, wenn man so will, die jedoch wahrer sind als die buchstäbliche Wahrheit." Wie sieht es mit heutigen Perspektiven aus?
Es sind mir nicht zufällig im Zusammenhang mit Kay Kaul solche Zwiespältigkeiten und Fragen eingefallen, die das Erkennen mit Erinnerungen und Erlebnissen verknüpfen. Beim Kennenlernen seiner Arbeiten und in Gesprächen mit ihm wurde mir klar, wie wenig es sich um Lügen handelt. Ich wusste plötzlich wieder, dass kein Wissen mich davor schützen kann, Realität und Illusion derartig zu trennen, dass ich es - nur so - als unseren „Medienzeitalter-Blick" einordnen und akzeptieren werde. Es steckt einfach viel mehr dahinter. Die „mobile Perspektive" von Kay Kaul ist keine, die wir kennen – nicht Parallel-, nicht Schräg- und nicht Luftperspektive. Es ist jedoch eine überraschende Art, der Welt zu begegnen. Anstatt durch den „Schleier", wie der Architekt Alberti perspektivische Betrachtung einst nannte oder durch ein „Fenster", wie Leonardo da Vinci die selben Phänomene zu bezeichnen pflegte zu sehen, wählt Kay Kaul die heutige Möglichkeit die Medien zu nutzen und das Denken in Bewegung zu setzten. Seine Arbeiten beweisen in meinen Augen eine Haltung die besagt, dass ein Stativ und eine Kamera in richtigen Händen keine Angelegenheit der Technik oder eines Bilddokumentes sind, sondern ein Geschehensbild ergeben können. Die leibseelische Identität, das Geheimnis bleibt in der Tat unangetastet.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog und eine Edition in einer Auflage von 10 Exemplaren.

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