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 Nick Crowe, Sammlung Witkowski, (Detail), 2008 | | |
Traversée präsentiert mit großer Freude die Ausstellung Periodic Table kuratiert von Katalin Timár.
In der Ausstellung Periodic Table werden Arbeiten von fünf etablierten und international anerkannten Künstlern gezeigt: Nick Crowe (GB-DE), Dora García (ES-BE), Stefan Nikolaev (BG-FR), Nika Radic (HR-DE), and Martin Schmidl (DE). Durch diese Verbindung, in einem Kontext, den die Arbeiten gegenseitig für sich herstellen, entsteht ein neues Element von künstlerischen Praktiken und ihrer Produktion im "Periodensystem". Die Entdeckung einer vormals unbekannten Substanz (Copernicium) und dessen Eingliederung in das bestehende Periodensystem vor einigen Monaten rückt die Fragwürdigkeit der Grenzen der naturwissenschaftlichen Forschung in unser Bewusstsein; dies kann Metapher für das grenzenlose Potential sein, welches im künstlerischen Schaffen der Zukunft liegt.
Dieses neue Element birgt noch weitere metaphorische Konsequenzen für die Ausstellung. Es wurde nach Nicolaus Copernicus benannt, einem der bedeutendsten Wissenschaftler der Neuzeit, welcher die Betrachtungsweise der Stellung des Menschen im Universum grundlegend verändert hat. Copernicium ist dem Element Quecksilber sehr ähnlich, existiert jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde; Geschwindigkeit und Beweglichkeit sind somit seine wesentlichen Eigenschaften. Die Neuentdeckung eines Elementes (oder, übertragen auf diesen Zusammenhang: das Auftauchen eines neuen Werkes) ruft im Rückblick eine Neudefinierung des bestehenden Systems chemischer Substanzen (oder: der Kunst) hervor und ist dadurch imstande unsere Betrachtungsweisen unterschiedlicher Aspekte der Wirklichkeit neu zu bestimmen.
In einem Punkt unterscheidet sich Periodic Table auf fundamentale Weise vom Periodensystem, nämlich darin, dass im letzteren jedes Element nur eine mögliche Position einnehmen kann. In der Tat basiert die Erstellung eines solchen wissenschaftlichen Systems, darauf, dass alle seine Einzelteile eine fixe und stabilen Position innerhalb der Struktur haben. In der Ausstellung Periodic Table nehmen die Werke wohl einen physischen Ort im Ausstellungsraum, jedoch unendlich viele mögliche Interpretationen und Bedeutungen innerhalb des geistigen Anschauungsrasters des Betrachters ein.
Nick Crowe's Installation (The Witkowski Collection, 2008) geht von der alkoholischen Miniaturflaschensammlung aus, welche der polenstämmige, in London lebende Ingenieur Wojciech Witkowski im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat (1930-1997). In Crowes Interpretation dieser Sammlung verbindet sich das persönliche und eigentümliche Interesse eines Durchschnittsmenschen mit der allgemein bekannten Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihren geopolitischen Auswirkungen, dies unter besonderer Betonung von deren Absurdität.
Dora Garcías Eröffnungsperformance (Der Künstler ohne Werke) verwendet die Form des Monologes, getarnt als Führung, wie sie in der heutigen Museums- und Ausstellungspraxis verbreitet ist. Im Laufe der Führung tritt jedoch ihr provokanter und philosophischer Charakter zu Tage - zwei Mittel, welche den Betrachter dazu anregen sollen, das System und die Produktion der heutigen Kunst, welche sehr oft in der Herstellung von "noch einem Objekt" für den glücklichen Konsum besteht, zu hinterfragen. Die Paradoxität der Performance liegt jedoch in seiner Existenz.
In Stefan Nikolaev's Serie von Dyptichen werden verschiedene Ebenen von Text- und Bildinformation miteinander kombiniert. Die einzelnen Ebenen werden nicht zu Bildern vereint, sondern behalten ihre spezifischen Bedeutungseigenschaften bei und stehen im Dialog miteinander. Die verschiedenen Darstellungsweisen - im Sinne von Formgebung und materieller Erscheinung -, mit welchen sich die Arbeit an den Betrachter wendet, schaffen eine Dynamik der Ungewissheit, welche durch den fragmenthaften Charakter der Einzelteile verstärkt wird.
Nika Radic's ortspezifische Nachtprojektion (Office Cleaning, 2009), bildet ein schiefes Verhältnis zwischen dem Betrachter und dem, was er zu sehen ausgesetzt, da das Video Putzfrauen bei Ihrer Arbeit im Raum zeigt. Das Schauen der Betrachter kann aus mehreren Gründen für "deplatziert" befunden werden: sie erhalten die Möglichkeit einen Blick in einen Raum zu werfen, wenn sie es nicht sollten, Menschen anzusehen, die arbeiten, während sie sich selbst in der Freizeit befinden und sie bekommen ein Kunstwerk zu sehen mit Menschen, die sich in der Galerie nicht aus Spaß sondern zum Arbeiten aufhalten.
Matin Schmidl's Serie (/uni-ball eye mitsubishi 3 / Common Design - Lectures) umfasst 180 Zeichnungen, welche der Künstler während oder inspiriert von Vorträgen geschaffen hat. In diesen Bildern verwischen sich auf geschickte Weise die Grenzen zwischen Dokumentar und Fiktion, zwischen Realismus und Karikatur, zwischen bildlichen und verbalen Darstellungen. Es sind persönliche Eindrücke, welche die Form einer soziokulturellen Untersuchung von stark kodierten und in spezifischen Zusammenhängen auftretenden Verhaltensmustern annehmen.
Katalin Timár
Katalin Timár ist Kuratorin und Kunsttheoretikerin. Sie arbeitet als Kuratorin am Ludwig Museum of Contemporary Art in Budapest. 2007 kuratierte Sie den Ungarischen Pavillion auf der Biennale von Venedig und wurde hierfür mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. |