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Einzelausstellung: Thomas Hirschhorn - Doppelgarage (vorbei)

15 Dezember 2002 bis 20 Februar 2003
  Thomas Hirschhorn - Doppelgarage
Thomas Hirschhorn - Doppelgarage, 2002
 
  ARNDT

ARNDT
Potsdamer Straße 96
10785 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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www.arndtberlin.com


Die Ausstellung wurde vom 8.02.03 auf den 20.02.03 verlängert.

Zu den integrierten Texten von Marcus Steinweg:

Ich werde mindestens 10 Texte schreiben, von denen jeder einzeln gelesen werden kann. Gleichzeitig gibt es einen thematischen Zusammenhalt der Texte, der in der gemeinsamen Aufnahme nietzscheanischer Motive besteht. Jeder dieser Texte ist für sich abgeschlossen und „intakt". Es sind Texte, die Thomas Hirschhorn für seine „Doppelgarage" als Material zur Verfügung stehen. Sie werden, vergrössert oder verkleinert, nach den Erfordernissen der Arbeit in sie integriert. So, wie mein Beitrag zum Bataille-Monument in Kassel den Versuch darstellt, Bataille auf das Denken der Gegenwart hin zu überschreiten, sollen auch diese Texte nicht Texte über Nietzsche sein. Es sind Texte über Nietzsche hinaus. Es geht darum – mit Nietzsche und ohne ihn – sich die Probleme seines Denkens anzueignen, die Kontinuität und Brisanz seiner Motive für heutige politische Philosophie aufzuweisen und neu zu aktivieren.

Dabei soll die Kritik am Christentum und seiner lebensfeindlichen Doktrin daraufhin überprüft werden, inwieweit die Geburt des „ökonomischen Liberalismus" (Kapitalismus) aus dem Geist des Ressentiments und der Rache (also jener Ideologie, die Nietzsche mit einer wesenhaften Unfreiheit verknüpft) die Frage nach der Möglichkeit einer zweiten Geburt der Freiheit eröffnet, wobei es sich um eine Freiheit handelt, die sich der Ökonomie der Rache und ihrer Politik der ausgleichenden Gerechtigkeit entzieht. Von hier aus kommt es zur Revision oder Umwertung aller moralphilosophischen Begriffe und Kategorien. Ein veränderter Begriff von Handlung, Politik und praktischer Vernunft wird notwendig, der mit der Neuaufrichtung der philosophischen Subjekt-Kategorie die Verantwortung des Subjekts ins Unendliche verlängert, um es dem (postmodernen oder spätkapitalistischen) Protektorat seiner konstitutiven Ohnmacht zu entziehen. Nietzsche wäre so gesehen weniger der Denker des perspektivischen Illusionismus bzw. Relativismus, als der Philosoph der irreduziblen, unteilbaren und unbegründbaren Verantwortung. Einer Verantwortung, die auch ein Name der Freiheit ist, insofern der nietzscheanische Diskurs, indem er das Christentum bekaempft, die Befangenheit des christlichen Subjekts in Schuld, Gewissensnöte und ressentimentaler Feigheit bekämpft. Dem Christentum den Krieg zu erklären, bedeutet für Nietzsche zunächst (und das ist der Punkt, an dem er Spinoza und den deleuzianischen Spinozismus berührt) das Subjekt im Horizont einer es vereinsamenden Verantwortung zu vitalisieren, es erneut über den Körper und seine sinnlichen Vermögen zu definieren: „Die Leidenschaften und Begierden vernichten, bloss um ihrer Dummheit vorzubeugen, erscheint uns heute selbst bloss als eine akute Form der Dummheit. Wir bewundern die Zahnärzte nicht mehr, welche die Zähne ausreissen, damit sie nicht mehr weh tun…" (Götzen-Dämmerung, KSA 6, S. 82).

Das Subjekt der Verantwortung ist ein sinnliches, kein sentimentales Subjekt. Es ist sensibel, ohne wehleidig zu sein. Es geht nicht jeder Grausamkeit aus dem Weg: Um verantwortlich zu sein, gegenüber dem Realen, das für sich genommen eine Art von Gewalt und Grausamkeit, eine Art brutaler Asymmetrie ist. Nietzsche wird nicht müde diese Grausamkeit mit den unterschiedlichsten Namen anzurufen, sie gewissermassen zu zitieren und zu rekapitulieren, um nicht mit denen, die er seine Feinde nennt, den Unwillen, die Leichtgläubigkeit, Naivität oder Ängstlichkeit zu teilen, die vor dem Leben und dem Werden als solchen schützen soll. Das Lob der Grausamkeit entfaltet sich als Anerkennung der Vielheiten und der Irreduzibilität der Gegensätze und Unterschiede und ihres Konflikts: „das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Werden …" (Ecce homo, KSA 6, S. 313). Die grosse Politik, die Nietzsche von sich und vom Nietzscheanismus erwartet, ist eine Politik der Differenz, der Instabilität und permanenten Entwicklung, eine Politik der Bejahung des Offenen und Unentschiedenen, d.h. der Unentscheidbarkeit jeder Differenz. Es ist weder eine Politik der heteronomen, totalitären, diktatorischen und immer negativen, entkräftenden Entmündigung, noch entspricht sie der antizipativen, im vornhinein geschwächten Moral der Einebnung jeder Form von Differenz und Andersheit (gegenwärtig tritt vor allem Slavoj Zizek dieser immer verlogenen Moral des kapitalistischen Multikulturalismus und seiner repressiven, und, wie man ergänzen muss, ressentimentalen Toleranz entgegen, durchaus im Sinne dessen, was Nietzsche als Erfindung Goethes würdigt: „den Menschen der Toleranz, nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke", Götzen-Dämmerung, KSA 6, S. 151).

Die Aufgaben, die sich für eine Reaktivierung und affirmative Aufnahme der politischen Ontologie Nietzsches ergeben, müssen zunächst diesen beiden Irrtümern, diesen zwei Figuren „falscher Verwandschaft" absagen – einer Verwandschaft, die, wie Deleuze feststellt, „sich im Gefolge jedes ,verruchten Denkers' (penseur maudit)" finden lässt:

1. durch Nietzsches Schwester, Elisabeth Nietzsche, geförderten Assimilation dieses Denkens an den Nazismus und Antisemitismus (deren offensichtliche Falschheit und Absurdität heute glücklicherweise allgemein anerkannt zu sein scheint)

und

2. der kaum eher akzeptablen Reduktion Nietzsches auf seinen (zweifellos imposanten und bejahenswerten) Europäismus und Kosmopolitismus etc., also der Reduktion Nietzsches auf den „guten Nietzsche", die sich einer weiteren zensorischen Entschärfung seiner Arbeit schuldig macht. (Man sollte Nietzsche noch dort ernst nehmen, wo er weh tut!)

Nietzsche auf die Gegenwart hin zu öffnen, bedeutet vielleicht zuerst – und das wäre ein Akt politischer, nicht nur philologischer Verantwortung – verantwortlich mit seinen Texten auch dort umzugehen, wo sie sich der Erfahrung einer heute nahezu tabuisierten Grausamkeit nicht verschliessen, sondern diese Grausamkeit, die per definitionem eine Überforderung für jedes Denken darstellt, als Überforderung des eigenen Denkens mobilisieren, anstatt sich in das Phantasma einer von ihr verschonten Zukunft einzuschliessen. Die nichtliberalistische Freiheit stellt deshalb die Bedingung der Möglichkeit äusserster Verantwortung (die immer auch Verantwortung gegenüber dem Äussersten, der Grausamkeit und absoluten Andersheit des Anderen, ist), wie ihre höchste Gefährdung dar. Ich werde zuzeigen versuchen, dass Nietzsches Einsicht in die Gleichursprünglichkeit von Ethizität, die nicht Moral ist, und sie bedrohender Gewalt, alle seine Denkbewegungen steuert und dass die Leugnung und Verneinung dieser Gleichursprünglichkeit zur (bewussten oder unbewussten) Hypothese aller ideologischen Systeme – seien es primär politische, ökonomische, soziale, religiöse oder ontologische Dispositive – gehört, deren konkrete Grausamkeiten die Geschichte im allgemeinen bezeugt.

Wenn mit Nietzsche denken heisst, in einem bestimmten Sinn gefährlich zu denken, dann bedeutet das auch, dass ein starker und unnachgiebiger Begriff von Verantwortung, von Kommunikation, Ethizität, Gerechtigkeit und Entscheidung erforderlich wird, die Redefinition von Freiheit als Verantwortung zur Freiheit und Freiheit zur Verantwortung, um das Subjekt der Kontrolle der Moral, den Imperativen des Gewissens, der Geschichte, der Gesellschaft und ihrer Meinung (doxa) und ihrem Pathos der Selbstgerechtigkeit zu entziehen. Subjektivität ist nur denkbar als dieser fortwährende Konflikt.

Marcus Steinweg

Marcus Steinweg, geboren 1971, Autor philosophischer und literarischer Texte, wohnt in Berlin. Zuletzt erschienen sind: „Krieg der différance; und „Autofahren mit Lacan" (beides Koblenz 2001), sowie „Der Ozeanomat. Ereignis und Immanenz" (Koeln 2002).
In Vorbereitung: „Bataille Maschine" (Merve Verlag, Berlin 2003)

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