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Einzelausstellung: Sabine Richter - paradoxa (vorbei)

9 November 2006 bis 12 Januar 2007
  Sabine Richter - paradoxa
Sabine Richter, Grid II, 2005, C-print, Aludibond/Acrylglas, 70 x 100 cm
Courtesy Galerie Lindner, Abbildung in Druckqualität gerne auf Anfrage
 
www.galerie-lindner.at Galerie Lindner

Galerie Lindner
Schmalzhofgasse 13/3
1060 Wien
Österreich (Stadtplan)

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tel +43 - 1 - 913 44 58
www.galerie-lindner.at


Einladung

Galerie Lindner
zeigt

Sabine Richter: paradoxa

Eröffnung Mittwoch 8. November 2006 19.00 Uhr
zur Ausstellung spricht Marc Ries

Vom stummen Bild zum hörenden Bild.
Überlegungen zur Fotografie, angewendet auf die Arbeit von Sabine Richter
Marc Ries


Ich beginne beim fotografischen Bild als einem Bild, das stumm ist. Dieses stumme Bild ist stumm, weil es Schrift und nicht Sprache ist. Es gab nie eine Sprache "davor", "vorher", die in das Bild sich-übersetzend drängte, wie das lange Zeit für die Malerei der Fall war: geschwätzige Bilder, die ihren Ausdruck vielen zur Verfügung stellten, nur nicht sich selber.

Die Fotografie, sie ist seit Anbeginn stumm, ihre Stummheit meint nicht die Abwesenheit von Sprache, sondern die Anwesenheit einer "stummen Sprache", von Schrift oder Form als ein Erstes, das sich zeigt und nicht spricht. Keine Übersetzung, kein Kleiderwechsel also, sondern eine Genese, eine Formgeburt.

Diese fotografische Schrift resultiert aus dem Aufnehmen all jener Dinge, die im Moment der Aufnahme selber stumm sind und also mit der Fotografie Zeugnis ihrer selbst erhalten. Die Dinge, das sind zunächst jene zahllosen schweigsamen Menschen, die porträtiert werden und die ihre Stummheit als Kondition ihrer Wiedererscheinung im Bild erfahren, als Körper, nicht als Sprache. Denn es sind die Körper, die wiedergefunden, beachtet, anerkannt werden wollen. Und dann sind es vor allem all jene Dinge, die nie reden konnten, die in der Komplizenschaft mit dem Fotografischen ihre Anwesenheit als Lichtabdruck oder vielleicht besser als Lichtform nutzen, um dem Betrachter etwas zu zeigen, das die Sprache kaum je aus sich hätte erschaffen können (Sprachen sind ja des öfteren blind, leiden an Blindheit der Welt gegenüber). Das, was die Dinge als fotografische hinfort zeigen, ist ihr "Geheimnis", oder, vielleicht besser, ist eine Geheimschrift, die einen Zugang eröffnet zu dem, was Jacques Rancière das "ästhetische Unbewußte" nennt.

Beinahe ist es so, als ob die Fotografie dazu aufgerufen ist, jenen "Rücken der Dinge" zu zeigen, den Ernst Bloch in einem schönen kleinen Text mit der Frage, was denn die Dinge ohne uns treiben, beschreibt: "Das Leben hat sich unter und auf den Dingen angesiedelt, als auf Objekten, die keine Atmung und Speise brauchen, "tot" sind, ohne zu verwesen, immer vorhanden, ohne unsterblich zu sein; auf dem Rücken dieser Dinge, als wären sie der verwandteste Schauplatz, hat sich die Kultur angesiedelt."

Die stumme Fotografie nun, ihr gelingt lange Zeit per se, die Hierarchien der Repräsentationsordnung zu unterlaufen und zu verkündigen, dass alles, ein jeder "gleichberechtigt, gleich wichtig, gleichermaßen bedeutsam" (Rancière) sei. Sie verstärkt und bestärkt das Vertrauen in das Kleinste, das Vereinzelte, das Banale, das Fragment.

Doch auch die Fotografie wurde zum Aussagen, zum Sprechen gezwungen, zum Übersetzen angehalten. Sie wurde überformt von allem Möglichen und musste ihre Komplizenschaft mit den Dingen oft genug aufkündigen. Allzu viele glaubten nun allzu Vieles in allen Bildern zu "lesen" und also zu verstehen und also übersehen zu können.

Nun wird eine zusätzliche Arbeit notwendig, eine ästhetische Arbeit an der stummen Form des ästhetischen Unbewussten der Dinge. Hierzu bedarf es, und ich folge hier wieder einer Beobachtung von Jacques Rancière, einer paradoxen Voraussetzung: Damit das "Banale" sein Geheimnis preisgibt, der Rücken der Dinge sich dem Blick der Kunst zeigt, muss das Einzelne zunächst mythologisiert werden. Rancière bezieht sich hier auf die Dichter, die Geologen und Archäologen werden, um die "wahre Geschichte einer Gesellschaft" hinter den bunten Ge-Schichten und Mythen der Alltagsdinge zu schreiben. Mir kommt jedoch vor, dass für die fotografische Kunst keine Mythologisierung der Dinge notwendig ist, vielmehr muss das Einzelne dort aufgefunden werden, wo es sich bereits in einem anderen denn seinem "natürlichen" Zustand zeigt. Es muss sich noch verkleinerter, reduzierter, minimalisierter, besser: es muss sich von seiner faktischen Materialität noch abstrahierter zeigen, um das Spurenlesen, das Wahrnehmen der historischen Strata, das Erkennen seines Geheimnisses zu ermöglichen. Die Abstraktion erst ermöglicht das Wiederfinden des Unvergleichlichen.

Hierzu gibt es verschiedene Taktiken. Auf zwei, die Sabine Richter in Verwendung hat, möchte ich näher eingehen: abstrahierender Ausschnitt/Dekomposition und Spiegelung:

"Dietla" zeigt in drei Tableaus verschiedene Ausschnitte einer Mauer mit einer über einem Gestänge versperrten Öffnung. Nichts ist zu sehen ausser einer breiten, kargen Mauerfläche, dunklen Stäben und dem Grün eines Rasens dahinter. Dennoch: Die drei Ausschnitte verhalten sich gerade ob ihrer Dekomposition als dekontextualisierte Materialität und als nicht-lineare Abfolge filmisch zueinander, sie evozieren eine investigative Bewegung, obwohl sie doch nur den immer gleichen kleinen, unbedeutenden Teil zeigen. Durch die a-logische Iteration verlangsamt sich der Blick, und nun können die Mauer, die Stäbe und das Grün zu erzählen beginnen.

"Dzien dobry diego" macht die vorgefundene Spiegelung eines entleerten Schaufensters zur Produktivkraft der Dinge und ihrer Erscheinung. Entlassen aus ihrer Funktion der Inszenierung der Waren, illuminieren die Spiegelungen nunmehr alles andere, das in ihr Reflektionsfeld tritt oder einfach immer schon da war: das gegenüberliegende Haus, das rote Automobil, der vorbeigehende Mann, der hineinschaut in die Leere des Raumes und dem Kamerablick für kurze Zeit begegnet. Und wieder drei Teile, die zueinander in Bewegung sind und die Betrachtung immer mehr in die historisch komplexe Semantik der Stadt ziehen. Auch die Arbeit "L´espace" lässt eine Reflektion das Funktionale einer Architektur brechen: Die Ausschnitte provozieren den Verdacht, diese Bilder seien ohne Referenz, wären photogenerative Bilder, Bilder aus dem Inneren von Programmen, rein künstliche Formen. Doch auf der Fassade die zitternden Schatten von Bäumen, Spiegelungen vom Disfunktionalen einer Natur. Der Blick verharrt, nimmt plötzlich Unebenheiten wahr, kleine Abnutzungen, Lebensspuren. Das Ding beginnt unter seiner Maskerade zu vibrieren.

Offensichtlich sind auch diese Bilder stumm, doch auf eigentümliche Weise scheinen die Bilder zu hören. Sie treten in Resonanz zu ihren Gegenständen, deren Abbild sie zwar leisten, wesentlich jedoch ist, dass sie Klangkörper sind. Die Schwingungen der Erzählungen der Dinge, so "ungegenständlich" sie sein mögen, nehmen die Begegnung wieder auf zu denen, die hören wollen.

Ernst Bloch: Der Rücken der Dinge. In: Spuren. Frankfurt am Main 1969
Jacques Rancière: Das ästhetische Unbewußte. Zürich, Berlin 2006

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