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Gruppenausstellung: THE CRYSTAL WORLD: TO J.G. BALLARD (vorbei)

12 November 2010 bis 15 Januar 2011
 
 
  Buchmann Galerie

BUCHMANN GALERIE
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kuratiert von André Buchmann

Der britische Schriftsteller J.G. Ballard (1930 - 2009) ist Verfasser großartiger Science Fiction Romane wie The Drowned World, Crash oder Concrete Island. Viele seiner Texte entwerfen Weltuntergangsszenarien, wo nicht die Ursachen, sondern die Ereignisse und die Degeneration der Gesellschaft angesichts des Untergangs benannt werden.

Ein weitaus weniger düsteres Bild zeichnet J.G. Ballard in seinem Roman The Crystal World von 1966. Eine rätselhafte und dramatische biologische Veränderung verwandelt Pflanzen, Tiere und Menschen im Dschungel Gabons in leuchtende kristalline Strukturen, wobei die Transformation der Zeit durch die Kristalle das eigentliche Thema ist. Eine der Romanfiguren wählt absichtlich das Stehenbleiben und Kristallisieren, um dem Weiterleben und Sterben an einer unheilbaren Krankheit zu entgehen.

Die Ausstellung versammelt von 15 Künstlern Werke, die zu diesem Roman in Bezug stehen.

Eine ungewöhnliche Verbidung zur Literatur haben die seit 1996 im Duo arbeitenden Künstler Lutz/Guggisberg mit ihrer imaginären Bibliothek. Schon beim Lesen der Titel, Namen der Autoren und Verlage ihrer Bücher stellen wir uns eine Geschichte vor. Bei Lutz/Guggisbergs Büchern entsteht die Handlung in der Imagination des Betrachters. Ihre Bücher kann man nicht lesen, sie vertrauen auf die Kraft der Vorstellung.

The Worm Returns ist eine frühe Skulptur von Tony Cragg. Modelle eines Schwefel- Polyethylen und Alkoholmoleküls verhelfen als wissenschaftliches Anschauungsmaterial einer Welt zur Sichtbarkeit, die sich ansonsten der visuellen Erkenntnis entzieht. Schaffen diese Modelle dadurch ein tieferes Verständnis der Dinge und inneren Strukturen unserer Lebenswelt? Schwefelmoleküle etwa können sich zu verschiedenen Kristallstrukturen zusammenlagern. Dr. Sanders, der Protagonist im Roman, ist Wissenschaftler und sucht zunächst nach rationalen Erklärungen für den sich immer weiter ausbreitenden kristallisierenden und erstarrenden Dschungel.

Wilhelm Mundts transparente Glaskugel könnte ebenfalls ein Erklärungsmodell für die Kristallwelt sein. Eine massive Schicht aus transparentem Glas umschließt wie ein Schutzpanzer einen roten Klumpen Material. Ist es ein Meteorit, der Hinweise geben kann auf die Entstehungsgeschichte unserer Erde mit ihrem immer weiter kristallisierenden inneren Erdkern aus Eisen und Nickel oder ein biologischer Erreger als die Ursache für die aufgelöste Zeit? Auch die beiden Skulpturen von Des Hughes muten an wie Bruchstücke eines Meteoriten. Ihre matte Oberfläche kontrastiert mit goldenen Intarsien einer unbekannten edlen Materialität oder Kultur.

Der kristallisierte Dschungel wird zum militärischen Sperrgebiet erklärt, bleibt aber dennoch unter Risiko zugänglich. Die brüchigen und permeablen Grenzen, auch in politischer, gesellschaftlicher und persönlicher Hinsicht verstanden, spiegeln sich in Bettina Pousttchi's Skulptur Cleared aus transparentem Glas. Die Skulptur wurde 2009 auf der Biennale Venedig präsentiert.

Das Fragile der Arbeit von Bettina Pousttchi führt Tatsuo Miyajima in seinem Werk zu Zeit, Raum und den Primärfarben weiter, aus denen jede andere Farbe erzeugt werden kann. Diamond in You verweist auf die persönliche Veränderung der Protagonisten in The Crystal World. Dr. Sanders findet am Ende zwar zu sich selbst, aber er wählt den Weg in den kristallisierten, leuchtenden Dschungel und damit seinen Tod, gleich der Leerstelle in den zyklischen Zahlenreihen von Tatsuo Miyajima.

In behutsamem Gang auf Zehenspitzen löst sich das Transparent Girl von Jim Butler in weißem Licht auf. Der weibliche Körper, ist es Suzanne Clair?, ist nur noch eine zerbrechliche Hülle, die bereits angefangen hat, in eine kristalline Form zu mutieren. Als Pendant dazu zeigt das Gemälde von Raffi Kalenderian einen männlichen Protagonisten mit zwei Augenpaaren, die für das innere und das äußere Sehen stehen. Vermag er, das Unbegreifbare zu erkennen?

Lawrence Carroll's Snowballs erinnern an die von Händlern aus dem erstarrten Dschungel entwendeten, mit funkelnden Kristallen überzogenen Reliquien, die sie auf dem Markt von Port Matarre feil bieten. Yutaka Sone entwirft in seinen Fotos und Zeichnungen von Schneekristallen einen analytischen Blick auf die inneren Strukturen der glitzernden Pracht, die Yutaka Takanashi im Tokio der 70er Jahre findet. Seine Fotos aus Towards the City zeigen die Megastadt in all ihren Facetten. Sie sind der Höhepunkt der Provoke Bewegung, die Ende der 60er und in den frühen 70er Jahren in ihrer rauen, flüchtigen und expressiven Art die japanische Fotografie revolutioniert hat.

In der Popmusik war J.G. Ballard öfters eine Quelle der Inspiration, beispielsweise bei Ultravox und Ian Curtis von Joy Division. Sean Dawson bezieht immer wieder Titel seiner Gemälde auf die Romane von J.G. Ballard. Seine dichten malerischen Kompositionen entsprechen der dichten Sprache Ballard's, womit sie durchaus „ballardian" sind.

Den Dschungel mit seiner prismatischen Farbigkeit, dem Flimmern des Lichtes und dem Fliessen der Formen entwirft Clare Woods in ihren Aquarellen, wie auch die Bilder von Dennis Hollingsworth an mikrobiologische oder pflanzliche Lebenswelten denken lassen, denen eine ambivalente Schönheit inne wohnt.

Ich möchte mich bei allen Künstlern für Ihre Zusage, Unterstützung und Beteiligung mit ihren Arbeiten für das Zustandekommen dieser Ausstellung herzlich bedanken. In zahlreichen Gesprächen habe ich verblüffende Parallelen zwischen Werken der eingeladenen Künstler und dem Roman von J.G. Ballard gefunden.

A.B., Oktober 2010

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