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Einzelausstellung: Steffen Junghans - "Kapitulation (I / II / III) Neue Fotografien" (vorbei)

1 Mai 2010 bis 24 Juli 2010
  Steffen Junghans -
aus der Serie: "KAPITULATION (II)"
Steffen Junghans; Die Wehrlosen. Triptychon
85 x 345 cm, C-Prints, Diasec, 2009
 
  maerzgalerie

maerzgalerie
Spinnereistr. 7, Halle 6
D-04179 Leipzig
Deutschland (Stadtplan)

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www.maerzgalerie.com


"... ist nicht alles, was im Augenblick zu sehen ist, nur ein Trug der Unmittelbarkeit? Ist nicht alles nur die unangebrachte Durchsuchung einer Kolonne vorüber ziehender Elemente, aus denen der Blick seine Kriegsbeute zusammensucht?"
Paul Virillio

Das Kapitulieren geht weiter!
Steffen JUNGHANS hat zur dritten Folge seiner photografisch philosophischen Weltbetrachtung "Kapitulation" ausgeholt und zeigt zu seinem großen Ideenkomplex überraschend neue Motive.

Die maerzgalerie Leipzig präsentiert ab 1. Mai 2010 in der Solo-Schau:

Steffen Junghans - "Kapitulation (I / II / III) Neue Fotografien."

Es ist eine Auswahl und Zusammenstellung von Werken aus den bisherigen Folgen der Serie "Kapitulation" . ("Kapitulation (I)" aus dem Jahr 2006, "Kapitulation (II) aus dem Jahr 2009 und Aktuelles)

Die Eröffnung der Schau am 1. Mai 2010 ist Teil des großen Frühjahrsrundgangs der SpinnereiGalerien Leipzig (1. Mai, 11 bis 21 Uhr und 2. Mai, 11 bis 18 Uhr), zu dem auch andere Galerien in Leipzig neue Ausstellungen eröffnen.

Hinweisen möchten wir Sie außerdem auf ein neues Periodikum: "SpinArt" wird ab 1. Mai 2010 regelmäßig erscheinen und ausgehend von Leipzig von und über Kunst und Kunstmarkt berichten. Im aktuellen Heft wird es einen Beitrag zu Steffen JUNGHANS geben.

Kapitulieren klingt nach Scheitern und Resignation.

Steffen Junghans' Bilder verblüffen aber mit der Erkenntnis: Kapitulation kann Gewinn sein, wenn man die Niederlage als Entdeckung begreift. Der Fotograf geht gleich den nächsten Schritt und macht das Dilemma zur "bildstiftenden Idee". Es ist das Ausloten der "Möglichkeiten der Fotografie als bildgenerierendes Medium einer Wirklichkeitsabbildung und gleichzeitigen Reflexion".

Die fotografierten Objekte sind verschiedenartig und verweigern nur scheinbar den Bezug aufeinander. Doch das Thema ist vorgegeben und so entsteht ähnlich einer musikalischen Fuge eine "bildnerische Mehrstimmigkeit" zu einem Gedanken - nicht zu einem konkreten Gegenstand. Junghans gelingt somit, dass jedes Werk seine These neu prüft.

"reality-" ist die zeitgemäße Vorsilbe, für alle Versuche, Gegenwart abzubilden. Deren inflationäre Verbreitung über alle Medien macht deutlich, wie groß der Bedarf zu sein scheint, wie groß Gier und Notwendigkeit sind, sich über das So-Sein der Welt, unserer Zeit, zu vergewissern. Neue Formate und Methoden werden bemüht, um adäquate Dokumente zu schaffen - aber eben nur bemüht. Es gelingt nicht.
Es gibt unzählige Annäherungen, aber keinen Treffer. Das ist die Kapitulation vor dem gültigen Abbild der Wirklichkeit. Und was bedeutet das?
Steffen Junghans formuliert in seinen Werken eine These; diese Kapitulation ist gut und sie ist richtig. Er zeigt es dort, wo man es nicht vermutet: auf Fotografien - den vermeintlichen Abbildern von Wirklichkeit.
Kapitulieren klingt in der Erfolgs-Kultur nach Niederlage, nach Aufgabe und Verlust. Junghans' Bilder verblüffen aber mit der Erkenntnis: Kapitulation kann Gewinn sein, wenn man das Scheitern als Entdeckung begreift. Er macht das Dilemma zur "bildstiftenden Idee".
Der ideelle Kern der Bilder von Steffen Junghans ist, dass man das "Nicht-Sichtbar-Sein" gerade durch Fotos sichtbar machen kann. Sie forcieren den Gedanken, dass der Prozess des Kapitulierens vor der Erkennbarkeit der Welt auf der anderen Seite der Zugewinn von ganz anderer Erkenntnis ist. Und die enthalten seine Fotos.

Da ist nichts methodisch-didaktisch vorgeführt, werden keine Zeigefinger ausgestreckt; Junghans macht diese Wahrheit einfach sichtbar. Fotografien als Seh-Hilfe für den Blick auf die Gegenwart. Das ist so ernüchternd wie erleichternd.

Die fotografierten Sujets (bisher in "Kapitulation I" und "Kapitulation II" gezeigt) sind verschiedenartig, doch sie verweigern nur scheinbar den Bezug aufeinander. Denn das Thema ist vorgegeben und so entsteht, ähnlich einer musikalischen Fuge, eine "bildnerische Mehrstimmigkeit" zu einem Gedanken - nicht zu einem konkreten Gegenstand. Junghans gelingt somit, dass jedes Werk seine These neu prüft.
Berge von Haaren - Berge von Kartoffeln, verstreute Schuhe auf einer Autobahn - verstreute Nudisten in einem Waldsee, das "Bildnis mit Diakonisse" (I), dann das "Bildnis mit Richter" (II) und jetzt entsteht das "Bildnis mit Dirigent" (III) - alles Variationen auf ein Thema.

In "Kapitulation III" wird Junghans' Thema einem weiteren Experiment ausgesetzt.
Er hat künstlich geschaffene Ersatz-Welten gesammelt, menschengemachte Möglichkeiten, die eine Erfahrung forcieren, ein Erlebnis beschleunigen, einen Effekt verdichten. Ersatz-Realitäten, wie vor Tausenden Jahren das aristotelische Theater, das eine kathartische Gefühlskorrektur durch erlebte Schein-Realität auf der Bühne erzeugen soll; zeitlich und räumlich verdichtet und mit klarer Absicht.

Diese Art Lebenserfahrung im Crash-Kurs entlarvt Junghans u. a. an einem so profanen wie doch komplexen Ding wie einer Kletterwand. Die umfassende Herausforderung von Bergbesteigungen ist im Schonraum reduziert auf eine betonierte Schrägwand mit aufgeschraubten farbigen Plastik-Greifelementen. Junghans verändert nichts und fotografiert einen "Smarties-Regen" vor grauem Himmel. Und damit stellt er den implizierten Akt ebenso bloß; als rein muskuläre Anforderung, die den komplexen Mythos Bergbesteigung durch eine leistbare Koordinations-Übung ersetzt. Die Kletterwand einer sächsischen Turnhalle wird durch Junghans' Objektiv zum Modellfall für Ersatzwelten und Ersatzhandlungen, die unsere funktionalisierte Wahrnehmung entblößt und das Wesen der Erfahrung entfremden. "pars pro toto" ist keine lässige Reduktion, es ist sichtbares Bekenntnis zum vollständigen Ersatz.

So weit vorbereitet setzt Junghans zur Gegenprobe an; ein Bild mit Jesus Christus? - Für dieses Bild kennt unsere Erfahrung, unsere Wahrnehmung nur den Ersatz. Wir kennen eine gekreuzigte Figur, zweidimensional vergegenständlicht als Malerei oder materialisiert als Holz, Marmor, Bronze. Das alles sind sekundäre Vorstellungen. Junghans versucht hier umgekehrt das Primat zu zeigen; das verdrängte Eigentliche, das vor der stilisierten Ritualität da gewesen sein muss. Das ist nicht weniger verblüffend und erschreckend ernüchternd. Der Seh-Nerv wird bis an die Grenze des Erträglichen angespannt.

Kapitulation als Resignation? Aufgabe heißt auch: Widerstand aufgeben, ist Einstellung von Feindseligkeit, heißt schließlich eine Vereinbarung treffen und die neue Position prüfen.
Da kann Kapitulation schon Gewinn werden; von Zeit, von Möglichkeiten, von Akzeptanz, von Selbst, wird dialektisch, wird mindestens der Versuch, (etwas) anders zu sehen.
In den dominanten, großformatigen Fotografien lauert die "Herrschaft des Unsichtbaren", auch "der Wahnsinn der Ideen, die wir verfolgen". Wenn man davor steht, ist man überwältigt, wie präsent das ist.
Steffen Junghans beherrscht seine Idee so großartig wie sein Handwerk, beherrscht den Raum, in besonderer Weise das Licht, und vor allem anderen die Kunst, mit Leichtigkeit das Schwere zu inszenieren.

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