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Einzelausstellung: Steffen Junghans - Erinnerung - Fotografie (vorbei)

7 September 2012 bis 7 Oktober 2012
  Steffen Junghans - Erinnerung - Fotografie
Steffen Junghans, Fotografie aus der Schau: "Erinnerung" Handabzug, 2012. courtesy maerzgalerie
 
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Erinnerungen an das Negativ - ein Denkmal

Der römische Kaiser Gordianus soll von gefälligem Äußeren gewesen sein. So steht es geschrieben. Petrarca bemerkte dazu lakonisch Jahre später beim Betrachten einer Goldmünze mit dessen Konterfei, dass der Imperator leider einen schlechten Bildhauer engagiert habe. Die anekdotische Anmutung hat einen interessanten kulturhistorischen Hintergrund: Bild und Text gelten in der Überlieferung offenbar als gleichwertig.

Längst ist das Verständnis dessen, was im Bildlichen objektiv sei, im Wandel.
Abhängig vom Kontext bzw. Rezeptionsrahmen kommt der Fotografie seit ihren Anfängen eine Beleg- und Beweisfunktion zu. So dienten frühe ethnografische Fotografien (auch die sog. Kolonialfotografien) der wissenschaftlichen Dokumentation der unbekannten Welt bzw. dem Studium der exotischen Wilden. Zu Recht werden diese Aufnahmen nun im wissenschaftlichen Kontext des 20. Jahrhunderts kritisch hinterfragt.
Der Franzose Hippolyte Bayard - heute beinahe vergessen - gilt in der Fotogeschichte neben Niepce, Daguerre und dem Briten Talbot als einer der vier Urväter der Fotografie. Das von ihm entwickelte fotografische Verfahren fand, u.a. wegen fehlender Patentrechte, keine Anerkennung. Sein unglückliches Scheitern inszenierte er 1840 selbst in einer Fotografie mit dem Titel »Selbstportrait als Ertrunkener« (Autoportrait en noyé). Mit diesem Bild galt Bayard nun vielen außerdem als der erste Fotofälscher. Aus heutiger Sicht ist dies eine fabelhafte Anerkennung, denn dieses Bild erschütterte den Glauben an die analytische Fähigkeit der Fotografie und stellte damit erstmals die der Fotografie zugeschriebene Realitätsnähe zur Disposition. Bis heute muss sich das Medium der Fotografie dieser Ambivalenz stellen.

Der deutsche Maler Wolfgang Beltracchi verdiente viel Geld mit seinen selbstgemalten Bildern, die er mit den Namen bedeutender Künstler der Moderne signierte. In dem er seine eigenen Arbeiten mit den Namen anderer kennzeichnete - u.a. Max Ernst, Fernand Léger und George Braque - sind seine Bilder einerseits nicht mehr seine eigenen Werke - also kein echter Beltracchi - und andererseits, da sie nicht zum Oeuvre der namensgebenden Maler zu zählen sind, auch kein echter z.B. Max Ernst, etc. In der Rechtssprechung ist das eine Fälschung. Aber was wurde gefälscht, wenn gar kein Original vorlag? Sicher, in der Behauptung, nämlich dass das gemalte Bild z.B. ein Bild von Max Ernst wäre, begründet sich der Urteilsspruch der Fälschung. Jedoch bei der Frage nach dem Original, also der Bedeutung des Werkes im Sinne seiner Originalität, lässt sich nicht schnell eine Antwort finden - so meine ich.

Neben dem theoretischen Diskurs dazu interessiert mich als Fotograf hauptsächlich der Aspekt der Zeugnishaftigkeit. Denn um seine Fälschungen im biografischen Kontext der jeweiligen Künstler und die historische Existenz der als verschollen geltenden Bilder glaubwürdig erscheinen zu lassen, erschuf Wolfgang Beltracchi u.a. eine Kunstsammlung "Jäger". Der Legende nach soll die Familie Jäger bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Arbeiten der genannten Maler erworben haben. Um nun wiederum die Existenz der Sammlung "Jäger" nachzuweisen, kreierte Beltracchi u.a. eine Fotografie der Familie Jäger, die angeblich in den 20iger Jahren aufgenommen worden wäre. Tatsächlich aber soll das Foto Beltracchi's Frau Helene zeigen, die an einem Tisch mit der Lehmbruck-Skulptur "Badende" sitzt, im Hintergrund vier gerahmte Bilder. Zu der vermeintlichen Echtheit der historischen Fotografie tragen neben den sichtbaren Codes von 1920 (Mobiliar, Bekleidung, Frisur, etc.) ganz sicher auch der Habitus von Büttenschnitt und die altersbedingte Vergilbung bei.
Verblüffend, denn dieser von Beltracchi verwendete Trick funktionierte selbst im Zeitalter der digitalen Bildverfahren - Museen, Sammler und Experten aus aller Welt hielten das Foto als hinreichenden Beleg für die Existenz der Sammlung "Jäger" und damit die Echtheit der Kunstwerke für bewiesen.

Diese vermeintliche Zeugnishaftigkeit des Mediums Fotografie möchte ich erneut untersuchen. Angesichts der festgelegten Rolle, die der Fotografie zugeteilt wird (u.a. Zeugnis und Beleg), bietet sich das Beltracchi-Foto der Sammlung "Jäger" für dieses Vorhaben an.
In meiner gegenwärtigen Arbeit zur Fotografie liegt das Augenmerk auf einer historischen Bedingung der Fotografie - dem Negativ. Und nun wird es schwer, denn wie etwas erklären, bei dem alles umgekehrt ist? Also zurück zum Anfang, dem Negativ. Meine Idee, das Foto der Kunstsammlung Jäger zu inszenieren wird umgekehrt sein; ich werde die Wirklichkeit als fotografisches Negativ fotografieren oder anders formuliert - die Wirklichkeit als fotografisches Negativ wahrnehmbar machen.
In der Überhöhung kann diese inszenierte Fotografie helfen zu erkennen, dass es nicht die Wirklichkeit ist. Es handelt sich nur um Bilder, also um Abbildungen dessen, was wirklich sei in der Konstruktion davon. Meine "Bayards" - so möchte ich die geplanten Bilder schon im Voraus nennen - können nun einen Raum für ein Nachdenken über die Welt im Vordenken von Bildern eröffnen.
Das Negativ provoziert so das Nach-Denken, die Erinnerung seiner Rolle. Dieser Gedanke lässt die Bilder lebendig werden, lässt sie atmen.

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