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Einzelausstellung: Kreissl & Kerber (vorbei)

10 September 2004 bis 23 Oktober 2004
  Kreissl & Kerber
Kreissl & Kerber, Shophousedesaster, 2003, 3-D Simulation
 
  Thomas Rehbein Galerie

Thomas Rehbein Galerie
Aachener Strasse 5
50674 Köln
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)221-310 10 00
www.rehbein-galerie.de


Der Flaneur des 19. Jahrhunderts streift ziellos durch die Stadt, sich selbst in der Masse der anderen Menschen verlierend, und geht wohin immer seine Neugier ihn führt, um Eindrücke zu sammeln.
In den 50er und 60er Jahren wird der Flaneur aus dem Geist der Spontaneität wieder belebt, um sich den urbanen öffentlichen Raum anzueignen - als Kampfansage an die Konsumgesellschaft: Die Situationisten entwickelten durch die Konstruktion von Situationen Konzepte für die Umwandlung der Stadt in einen Raum des Abenteuers. Damit wurde der Situationist gewissermaßen zum revoltierenden Flaneur, der aus der zunehmenden Starrheit der Städte ausbrechen wollte.
Das Künstlerduo Alexa Kreissl und Daniel Kerber begibt sich wie der Flaneur auf Spaziergänge durch die Metropolen der Welt; und obwohl sie in Ausstellungen zumeist Installationen, Zeichnungen und Animationen zeigen, findet ihre eigentliche Arbeit hier im öffentlichen Raum statt. Sie versuchen, die ‚Maschine Stadt' mit einem experimentellen, offenen Blick zu betrachten, mit Gewohnheiten zu brechen und sich in Gedanken einer gedachten idealen Umgebung auszusetzen. Die Zerstörung von Kontinuitäten ist die Grundbedingung ihrer Kreativität, der Wechsel zwischen den Szenen, das Sammeln von Material ist die Basis für die subjektive Montage der gewonnenen Bilder. Erst aus diesem osmotischen Gebilde von Gedanken und Ideen, von gesammelten, zerstörten und anders wieder zusammen gesetzten Formen, das sich aus den Spaziergängen entwickelt und selbst nur in ihren Köpfen existiert, entstehen am Computer und im Atelier die Vehikel, um ihren Ideenkosmos transparent und erlebbar zu machen.
Die Architektur der Stadt ist für beide der Ausgangspunkt und das Material zur Konstruktion von neuen sozialen und experimentellen Räumen. Um das zu gewährleisten, muss der Raum von seinen statischen und konstruktiven Grundlagen befreit werden, damit neue, autonome Architektur entstehen kann, die mit der herkömmlichen Idee von Architektur nicht viel gemein hat.
Ihre Entwürfe sind denen eines bekannten Künstler-Architekten sehr nahe, die allerdings ebenfalls nie verwirklicht wurden - obwohl der es im Gegensatz zu Kreissl&Kerber gern gewollt hätte: Der Niederländer Constant war 1957 Gründungsmitglied der Situationistischen Internationale bis 1960, beschäftigte sich dann aber über zwei Jahrzehnte lang in Modellen, Zeichnungen, Collagen und architektonischen Konstruktionszeichnungen mit dem Entwurf seiner utopischen Stadt ‚New Babylon'. "New Babylon ist eine offene Stadt, die sich frei nach allen Richtungen ausbreitet. Sie folgt den Spuren, die der Mensch bei seinen Wanderungen über die Erde hinterlässt. ... New Babylon ist nirgendwohin abgeschlossen, es kennt keine Grenzen und Barrieren - jeder Ort ist jedermann zugänglich ... Jede schöpferische Initiative des einzelnen wird in New Babylon zu einem Eingriff in das kollektive Lebensambiente und provoziert deshalb die unmittelbare Gegenaktion der anderen."
Während Constant jedoch auf die Beteiligung und Aktivität der Bewohner setzt, um New Babylon zu beleben, gestalten die beiden Künstler ihre eigenen Räume selbst immer wieder um und verwenden Elemente aus anderen Arbeiten in einem neuen Kontext. Der Betrachter muss nur mit offenen Augen ihr Werk und die Spuren jeder einzelnen Arbeit verfolgen. Diese nahezu lebendigen Räume strahlen eine Energie aus, die gleichzeitig den Willen zur ständigen Weiterentwicklung, aber auch die Ruhelosigkeit der Künstler vermittelt und das Zögern davor, sich in irgendeiner Weise dauerhaft festzuschreiben.

Ihre jüngste Installation basiert auf einem Japanbesuch von vor drei Jahren. Intuitiv haben Kreissl&Kerber ein Gebäude mit blau-gläserner Verkleidung und einer riesigen Werbefläche auf dem Dach als eines der Key-Visuals für ihre Arbeit ausgewählt und Elemente dessen in den beiden letzten Jahren bereits verwendet. Mit Hilfe einer 3D-Computersimulation wurde das originale Gebäude zum Einstürzen gebracht. Auf diese Weise ist ein neuer Raum entstanden: das oberste der drei ursprünglichen Stockwerke ist im Ganzen heruntergekracht und lehnt sich nun wie zufällig am Stumpf des Gebäudes an. Der mittlere hat sich in das Erdgeschoss hineingebohrt - von Ferne erinnert die Form an Tupperware, die in verschiedenen Größen eins in das andere gestapelt werden kann. Ein Halbgeschoss, das den oberen Umlauf des Hauses gebildet hatte, liegt wie ein Tablett auf der Skulptur auf.
Verbogene und gekrümmte Metallstreifen scheinen das Gebilde in den Raum hin zu verlängern, sie wirken wie Ausläufer des Komplexes, die sich gleichzeitig daran festklammern und ihm entfliehen. Ursprünglich bildeten sie den schützenden Rahmen um das Gebäude.
Zu den Elementen des Gebäudes ist ein überdimensionaler Fußball hinzugekommen, der als 'krönender' Abschluss auf der Skulptur oben auf liegt. In den einzelnen Feldern des Balles, die jederzeit zu einzelnen Flächen auseinander geklappt und wieder anders zusammen gesetzt (sic!) werden könnten, finden sich assoziativ gereihte Bilder aus dem künstlerischen Fundus, den die zeitgenössischen Flaneure regelmäßig aus ihren Köpfen leeren müssen, um Platz für neue Eindrücke zu schaffen. Der Ball - wie als ideeller Überbau der Installation - ist sichtbar und doch nicht erreichbar (weil zu hoch oben), und auf seinen Flächen sind unendlich viele Wege und Möglichkeiten enthalten, die Arbeit weiter zu entwickeln oder neu zu kombinieren. So tragen die Künstler nicht nur den Fundus mit in den Ausstellungsraum hinein, sondern machen dem Besucher, der sich die Installation selbst auf einem ausufernden, sich scheinbar beständig ausdehnenden Steg erlaufen kann, den Entwicklungsprozess ihrer Arbeiten nachvollziehbar und eröffnen ihm die Möglichkeit, in ihre Gedankenwelt über den urbanen Raum einzutauchen. Wenn der Besucher seine Umgebung in Zukunft zwar vielleicht nicht selbst aus der Perspektive des Flaneurs betrachtet, hat sich vielleicht doch sein Blick für die Stadt ein wenig verändert.

Ellen Blumenstein, 2004, Berlin

Zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, den 9. September 2004 von 18.00 - 21.00 Uhr laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.

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