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Gruppenausstellung: Rouven Dürr / Karin Frank - MENSCH MONSTER (vorbei)

5 Juni 2010 bis 3 Juli 2010
  Rouven Dürr / Karin Frank - MENSCH MONSTER
Rouven Dürr
 
  Galerie Lisi Hämmerle

Galerie Lisi Hämmerle
Anton-Schneiderstr. 4a
6900 Bregenz
Österreich (Stadtplan)

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tel +43 (0)664 - 528 82 39
www.galerie-lisihaemmerle.at


Zu den Arbeiten von Rouven Dürr und Karin Frank
von Sarah Kolb

Sich ängstigen oder lächeln, das ist die Wahl, vor der wir stehen, wenn uns das Fremde überfällt; wofür wir uns entscheiden, hängt davon ab, wie vertraut wir mit unseren eigenen Phantomen sind. Julia Kristeva Entgegen den vorherrschenden Tendenzen der zeitgenössischen Bildhauerei zu Formalismus und Abstraktion auf der einen und Hyperrealismus und Kitsch auf der anderen Seite, zeigt die Ausstellung MENSCH MONSTER mit Rouven Dürr und Karin Frank zwei bildhauerische Positionen, die nicht nur einen figurativen Zugang verfolgen, sondern die sich mit der Figur des Menschen auch im Sinne ihrer inneren Abgründe beschäftigen. Rouven Dürr und Karin Frank behandeln den menschlichen Körper eben nicht als autonome Form oder als solides Oberflächenphänomen. Vielmehr steht bei beiden ein irrationales, geradezu monströses Bild des Menschen im Vordergrund, das von inneren wie äußeren Gewalten, Mächten, Ängsten und Befremdlichkeiten beherrscht ist. Es wäre allerdings ein Trugschluss zu glauben, nur weil diese Arbeiten ein Moment des Monströsen vermitteln, handle es sich hier um eine negative, exhibitionistische oder gar destruktive Form der Auseinandersetzung. Denn bei genauerer Betrachtung ist das Monströse ein zutiefst ambivalentes Phänomen, in anderen Worten, es beruht nicht nur auf Gefühlen der Abstoßung, sei es in Form von Verunsicherung, Grauen, Angst oder Ekel, sondern mindestens im gleichen Maße auf Momenten der Anziehung, sei es durch bloße Neugierde und Sensationslust oder durch Betörung und Erotik.
Rouven Dürr präsentiert unter dem Titel Raub der Sabinerin eine Serie von Tuschezeichnungen und eine Skulptur, mit denen er auf eine lange Traditionslinie bildhauerischer Auseinandersetzungen mit dem Thema verweist - angefangen bei Giovanni Bolognas berühmter frühbarocker Skulptur mit dem gleichnamigen Titel (1583) und bei Adriaen de Vries' innovativer Interpretation des Motivs (1621). Der zugrunde liegende mythologische „Raub der Sabinerinnen", den ich seiner geradezu monströsen Logik wegen kurz erwähnen möchte, erfolgte kurz nach der Gründung der Stadt Rom, um den vielen neu zugewanderten und daher meist männlichen Bewohnern der Stadt mit der List eines vorgeblichen Kampfspiels kurzerhand zu Frauen zu verhelfen. Die List war erfolgreich, und mehr als das, denn die geraubten Mädchen, unter ihnen viele Sabinerinnen, ließen sich nicht nur eine nach der anderen zur Heirat bewegen, sondern überzeugten daraufhin auch ihre Väter und Brüder, von ihren Männern und Kindern zu lassen und mit den Römern Frieden zu schließen. Das Motiv Raub der Sabinerin verweist damit auf die ambivalente Situation, dass die von Fremden überwältigten und geraubten Frauen letzten Endes doch persönlichen Gewinn aus ihrer vermeintlich ohnmächtigen Lage schlagen konnten, ja vielleicht sogar eine gewisse Lust und zumindest die Frohbotschaft des Friedens. Im Sinne dieser Ambivalenz, aber auch aufgrund der Tatsache, dass die Motive der Macht, des Fremden und des bedingungslosen Ausgeliefertseins an ein Anderes zutiefst sexuell konnotiert sind, kommt im Motiv Raub der Sabinerin ein Moment des Monströsen zum Tragen - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Bei Rouven Dürr bleibt das Monströse jedoch nicht auf die inhaltliche Ebene beschränkt, sondern setzt sich auch auf der formalen Ebene durch und fort. Ausgehend von der Skulptur, die sich nur leise in Richtung des Ungestalten, Klobigen und Widernatürlichen bewegt, lässt er seine Figuren in den Zeichnungen gleichsam wuchern und Auswüchse entwickeln, die bis hin zur Entstellung und vollkommenen Deformation ihre Blüten treiben. Die Körper, einerseits im Kampf, andererseits in inniger Umarmung vereint, werden nach und nach zu schwarzen Flecken, oder vielmehr schwarzen Löchern, auf ihre bloße Materialität und unausweichliche Anziehungskraft reduziert. Was bleibt, sind monströse, schwerfällige Figuren, die doch nicht einer gewissen Leichtigkeit entbehren, insofern sie ein Moment des Getragenseins und der Zuversicht durchscheinen lassen.

Karin Frank, die eine Reihe von klein- und mittelformatigen Skulpturen sowie einige Aquarelle zeigt, setzt sich in ihren Arbeiten mit einer Form von Monstrosität auseinander, die nicht nur die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren verwischt, sondern die, um es mit Rasmus Overthun auszudrücken, überhaupt „die Grenzen des Feldes der körperlichen Erscheinungen zu überschreiten droht". Bei Frank mutiert der menschliche Körper zur extrovertierten Figur, an deren Oberfläche gleichsam nach außen gestülpte Innerlichkeiten und Befindlichkeiten, physisch-psychische Kämpfe und Auswüchse das Licht der Welt erblicken. Es sind sozusagen innere Ungeheuerlichkeiten und Auseinandersetzugen jenseits physischer Dimensionen, die sie teils in ganz offensichtlich monströsen, teils aber auch in physiologisch völlig unauffälligen Körpern verbildlicht. So ist eine von Kain Franks Figuren mit ihrer eigenen Nabelschnur wie im Kampf mit einer unbezwingbaren Schlange verwickelt, gleichzeitig verschlungen und verschlingend; eine andere kämpft, im buchstäblichen Schweiße ihres Angesichts, mit dem erdrückenden Gewicht der Welt. Eine weitere Skulptur mit dem Titel Fellsteiger zeigt ein Paar - er, ein seiner Beine beraubtes und über und über behaartes Monster, wie eine Pflanze, die sich aus dem Dunkel der Erde windet und ihre Kraft gerade erst zu entfalten beginnt - sie, an seine Brust geschmiegt, wie in einem Traum oder Albtraum versunken, in inniger Umarmung mit seiner Naturgewalt. Oft akzentuiert Frank das ambivalente Verhältnis von Innen und Außen, Psychischem und Physischem, auch durch eine geradezu monströse Dimensionierung der Körperöffnungen und ihrer Ausscheidungen, wodurch ihre Skulpturen nicht nur an die Grenzen des Sichtbaren rühren, sondern in manchen Fällen durchaus auch an die Grenzen des sprichwörtlichen guten Geschmacks. Wir haben es hier nicht nur mit Intimitäten zu tun, mit Zonen der Innerlichkeit, des Persönlichen und Verborgenen, nicht zuletzt der Sexualität, sondern auch mit Intimidationen, in anderen Worten, mit Einschüchterungen und Schreckgespenstern, die unter der vermeintlich stabilen und überschaubaren Oberfläche eines jeden lebendigen Körpers zu lauern scheinen. Im Anschluss an Sigmund Freuds Begriff des Unheimlichen, auf den sich Julia Kristeva in ihrer Analyse des Fremden bezieht, könnte man auch sagen, Karin Frank verbildlicht in ihren Arbeiten die Regungen eines archaischen, narzisstischen und in erster Linie selbstbezogenen Ich, dessen Konturen mit jener der Außenwelt verschwimmen und das alles, was es als verunsichernd oder bedrohlich empfindet, „aus sich heraus projiziert und daraus einen fremden, unheimlichen, dämonischen Doppelgänger macht". Was die Arbeiten in dieser Ausstellung auszeichnet, ist eine unheimliche Präsenz und Dichte. Wenn sie monströs sind, so im zutiefst ambivalenten und produktiven Sinn des Wortes. Denn diese Arbeiten handeln nicht nur von Gefühlen der Abstoßung, der Verunsicherung und der Befremdung, sondern auch davon, wie diese paradoxer Weise eine magische Anziehungskraft auf uns ausüben. Mit Julia Kristeva, der ich das Schlusswort überlassen möchte, könnte man auch sagen, diese Arbeiten liefern uns ein Bild unserer ureigenen Phantasien und Monster: „Sich ängstigen oder lächeln, das ist die Wahl, vor der wir stehen, wenn uns das Fremde überfällt; wofür wir uns entscheiden, hängt davon ab, wie vertraut wir mit unseren eigenen Phantomen sind."

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