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Einzelausstellung: THOMAS SOMMER - Punkt 9 am Provisorium - Malerei, Objekt (vorbei)

3 September 2010 bis 6 November 2010
  THOMAS SOMMER - Punkt 9 am Provisorium - Malerei, Objekt
Thomas Sommer, Lager. (Detail), 70x190 cm, Öl, Acryl, Kopierstift, Tusche, 2010. Courtesy maerzgalerie
 
  maerzgalerie

maerzgalerie
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Deutschland (Stadtplan)

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www.maerzgalerie.com


Das Provisorium - eine funktionstüchtige Übergangslösung oder eine improvisierte Alternative für die Dauer? "Es ist fast so gut wie das Echte, Perfekte - nur schneller."

Thomas Sommer zeigt in der maerzgalerie Berlin Leinwandarbeiten (Acryl, Tusche und Kopierstift) und Objektkästen; Arbeiten aus den letzten zwei Jahren - alle durchaus fertig und vollkommen.
Auf den Leinwänden ist dick aufgetragen; die Apokalypse. "Einmal das Schlimmste darstellen: etwas Typisches: die Menge im Elend", so Sommer, war das Ziel. Zu sehen ist es aus der olympischen Position: Ein endloser Tross aus winzigen methylvioletten Miserables windet sich über die Leinwände, so akribisch wie unerbittlich ausformuliert, er lagert erschöpft um eine Lichtgestalt, zu Füßen der Trompeter von Jericho, zieht weiter, alternativlos, zu einem unbestimmten jüngsten Gericht über die Leinwände der Schau. Das Motiv ist auf gedehnte Querformate ausgeweitet, darauf mäandert die blinde Masse durch Hindernisse auf ein vorstellbares Ende hin; den Ariadne-Faden rückwärts entlang.

Dazwischen hängen die Objekt-Kästen; Intermezzi aus Eichenholzguckkästen, frontverglast - wundersame Kisten, wie aus dem Märchen - man möchte auspacken und genauer nachsehen, was sich in den nicht einsehbaren Ecken verbirgt, man sucht nach Abwegigem, nach Wertvollem, Symbolischem, Kuriosem.
Die Frage nach diesem Ding an sich beantwortet sich aus Negationen. Ein Sommer-Kasten ist keine Miniatur-Wunderkammer, kein Diorama - formal ist es eine dreidimensionale Collage.
"Am Anfang war's ein Austoben; neuer Kasten - neues Glück. Es gab keinen Masterplan". Thema, Ordnung, Kontext - eher dem lustvollen Kombinations-Prozess unterworfen als einer kalkulierten Konzeption. Zum Durchlesen der 30 Liter Rauminhalt gibt Sommer keine offensiven Empfehlungen. "Ich biete so viel an, dass es kaum eindeutig sein kann".

In den jüngeren Kästen werden die Arrangements kontrollierter. Statt der ausgewählten gegenständlichen Elemente sind es jetzt gemachte; malerische, zeichnerische Details, teils auf Plexiglas, Papier, Transparent, teils überblendet, in drei Dimensionen kombiniert. Der Weg vom spielerischen zum malerischen Gestus, von den gegenständlichen zu den zeichnerischen Werkbestandteilen führt von der Raumtiefe zur multiplen Oberfläche, weniger kreative Willkür, mehr thematische Genauigkeit, mehr Malerei.

Die Kästen (alle 30 x 64,5 x 15 cm) haben keine Titel. Es sind archivarisch durchnummerierte Objekte. Zum Beispiel C 26: durch mehrfache Innenrahmung wird der Blick durch verschiedene Kontexte in die Tiefe gezogen. Eine erste Rahmen-Silhouette umreißt das Innere mit Tropenidyll und Palmen und gleichzeitig mit der Detonationswucht eines Sprengkörpers. Der nächste, engere Vorhang revidiert die erste Raumthese: ein goldener Theatervorhang (alles nur Spiel?) Dahinter wogt ein majestätischer Zweimaster im Seeschlachtgewölk, gegenüber ein gefesselter und verstümmelter Sklave. Auf dem dramatisch aufgewühlten Meer sitzt ironisch unversehrt ein Nikolaus-Häuschen, das alles unter blutroter Sonne vor Weihnachts-Sternenhimmel und manchem mehr. Was lässt sich daraus alles denken.

So grandios wie Tomas Sommer den Betrachterblick auf den Leinwänden weitet, so absichtsvoll inszeniert er den Taschenlampen-Effekt für die Objektkästen. Man sieht nur, was im Licht, was im Blickkegel ist. Gewöhnt man sich aber eine Zeit lang an die Umgebung, ahnt und erkennt man Stück für Stück mehr. Jeder Kasten ist eine Ideenbatterie, deren Ladung endlos aktiviert werden kann.
Sommer agitiert nicht, will keinen Überbau schaffen, nichts überfrachten. Die Werke stehen nicht für etwas, sie sind etwas.

"Ich frage mich eher: unterhält mich das oder nicht, macht mich das neugierig, gibt es einen persönlichen Aufhänger."

Angebot statt Überwältigung.

"Mir geht's ums Machen", um die Arbeit am Werk; lustvoll, akribisch, besessen, lässig oder ganz dem Gedanken hingegeben. Dafür zieht er sich zurück in sein Refugio, eine abgegrenzte Welt für die Kunst - in seine "eigentliche", so Sommer. Das kann man als gedankliche Absenz verstehen, wie ebenso räumlich. Sommer hat sich aus dem Künstler-Treibhaus in Leipzig ausgeklinkt und lebt seit zehn Jahren an der frischeren Luft, auf einem Bauernhof im kleinen Mockritz bei Torgau (Sachsen). Nicht der raumgreifenden Sammelleidenschaft willen, die man nach seinen Objektkästen vermuten dürfte, sondern um Herrschaft und Übersicht zu behalten, denn "privat bin ich sehr aufgeräumt". Außerdem sind in Mockritz die Verführungen und Zerstreuungen geringer oder wenigstens frei wählbar. Nur leider finden Kunstsammler seltener nach Mockritz ins Atelier.
Die maerzgalerie in Berlin zeigt vom 3. September bis 6. November 2010 seine Arbeiten aus der jüngsten Werkphase. "Nichts ist so beständig wie das Provisorium".
Und: "Punkt neun ist eine gute Zeit - morgens wie abends."

Thomas Sommer ist in Sachsen geboren, hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert, u.a. bei Arno Rink und war Meisterschüler bei Sighard Gille. Seine Werke wurden u.a. in Frankfurt, Berlin, Offenbach und Leipzig gezeigt, er ist in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Diverse Publikationen, u. a. "Die Erde ist eine Scheibe in der Mitte des Universums" Leipzig 2006 und "C 1 - C 14" Leipzig 2008.

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