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Gruppenausstellung: Minimalism Germany 1960s (vorbei)

12 März 2010 bis 30 Mai 2010
  Minimalism Germany 1960s
Daimler Contemporary Ausstellunsansicht

Charlotte Posenenske,
Hanne Darboven
 
  Daimler Contemporary

Daimler Contemporary
Alte Potsdamer Str. 5
10785 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)30-259 41 420
www.sammlung.daimler.com


Minimalism Germany 1960s
Daimler Kunst Sammlung

12. März bis 30. Mai 2010

Rund 60 Werke von 25 Künstler/innen
aus dem Zeitraum 1954 bis 1974

Im Januar 2010 Die Ausstellung zeigt wichtige Tendenzen abstrakter Kunst der 1960er Jahre in Deutschland aus der Daimler Kunst Sammlung: Konstruktivismus, Zero, Minimal Art, Konzept und Serialität. Von Vorläufern der 1950er Jahre ausgehend - wie Josef Albers, Norbert Kricke, Herbert Zangs, Siegfried Cremer - reflektiert die Schau abstrakte Kunstentwicklungen in den Städten Frankfurt, Düsseldorf und Krefeld, Stuttgart, Berlin, München und blickt auch auf angrenzende Schweizer Positionen. Vorgestellt werden rund 60 Werke von 25 Künstlerinnen aus dem Zeitraum von 1954 bis 1974.


Josef Albers, Karl Heinz Adler, Peter Benkert, Siegfried Cremer, Hanne Darboven, Karl Gerstner, Imi Giese, Mathias Goeritz, Gerhard von Graevenitz, Hajo Hangen, Erwin Heerich, Arthur Honegger, Norbert Kricke, Thomas Lenk, Heinz Mack, Karl Georg Pfahler, Verena Pfisterer, Charlotte Posenenske, Christian Roeckenschuss, Peter Roehr, Ulrich Rückriem, Eckhard Schene, Klaus Staudt, Franz Erhard Walther, Herbert Zangs
Die 1977 gegründete Daimler Kunst Sammlung hat einen Schwerpunkt im Bereich der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts, von dem Stuttgarter Kreis um Adolf Hölzel von 1910 über Bauhaus, Konstruktivismus, Konkrete Kunst, Minimalismus, konzeptuelle Tendenzen, Neo Geo bis in die jüngste Gegenwartskunst. Auf dieser Basis wurden in den letzten zehn Jahren gezielt Werkgruppen deutscher Künstler/innen hinzu erworben, die wegweisende Tendenzen der Abstraktion in den 1950er und 1960er Jahren repräsentieren.

Bedingt durch die tiefe Zäsur der restaurativen Kunstpolitik im Nazideutschland musste eine junge Künstlergeneration im Nachkriegsdeutschland den Anschluss an die abstrakten Avantgarden der 1910er bis 1930er Jahre neu suchen. Zugleich musste eine Formensprache entwickelt werden, welche das künstlerisch Erreichte auf die aktuelle kulturelle und politische Situation hin reflektierte und Antworten suchte auf die sukzessive bekannt werdenden Tendenzen amerikanischer Kunst. Erste wichtige Brückenschläge in diese Richtung waren die Auseinandersetzung mit den theoretischen Schriften von Willi Baumeister (›Das Unbekannte in der Kunst‹, 1947) und Paul Klee (seine Schriften zur Form- und Gestaltungslehre erschienen 1956 unter dem Titel ›Das bildnerische Denken‹) sowie die Aufarbeitung der deutschen Bauhaus-Tradition seit Anfang der 1950er Jahre.

In den 1960er Jahren konnte sich in Deutschland, zunächst weitgehend unabhängig von amerikanischen Entwicklungen der Zeit, ein eigenständiger Minimalismus entwickeln, vielfach unmittelbar angeregt von und in Auseinandersetzung mit den Ausläufern der Konkreten Kunst und der europäischen Zero-Avantgarde, die seit 1957 von Düsseldorf ausgehend mit ungewöhnlich inszenierten Ausstellungen und spektakulären Projekten für den öffentlichen Raum die Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Stelen, Kuben, im Raum liegenden oder vor der Wand stehenden Bildobjekte der Zero-Künstler repräsentierten um 1959/60 für die deutsche Kunst einen qualitativ wichtigen neuen Schritt.

Für den Übergang zu einem spezifisch deutschen Minimalismus war im weiteren die Düsseldorfer Kunstakademie 1962 bis etwa 1970 von großer Bedeutung. 1961 übernahm hier Joseph Beuys den Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei; sein ab 1957 unter anderem im Kontext seiner Aktionen angelegtes plastisches Vokabular reduzierter Alltagsformen - Kisten, Filz- und Eisenplatten, Eisenwinkel, Vitrinen, einfache Regale, Tuchobjekte, Metallkuben - bildete für viele seiner Studenten in den 1960er Jahren die Basis der Auseinandersetzung mit einem minimalisierten bildhauerischen Inventar. In der Klasse von Karl Otto Götz entwickelte der junge Franz Erhard Walther ab 1962 an der Düsseldorfer Akademie seine ersten protominimalistischen Objekte, ihm folgten 1964/65 Imi Knoebel, Imi Giese und Blinky Palermo als Schüler von Beuys. Parallel formulierten Hanne Darboven in Hamburg als Schülerin des Zero-Künstlers Almir Mavignier, Charlotte Posenenske in Offenbach (sie war 1951/52 Schülerin von Willi Baumeister in Stuttgart) und, außerhalb akademischer Zusammenhänge, Peter Roehr in Frankfurt erste Ansätze ihres minimalistischen Werks.

Die deutsche Künstlerin Charlotte Posenenske (1930- 1985) schuf in den 1960er Jahren bahnbrechende Skulpturen und Reliefs: Teilweise begehbar, beliebig reproduzierbar, im Raum frei zu positionieren, in industriellen Farben, aus ›armen‹ Materialien wie Pressspanplatten, Wellpappe oder Blech gefertigt. Die Wiederentdeckung der minimalistischen Kunstwerke Posenenskes ist auch durch die Erwerbungen für die Daimler Kunst Sammlung und deren weltweite Präsentation seit 2002 entschieden mit befördert worden. Die Künstlerin begann Ende der 1950er Jahre mit gespachtelten abstrakten Gemälden. Später knickte sie Aluminiumbleche oder fertigte Vierkantrohre für öffentliche Orte und performative Einsätze. Diese extrem reduzierten dreidimensionalen Werke, für die ihr Name heute steht, entstanden alle im kurzen Zeitraum von 1966-1968. Tief beeindruckt von den Protagonisten der amerikanischen Minimal Art eröffnete der Künstler Konrad Lueg, dann unter dem Namen Konrad Fischer, 1967 eine Galerie Düsseldorf; hier stellte Posenenske aus, zusammen mit Hanne Darboven, und parallel zu amerikanischen Künstlern wie Carl Andre und Donald Judd. Charlotte Posenenske beendete 1968 »aus politischen Gründen«, wie es allgemein heißt, aber künstlerisch konsequent, ihre bildhauerische Arbeit vollständig.

1965 reiste Charlotte Posenenske erstmals nach New York, sie stand damit am Anfang einer Welle, die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die wichtigsten Künstler eines spezifisch europäisch geprägten Minimalismus sowie die wegweisenden deutschen Kunstkritiker, Kuratoren, Galeristen und Sammler nach New York führte. 1966 traf Hanne Darboven in New York ein und entwickelte in der Begegnung mit der Minimal Art, vor allem mit Sol LeWitt, die Grundkonstanten ihres Werkes. Ihre seriellen Abläufe von Zahlen und geometrischen Figuren zählen neben den Skulpturen von Charlotte Posenenske, den handlungsorientierten Werkformen Franz Erhard Walthers sowie den Skulpturen von Eckhard Schene, Imi Giese oder Ulrich Rückriem zu den wichtigsten deutschen Beiträgen eines konzeptuell geprägten Minimalismus. Für die Serie der Konstruktionen arbeitete Darboven in New York mit Millimeterpapier und Perforationen, sie variieren das Punktraster in den Bildern ihres Hamburger Lehrers Almir Mavignier und die Reliefs der Gruppe Zero. Mit ihren gezeichneten Konstruktionen beteiligte sich Darboven zunächst an der von Joseph Kosuth organisierten Ausstellung Normal Art, neben Sol LeWitt, Carl Andre, Donald Judd, On Kawara u.a. LeWitt vermittelte Darboven ihre erste Einzelausstellung - gemeinsam mit Charlotte Posenenske - bei Konrad Fischer in Düsseldorf und ebnete der deutschen Rezeption ihres Werkes damit den Weg.
Franz Erhard Walther lebte von 1967 bis 1973 in New York und pflegte einen intensiven Austausch mit den amerikanischen Vertretern der Minimal Art. Wesentliche frühe Eindrücke Ende der 1950er Jahre bedeuteten für Walther die Begegnungen mit den Werken der europäischen Zero-Künstler, hier vor allem Manzoni und Fontana. In dieser Zeit entdeckte Walther den Materialprozess als Werkform und entwickelte in diesem Kontext Papierarbeiten und Bildobjekte, die eine große formale und konzeptionelle Nähe zu den zeitgleichen Werken der New Yorker Minimal-Künstler aufweisen. Ende der 1950er Jahre begann Franz Erhard Walther, zwischen Düsseldorf und Fulda arbeitend, die Erprobung prozessualer Strukturen und temporärer Produktions- und Handlungsformen wie Falten, Trennen, Teilen, Kleben, Einpacken, Stapeln, Leimen, Schneiden, Auslegen mit zu jener Zeit als unkünstlerisch geltenden Materialien wie Hartfaserplatten, Grundiermasse, Kleister, Nessel, Packpapier oder Filz. Daraus entwickelte Walther um 1962/63 die Werkgruppe der Stapel-Auslege-Arbeiten mit zwei unterschiedlichen Werkzuständen: der Stapel als Lager und Werkform zugleich und die verschiedenen, individuell vom Betrachter zu definierenden Formen der Auslegung auf dem Boden. Die Handlung des Auslegens ist als Bestandteil des Werkes definiert, wodurch das Temporäre, also die Zeit als bildhauerisches Material, in das Werk eingeht. Das Verhältnis von Material, serieller Reihung, Raum und imaginativer ›Nutzung‹ erprobt Walther in zwei Ausstellungen in Fulda 1963, die faktisch als prototypische Setzungen eines spezifisch deutschen Minimalismus gelten dürfen. Im Sommer 1963 präsentierte Walther eine Braune Matratzenform und zwei je 16-teilige Kissenarbeiten aus bunten Illustriertenseiten in der Galerie Junge Kunst, es folgte im Dezember eine raumbezogene Installation verschiedener skulpturaler Objekte: Eine Hanfschnur grenzte seine Werke umlaufend ein, auf der Stirnwand ein gelber Pappkasten und eine vertikale 5-teilige Kissenreihung, auf einem Stuhl ein Kissen aus Nessel, auf dem Boden ein großes luftgefülltes Papierkissen.

Etwa zeitgleich arbeitete der gerade 20-jährige Peter Roehr in Frankfurt an seinen Typo- und Fotomontagen, Letztere bestehend aus fixen Grundmustern von quadratisch oder querrechteckig ausgeschnittenen Fotodetails aus Zeitungsannoncen, montiert nach dem schlichten Prinzip der einfachen, unvariierten, lückenlosen Reihung. Bis 1965 entwickelte der Künstler sein Werk mit Ton- und Film-Montagen weiter, in völliger Zurückgezogenheit von der Frankfurter Kunstszene, jedoch eng befreundet mit Charlotte Posenenske. Roehr beschloss, keine Unikate, sondern von jeder Montage bis zu fünf Exemplare herzustellen - mit Jan Dibbets korrespondierte Roehr 1966 über die Idee einer »Massenkunst-Produzenten-Vereinigung«. Der Frankfurter Galerist Adam Seide ermöglichte Roehr 1967 eine radikale, Ausstellungs-Ausstellung betitelte Präsentation: zehn identische Arbeiten mit schwarzem Papier auf Pappe im Format 119 x 119 Zentimeter, die sogenannten Schwarzen Tafeln.

Die formal größte Nähe zum Werk Posenenskes in dieser Zeit zeigt die schmale, zwischen 1966 und 1968 entstandene Gruppe der Minimal-Skulpturen Imi (Rainer) Gieses. Auch Giese hatte sich zunächst Anfang der 1960er Jahre am Materialpurismus der Zero-Künstler geschult, entwickelte daraus dann aber modulare, mehrteilige Skulpturen aus geometrischen Grundformen, die, temporär im Innen- oder Außenraum aufgebaut, variable Konstellationen bilden. 1966 begann Erwin Heerich die Arbeit an seinen Planzeichnungen auf Rasterpapier und an den Kartonplastiken - Werkgruppen, deren Anfänge in den 1950er Jahren liegen, von strenger Konzeption, exakter Regelhaftigkeit und ökonomischer serieller Umsetzung (Heerich lehnte es jedoch ab, im Umfeld des Minimalismus auszustellen, so etwa 1968 in der Minimal­Art-Ausstellung bei René Block in Berlin). Gegen das starke Umfeld einer figurativen Malerei in Berlin in den 1960er Jahren stehen die reduzierten plastischen Bildobjekte und Skulpturen von Eckhard Schene und Peter Benkert: Schene realisierte zwischen 1968 und 1971 eine Gruppe meist schwarz lackierter Skulpturen, die mit illusionären räumlichen Durchdringungen und Perspektiven arbeiten, Benkert zeigte im Umfeld der Berliner Großgörschen-Gruppe seine an der Wand lehnenden Minimal Luschen. In zwei Minimal-Art-Ausstellungen im Sommer 1968 zeigte René Block in seiner Berliner Galerie u.a. Giese, Palermo, Posenenske und andere neben Donald Judd und Sol LeWitt.
Einige Momente wären in diesem Kontext noch zu erwähnen, die jedoch in unserer aktuellen keine Berücksichtigung finden. 1964 verbrachte Eva Hesse nach ihrem Studium in den USA ein Arbeitsjahr in Köln, hier realisierte sie im Sommer ihr erstes Bildobjekt: Durch die Öffnungen eines gefundenen alten Drahtgeflechts zog sie Schnüre und bedeckte diese mit Gips. Aus einer Auseinandersetzung mit Konstruktivismus und Suprematismus entstanden 1964/65 die ersten strukturell angelegten Bilder Blinky Palermos, gefolgt 1967 von einer Serie gleichformatiger Bildobjekte mit Stoff über Keilrahmen und minimalistischen Wandobjekten. Ebenfalls 1966 begann Reiner Ruthenbek an der Minimalisierung seines Formenvokabulars zu arbeiten, es entstanden die Werkgruppen der Leitern, Löffel und Schirme - nicht zufällig ist es Franz Erhard Walther, der für dieses frühe Werk schon 1966 in Fulda eine Ausstellung organisieren konnte. Wenn in Walthers Fuldaer Raum von 1963 die Initiation eines spezifisch deutschen Minimalismus gesehen werden kann, dann definierte der Hartfaserraum Raum 19 von Imi Knoebel und Imi Giese hier 1969 einen vorläufigen Höhepunkt: Dieser konstituierte sich aus plastisch-konstruktiven Grundformen wie Kuben, Rechteckplatten und Bogensegmenten, die sich auf dem Boden und an den Wänden stapelten und den Umraum zu einem begehbaren Gefüge strukturieren.

Die Daimler Kunst Sammlung wurde 1977 gegründet und zählt heute zu den bedeutenden europäischen Unternehmenssammlungen mit internationalem Renommee. Die Sammlung umfasst rund 1800 Werke von mehr als 600 Künstler/innen, ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts, von dem Stuttgarter Kreis um Adolf Hölzel von 1910 über Bauhaus, Konstruktivismus, Konkrete Kunst, Minimal Art, konzeptuelle Tendenzen, Neo Geo bis in die jüngste Gegenwartskunst. Weitere große Sammlungsbereiche widmen sich den Themen Automobil in der Kunst sowie internationale Fotografie und Videokunst, hinzu kommt der Komplex der großen öffentlichen Skulpturen in Stuttgart und Berlin. Ausstellungen im Unternehmen, im Daimler Contemporary am Potsdamer Platz Berlin und in internationalen Museen sowie Förderpreise für junge Kunst ermöglichen eine breite Auseinandersetzung mit der Sammlung.

Nach Ausstellungen der Daimler Kunst Sammlung in renommierten Museen weltweit - New York, Karlsruhe, Detroit, Johannesburg, Tokyo, Singapur, Sao Paulo - sind aktuell große Teile der Sammlung in seinen Ausstellungen in Wien präsent. Das Museum Albertina zeigt bis Ende April ›CARS. Andy Warhol, Robert Longo, Sylvie Fleury, Vincent Szarek. Auftragsarbeiten für die Daimler Kunst Sammlung 1986 bis 2005‹. Im Museum Moderner Kunst Wien wird vom 25. März bis zum 27. Juni 2010 unter dem Titel ›Bilder über Bilder. Diskursive Malerei‹ eine zweite große Schau mit Schwerpunkten abstrakter Kunst von Josef Albers bis Heimo Zobernig aus der Sammlung vorgestellt.

Dr. Renate Wiehager,
Leiterin Daimler Kunst Sammlung

Weite Informationen unter www.sammlung.daimler.com

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