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 Stepanek&Maslin | | |
Über die Nicht-Natürlichkeit der Natur bei Stepanek&Maslin
"Zurück zur Natur!" mag der zivilisationsgestresste Mensch ausrufen und damit den ersehnten Ausstieg aus dem Alltag in einer lärmenden, verstopften Großstadt meinen. Oft aber kündet dieser Ausruf von der tief verwurzelten Sehnsucht nach einer insgesamt "besseren Welt". Die Natur wird als Alternative zu den (menschen)feindlichen Lebensbedingungen entworfen, die der Fortschritt mit seiner unerbittlichen Steigerungspropaganda generiert. Gegen die schwindelerregende Schnelligkeit, mit der Veränderungen in allen Lebensbereichen vorangetrieben werden, wird die Natur als ein gleich bleibendes, immer währendes Refugium, in dem unsere strapazierten Sinne zur Ruhe kommen können, konzipiert. "Die Natur" wird als Projektionsfläche genutzt, die wir mit romantisch-verklärten Vorstellungen von pastoraler Idylle und Paradiesgärten anfüllen. Sie ist nunmehr ein Produkt unserer Imagination und folglich ein kulturabhängiges, künstliches Konstrukt.
Stepanek&Maslin bewegen sich in dem diffusen Grenzbereich zwischen Kultur und Natur und fragen, in wie weit sich Kultur und Natur gegenseitig bedingen. In ihren Bildern rasen extrem beschleunigte Bäume an uns vorbei wie sonst hupende Taxis oder Hochgeschwindigkeitszüge als Symbole einer rasanten technischen Entwicklung. Naturformen werden in dieser futuristisch anmutenden Manier wie Maschinen behandelt. Der Himmel erscheint als Träger von Flugzeugspuren, und auch die Natur scheint insgesamt als Einschreibefläche für menschliche Manipulationen zu dienen.
Die Leuchtkraft des "natürlichen" Farbspektrums von Blumen und Bäumen, vom Himmelsblau ist übersteigert und weist auf den artifiziellen Charakter der dargestellten Naturelemente hin, die sowohl im fiktiven wie im realen Landschaftsraum angelegt, reproduziert oder entfernt werden können. Was ist noch real bzw. "naturbelassen"? Ist etwa die Farbigkeit der Postkarten-Natur "naturgetreuer" als die Lichtempfindungen unserer Netzhaut bei der Naturbetrachtung? In wie weit sind unsere Eindrücke Täuschungen? Die Doppelung eines Waldausschnittes irritiert, denn trotz Dolly halten wir noch immer an der Einzigartigkeit bzw. Einmaligkeit der Natur fest. Aber Stepanek&Maslin zeigen, dass es DIE Natur (im Zeitalter ihrer künstlichen Reproduzierbarkeit) vielleicht gar nicht gibt, dass die Vorstellung einer der Natur inhärenten Natürlichkeit längst überholt ist. Gibt es die per se "reale", "unverfälschte" Natur oder suchen wir nicht die Realität der Natur in der "Natürlichkeit", wie sie der kulturelle Naturbegriff geprägt hat?
Durch "unnatürliche" Blickwinkel und Ausschnitte werden verwirrende Sinneseindrücke erzeugt, die mit unserer gewohnten Betrachtungsweise nicht kompatibel sind. Durch die Lüfte kreisend, am Boden kriechend ist die eingenommene Perspektive keine, die sich auf menschlicher Augenhöhe befindet, also keine "natürliche". Als Vogel oder Biene, Kuh oder Ameise und sogar als Rasenmäher, der eine Wiesenfläche durchschneidet, wird der Betrachter in eine andere Körperlichkeit und somit Wahrnehmungsebene versetzt: die Gesetze menschlicher Wahrnehmung werden usurpiert.
Stepanek&Maslin kreieren eine befremdliche Natur, um unsere schematisierte Sicht der Dinge aufzubrechen. Oft wird der Horizont dem in die Ferne schweifenden Blick entzogen. Damit reissen uns Stepanek&Maslin den Boden unter den Füßen weg, denn was, so fragt man sich unweigerlich, wenn nicht der Horizont, dient uns als Richtlinie zur Orientierung im Raum und, folglich, zur Positionsbestimmung? Wie sicher ist unser Standort im realen wie im übertragenen Sinne? Wo steht der Mensch im Zuge seiner Entwicklung?.
Die Perspektive ist hier nicht nur künstlerisches Mittel des Illusionismus, sondern suggeriert einen anderen Ausblick. Wenn die Welt Kopf steht, sind Oben und Unten als räumliche Parameter nicht länger verlässlich. Unser "natürliches" Gleichgewicht wird aufgehoben, unsere vermeintlich vertraute Umgebung gerät ins Schleudern. Unsere Fixpunkte werden außer Kraft gesetzt, unser Weltbild demontiert.
Stepanek&Maslin werfen Fragen hinsichtlich der Existenz eines zwischen Mastermind-Mentalität und Kreatürlichkeit hin- und hergerissenen modernen Menschen auf. Sie entlarven das "Zurück zur Natur" als hohle, sinnentleerte Illusion: die Natur kann kein "besseres Anderes" darstellen, denn als ganzheitliche Schöpfung kann sie nicht vom Menschen abgegrenzt werden. Da demzufolge Kultur und Natur im Menschen untrennbar miteinander verbunden sind, wird die formelhafte Opposition zwischen Kultur und Natur dekonstruiert. Schlussendlich weist - trotz Detailgenauigkeit und beinahe fotorealistischer Schärfe - die von Stepanek&Maslin entworfene Natur keine klaren Konturen auf - sie erwächst aus den Bildern nicht als externes, erlebbares und konkretes sondern als internes, lebbares und abstraktes Phänomen.
Bettina Deschler, 2003
Die Galerie ist dienstags bis freitags von 11-13, 14-18 Uhr, sowie samstags von 11-16 Uhr geöffnet.
Vorschau
ArtForum Berlin 2003, 01. – 05. Oktober 2003, Halle 20, Stand 141
ArtCologne 2003, 29. Oktober – 02. November 2003, Halle 02.1, Stand Nr. 090 |