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Gruppenausstellung: The Baltic Times. Zeitgenössische Kunst aus Estland, Lettland und Litauen (vorbei)

13 April 2002 bis 20 Mai 2002
  The Baltic Times. <i>Zeitgenössische Kunst aus Estland, Lettland und Litauen</i>
Ene-Liis Semper, "Licked Room", 2000
 
  Galerie im Taxispalais

Galerie im Taxispalais
Maria Theresien Straße 45
6020 Innsbruck
Österreich (Stadtplan)

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www.galerieimtaxispalais.at


The Baltic Times ist dem Namen einer in den Baltischen Ländern erscheinenden, englischsprachigen Wochenzeitung entlehnt. Die von Tihomir Milovac und Branka Stipancic (MSU / Museum für Zeitgenössische Kunst Zagreb) kuratierte Ausstellung umfasst Arbeiten von KünstlerInnen aus den Baltischen Ländern, die während der letzten sechs Jahre entstanden sind. Die Innsbrucker Zusammenstellung von "The Baltic Times" wurde gegenüber der Zagreber Ausstellung (Mai/Juni 2001) etwas abgeändert. Einige kürzlich entstandene Arbeiten wurden dazu genommen, einige, wegen ihrer Dimensionen mit den Räumen der Galerie nicht zu vereinbarende Arbeiten, wurden weggelassen. Ilmars Blumbergs/ Viesturs Kairišs und Laila Pakalnina wurden für Innsbruck zusätzlich eingeladen.

In den Jahren nach 1989 entwickelte sich in den Baltischen Ländern ein radikaler Wechsel innerhalb der künstlerischen Positionen und dem allgemeinen Verständnis von Kunst. Es entstand eine aktive junge Kunstszene, die künstlerische Konzepte und Ausdrucksformen aus dem Westen reflektiert, jedoch ganz eigenständige Formulierungen entwickelt hat. "Nach der Tyrannei der erzwungenen Privatheit" (Helena Demakova) richtete sich das Interesse nach außen, auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens, wobei ganz neue und differenzierte Spannungen und Konflikte, Ängste und Erwartungshaltungen zu Tage traten.

Die Situation während des Kommunismus war nicht für alle Staaten und Regionen gleich.
So entstanden auch sehr unterschiedliche künstlerische Positionen im Postkommunismus, da in den einzelnen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Zugang zu westlicher Kunst möglich war. "Zweifellos haben sich grundlegende paradigmatische Veränderungen in der osteuropäischen Kunst vollzogen aber Paradoxa bleiben bestehen" (Ants Juske im Katalog zur Ausstellung). Juske betont, dass die gelebte Erfahrung eines historischen Post-Kommunismus jedoch das Beste ist, was der osteuropäischen Kunst widerfahren kann und, was ebenso wichtig ist, die Auseinandersetzung mit ihr die Kunst der westlichen Wohlfahrts-gesellschaften stimuliert.

ATG (Academic Training Group) [LT] beschäftigen sich mit dem Thema der (Selbst)-Repräsentation, einem der grundlegenden Motive des "Post-Ost-Diskurses". Es geht um das Bild des/der "Anderen" und um die fragwürdige Produktion nationaler Identitäten. In einer Dia-Installation führen sie Image-Stereotypen für die "Anderen" vor, stilisierte und zugleich aggressive Multikulturalität. Mit Welcome (1997), einer Fußmatte, die ein Text in verball-hornter englischer Sprache ziert, verweisen sie in der Pose der "Hinterwäldler" auf die eigene exzentrische Situation.

Ilmars Blumbergs/Viesturs Kairišs [LV] beide Film- und Theaterregisseure, zeigten ihren Film Magic Flute / Zauberflöte (2001) erstmalig auf der Biennale Venedig, 2001. In spröden, beklemmenden Bildern zeigt der Film, wie in Riga die Ärmsten bestattet werden, nicht auf einem Friedhof sondern in einem Wald, in den die Toten in einem klapprigen Lieferwagen gebracht werden. Der Film transformiert dann diese triste Situation in ein berührendes Szenario voller Pathos, in dem neben Bühnenversatzstücken der gesamte Chor der Zauber-flöten-Aufführung der Lettischen Nationaloper in vollem, theatralisch-bizarrem Kostüm zwischen den Grabhügeln Aufstellung nimmt. Für die Toten, die in ihrem Leben nie mit der Oper in Berührung kommen konnten, ertönt Mozarts Musik als Grabgesang.

Eriks Bozis [LV] experimentiert mit den Möglichkeiten unterschiedlicher Perspektiven und subjektiven und objektiven Wahrnehmungsformen im öffentlichen Raum. So verkürzt oder verlängert er in Bench-Up, Bench-down die Beine von Parkbänken, ein Hindernis oder eine Erleichterung, je nach der Größe der BenutzerInnen dieser Bänke. (Parkanlage am Land-hausplatz)

Die Videos von Kai Kaljo [EE] können mit dem Begriff "Video-Poesie" umschrieben werden. In A Loveletter to myself / Ein Liebesbrief an mich (1998) verwandelt sie ihr Atelier, ein unspektakulärer Ort, in einen poetischen Raum, in dem die Staffelei, die Fenster, Zigaretten-rauch und Seifenblasen mit dem hereinfallenden Sonnenlicht in ein reflektierendes, die Ebenen der Realität verschiebendes Spiel zueinandertreten. In dem Video A Loser (1997) nimmt sie wiederum ihr Atelier als Bühne, auf der sie selbst auftritt, um ein ironisch-groteskes Bild von der Stellung der Künstlerin in der Gesellschaft zu zeichnen, wobei Kaljo hier die Techniken der Sitcom manipulativ einsetzt.

Ly Lestberg [EE] thematisiert sexuelle Identitäten und zwar dann, wenn biologische und zugleich soziale Normierungen mit der innerpsychischen Interpretation im Konflikt stehen.
Es sind jene im Gender-Diskurs gestellten Fragen, auf die die Künstlerin in der Fotoserie Insomnia (1999) aufmerksam macht. Die Arbeit What do you read, my Lord? (1999/2000) erzählt eine Geschichte ohne Ort und ohne Zeit, in der Prinzessinnen und Soldaten auftreten, deren Geschlecht durch einfache Zeichen scheinbar determiniert ist. Doch bei näherem Hinsehen geraten die Identitäten ins Kippen.

Gintaras Makarevicius [LT] untersucht das Verhältnis zwischen Realität und Illusion, mit der Absicht, das Publikum in seine aktionistische Dramaturgie mit hinein zu ziehen. For the Deconstruction of Attention / Für die Zerstörung der Aufmerksamkeit (1997) besteht aus einer Reihe von runden Spiegeln, die über Bewegungsmelder in Drehung versetzt werden und dadurch die im (Lacan´schen Sinn) spekulative Identität der BetrachterInnen aufzulösen beginnen.

Deimantas Narkevicius [LT] knüpft dort an die Tradition der Avantgarde-Kultur an, wo sie auf alltägliche soziale Diskurse stößt. Dabei geht es ihm um die Wahrnehmung von Geschichte und deren Veränderung durch ideologische Interpretationen. Sein Film Energy Lithuania (2000) erzählt in gebrochen-melancholischen Bildern von der Elektrifizierung Litauens, dem sozialistischen Projekt der Modernisierung in der Sowjetunion, von dem Scheitern der Utopien und den gesellschaftlichen Umbrüchen, durch die auch die einst privilegierten Russen nach 1989 zu einer diskriminierten Minderheit wurden. In dem 16 mm Film Europe 54o54"-25o19"(1997) beginnt die Kamerafahrt im Haus der Künstler, durchquert die Stadt um jenseits der Peripherie im freien Gelände auf einen Markierungspunkt zu stoßen, die "Mitte" bzw. das geografische Zentrum Europas.

Laila Pakalnina [LV] verwendet in ihrem Dokumentationsvideo Papagena (2001) ebenfalls die Musik aus der Zauberflöte. Auf der Straße spielt sie PassantInnen, alten Leuten, Kindern, Jugendlichen über Kopfhörer Mozarts Papageno-Arie vor. Die Musik ist für die Betrachter-Innen des Videos nicht hörbar, sie spiegelt sich jedoch im Gesichtsausdruck der Menschen, denen sie vorgespielt wird.

Marko Raat [EE] zeigt in dem Video For Aesthetic Reasons / Aus ästhetischen Gründen (1999) den jungen estischen Kunsthistoriker Andres Krug, der nach Dänemark geht und sich - auf Anregung des Regisseurs - an eine Reihe von Institutionen wendet mit der Absicht, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten - aus rein ästhetischen Gründen, wie er betont.

Arturas Raila [LT] Das Video Under the Flag / Unter der Fahne (2000) besteht aus zwei Teilen. Der erste entstand in Linz, Oktober 1999, während der österreichischen Wahlen. Touristisches wird mit Politischem konfrontiert, neben Museumsbesuchen und Straßenauf-nahmen stehen Bilder der politischen Propaganda und Aussagen von PassantInnen zum Wahlausgang. Im zweiten Teil wird das in Österreich entstandene Video den Führern der litauischen National Worker´s Union vorgespielt, wobei deren Reaktionen und Kommentare gefilmt werden.

Eglé Rakauskaité [EE] beschäftigt sich mit dem gesellschaftlich und religiös kodierten Körper. In einem Land mit starker katholischer Tradition und großen sozialen Problemen werden dessen Ausdrucksformen oftmals verworfen oder verdrängt und in der mythisierten Form des überhöhten Leidens repräsentiert. Rakauskaité arbeitet mit körperbezogenen Materialien wie z.B. Schokolade. Chocolate Crucifixes (1994-2000) ist eine Rauminstallation, bei der die Wände mit hunderten Kruzifixen aus Schokolade ausgekleidet werden. Das unorthodoxe Material und der süße Geruch intensivieren den Eindruck der Vergänglichkeit.

Die Riga Dating Agency [LV] ist ein Gemeinschaftsprojekt von Monika Pormale und Gints Gabrans, in dem sie auf Interaktivität und die gleichzeitige Simulation von Realität setzen. In lettischen Tageszeitungen wurden Kontaktanzeigen geschaltet, worauf Personen mit seriösen Absichten AusländerInnen kennenlernen konnten. Die Zahl der erfolgreichen Kontakte und die Verantwortlichkeit der Beteiligten offenbaren das lebendige Potential und die Ernsthaftigkeit dieses Projektes als gelungenes Modell für "social art".

Ene-Liis Semper [EE] macht sich in ihren performativen Videoarbeiten selbst zur Prota-gonistin. In ritualisierten, aktionistischen Abläufen setzt sie ihren Körper Situationen aus, deren Ambivalenz darin liegt, dass die hier stattfindende Aggression sowohl von außen als auch von innen zu kommen scheint. In der Installation Licked Room / Geleckter Raum, (2001), einem sterilen, völlig weißen, grell ausgeleuchteten, mit einem Plastikbelag ausgekleideten Raum, ist die Künstlerin auf drei Vidoemonitoren zu sehen, wie sie sich durch diesen Raum "durcharbeitet", indem sie dessen Boden und Wände Zentimeter für Zentimeter ableckt.

Oleg Tillbergs [LV] machte für eine stillgelegte Fabrikshalle in Zagreb die Installation Formula X, die in Innsbruck nur als Fotodokumentation zu sehen ist. Hinter einer halbtransparenten Begrenzung aus Plastik platzierte er ein kroatisches Kriegsflugzeug, das von den Spuren des einige Jahre zuvor stattgefundenen Krieges in Kroatien gezeichnet war. Von Zeit zu Zeit hüllte Trockeneis dieses Objekt in einen zusätzlichen, mystischen Nebel.

Jaan Toomik [EE] verbindet in dem Video Father and Son / Vater und Sohn (1998) die Koppelung realistischer Bilder - ein Mann läuft nackt auf einem See Schlittschuh - mit der Umdeutung christlicher Inhalte. Der Vater (Toomik selbst) repräsentiert das Reale, den ungeschützten, verletzlichen Körper, der Sohn (Toomiks Sohn) ist nur als unsichtbare Stimme präsent, vergleichbar dem lateinischen Choral. Durch den einfachen semiotischen "Fehler" der Vertauschung lässt Toomik die christliche Symbolik kippen.

Übernahme der Ausstellung vom MSU / Museum für Zeitgenössische Kunst, Zagreb (Muzej suvremene umjetnosti, Zagreb); kuratiert von Tihomir Milovac u. Branka Stipancic.

Katalog zur Ausstellung:
The Baltic Times. Contemporary Art from Estonia, Latvia and Lithuania / Suvremena umjetnost Estonije, Latvije i Litve Hg./ed.: Tihomir Milovac & Branca Stipancic, Museum of Contemporary Art, Zagreb, 2001 (kroatisch/engl.) / catalog (Croat./Engl.); Beiträge von / contributions by Tihomir Milovac & Branka Stipancic, Ants Juske, Solvita Krese, Lolita Jabloskiene, Liutauras Psibilskis/Anders Kreuger, Anders Härm, Raminta Jurenaite, Sirje Helme, Helena Demakova), 156 S./p., € 15.-, ISBN 953-6043-29-7

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