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Einzelausstellung: Sabina Baumann - Finger aus Licht (vorbei)

19 November 2011 bis 7 Januar 2012
  Sabina Baumann - Finger aus Licht
Sabina Baumann
 
  Galerie Mark Müller

Galerie Mark Müller
Hafnerstrasse 44
8005 Zürich
Schweiz (Stadtplan)

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tel +41 (0)44 - 211 81 55
www.markmueller.ch


Sabina Baumann
«Finger aus Licht»

Sabina Baumanns Installation drängt, dicht an der Glasfront der Galerie platziert, auf die Strasse. Eine mit Acrylfarbe gegossene, rechteckige Fläche erstreckt sich über die gesamte Breite des Raumes und präsentiert sich als eine Art Bühne. Darauf begegnet uns der von Baumann häufig eingesetzte, ungebrannte Ton in einem Spiel mit bekannten Symbolen. Einmal ist er zu einer Urne geformt, dann breitet er sich zu Staub zerhämmert als Peace-Zeichen aus. Diese vermeintliche Asche in Form des Friedenssymbols lässt an Redewendungen wie «Rest in Peace» oder gar eine Botschaft aus dem Jenseits denken. Als ob der Tod, nichts mehr als eine Staubanhäufung, es noch für nötig erachte, die Welt mit dieser grossen Friedensgeste ihrer Übel zu ermahnen. Das hier überdimensional präsentierte Piktogramm wurde 1958 für die Kampagne zur nuklearen Abrüstung entworfen und ist auch in Baumanns Arbeit durchaus in einem aktuellen politischen Kontext zu lesen, vielmehr aber thematisiert die Installation auch zeitlose Geschichten der Vergänglichkeit und des Zerfalls. Die flaggenartige Fläche wirkt organisch, zieht sich wie eine Haut über den Boden, wird, von Strömungen durchzogen, zu einer teichartigen Struktur und erinnert an die Topographie einer grünen saftigen Landschaft. Darauf wirkt die Asche umso trockener und flüchtiger: Man meint, sie könnte jeden Augenblick vom feuchten Untergrund aufgesogen werden.

Diesen Übergang von Körper zu Landschaft finden wir auch in den grossformatigen, detaillierten, reich mit Sinnbildern beladenen Bleistiftzeichnungen wieder. Die Bilder setzen einander durch die Hängung formal fort und werden so zu Ausschnitten einer unendlichen Geschichte. In traumartigen, surrealen Zusammenhängen werfen sie Fragen zu Sozialem, Gesellschaftlichem, Politischem, aber auch Körperlichem und Emotionalem auf.

Das Peace-Zeichen begegnet uns wieder. In der Arbeit «Road Map for Peace on Wheels at Night» wird es beinahe lehrbuchartig in der Winkersprache erläutert, daneben taucht es als Graffiti auf einer Backsteinmauer auf, erscheint in den abstrahierten Speichen eines Fahrrads, bis in einem weiteren Element der Zeichnung die einzelnen Striche des Symbols unregelmässig um den Mittelpunkt rattern und den Übergang zu Fensterkreuzen bilden. Diese wiederum öffnen Blicke ins Private und behandeln im weitesten Sinne Grenzen zwischen Innen und Aussen, Privatem und Politischem. Vor der Backsteinmauer verliert ein Wagenrad Speichen und wird ebenfalls zum Friedenssymbol, aber viel mehr als das, trägt dieses Rad in seiner altmodischen Erscheinungsweise zu einem Anachronismus bei, der exemplarisch für die Parallelwelten steht, die sich in Baumanns Bildern vereinen.

In einer anderen Werkgruppe werden diese Welten von bizarren Steinwesen bewohnt, die bei Sabina Baumann immer wieder auftauchen. Sie sind nicht recht fassbar, vollständig befreit von gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen und Klischees. In «Haufen 1» werden sie, mit kunsthistorischen Zitaten angereichert, zu einer Art Kulturhaufen aufgetürmt. Dem gegenüber steht ein zweiter Haufen, in dem es brachialer zu und her geht und die nackte Existenz zum Thema wird. Hier wird gegessen, ausgeschieden und geküsst, aus menschlichen Überresten wachsen feine Pflänzchen empor, die wiederum in den Mündern landen. Mit comicartigen Extremitäten umarmen und berühren sich die Steine gegenseitig und stellen so gleichzeitig kulturell bedingte Konventionen hinsichtlich Form und Hierarchie amouröser Beziehungen in Frage. Dann, im dritten Bild dieser Gruppe, liegt eine einsame, sich selbst umschlingende Form; ihre schwarzen Tränen haben einen See um sie herum gebildet. Vertikale Striche, mit einem Gitter oder Regen zu assoziieren, ziehen sich über das ganze Papier. Nicht einmal Sonnenstrahlen – Finger aus Licht, um auf Sabina Baumanns metaphorische Umschreibung im Ausstellungstitel zurückzugreifen – liebkosen diesen Körper. In der melancholischen Darstellung zeigt sich, wie sehr Baumanns Zeichnungen immer auch poetischer Ausdruck von emotionalen Befindlichkeiten sind.

Julia Schmidt

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