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Einzelausstellung: Veronika Dirnhofer - "condition of risk" (vorbei)

23 März 2009 bis 20 Mai 2009
  Veronika Dirnhofer - \
Veronika Dirnhofer
 
  GALERIE FREY

GALERIE FREY
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A-1010 Wien
Österreich (Stadtplan)

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Veronika Dirnhofers jüngste Arbeiten beschäftigen sich mit Fragen des Erinnerns und des Vergessens als grundlegende Prozesse menschlichen Lebens, dem Ineinandergreifen von individuellem und kollektivem Gedächtnis sowie mit »Erinnerungskultur« an sich, der die Künstlerin im gestalterischen Prozess nachspürt.
Es ist die konkrete Erfahrung mit einem geschichtsträchtigen Ort, die Dirnhofers aktuellem Werk zugrunde liegt: Ein Stipendium der Vorarlberger Illwerke AG führte die Künstlerin im Sommer 2008 zum Silvretta-Staudamm auf der Bielerhöhe, der unter dem totalitären NS-Regime des Zweiten Weltkriegs überwiegend durch die Zwangsarbeit hunderter Kriegsgefangener errichtet worden war – dem Ausbau der Wasserkraft war erhöhte Priorität eingeräumt worden, um die Energieversorgung der deutschen Rüstungsindustrie zu gewährleisten. Allein in den sieben Jahren nationalsozialistischer Herrschaft konnten die Illwerke die Energiegesamterzeugung um 243% steigern, wie aus Baubüchern des Vorarlberger Landesarchivs hervorgeht.

Veronika Dirnhofer sah sich mit einem Ort konfrontiert, an dem sich die erdrückende Last der Vergangenheit zwar überdeutlich in Gestalt der monströsen Staudamm-Architektur manifestierte, das historische Geschehen jedoch in keiner Form benannt oder ausgewiesen wurde. Über Fragen nach individueller Verantwortung, nach eigenen »Positionen« – »Mein Gedächtnis sieht mich« heißt es auf einer ihrer Papierarbeiten – nach der identitätsstiftenden Funktion von Erinnerung, gelangte Dirnhofer zu einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Thema. Welche Medien bieten sich als Vehikel und als Speicher an, um über Erinnerung und Vergessen nachzudenken, um flüchtige Erinnerungen zu konservieren? Und wie wirken diese Medien auf das Gedächtnis zurück? In tagebuchartig angelegten Tuschezeichnungen, die Bild und Text kombinieren – zentrale Medien des Gedächtnisses – eröffnet Dirnhofer einen intimen Raum des Erinnerns. Fotografien wiederum dokumentieren eine zweitägige »Ausgrabungs-Performance« der Künstlerin, zeigen sie beim Ausheben eines Erdlochs unterhalb der mächtigen Staumauer, das sie mit weißer Farbe anfüllt, wieder zuschüttet und verschließt. Hier kommt eine andere Form der Erinnerung zur Anschauung, ein physisches Sich-Abarbeiten. Die Vorstellung einer Verinnerlichung des körperlichen Erlebnisses als Gedächtnismedium erinnert an eine Passage in Marlene Haushofers Roman Die Wand, die Veronika Dirnhofer gerne zitiert: »Erst wenn das Wissen um eine Sache sich langsam im ganzen Körper ausbreitet, weiß man wirklich.«
Diese Form der leiblichen Einschreibung von Wissen, Erinnerung und Gefühlen korrespondiert auch mit Dirnhofers Zugang zur Malerei, der auf einer sehr unmittelbaren und direkten Umsetzung von Körperempfindungen beruht, die die Künstlerin abrufen und an die Oberfläche holen kann. Maria Lassnig und ihre body awareness painting klingen hier als wichtiger Bezugspunkt an, oder – wie es an anderer Stelle bei Marlene Haushofer über die Protagonistin ihres Romans heißt – sie ist »eine dünne Haut über einem Berg von Erinnerungen«.

Mit der Errichtung eines öffentlichen Gedenksteins – »In Gedenken an« – schloss Veronika Dirnhofer das Silvretta-Projekt ab – eine künstlerische Intervention, die primär als Katalysator fungiert: sie zeigt Leerstellen auf, die nach »Erinnerungsfüllung« verlangen und setzt damit einen Prozess in Gang, dessen Ergebnis nicht vorherbestimmbar ist. Nach anfänglichem Widerstand der Illwerke konnte der Gedenkstein von der Künstlerin gemeinsam mit Mitarbeitern im Silvrettadorf positioniert werden. Im Verhältnis zur bedrohlichen Übermacht des in die Höhe ragenden Staudamms, der das menschliche Maß übersteigt, erscheint der Gedenkstein ungemein fragil, steht für die Sehnsucht nach einer »menschlich proportionierten« Erinnerung, jenseits pauschaler Schuldzuweisungen.

Unter dem Eindruck der Erfahrungen auf der Bielerhöhe ist seither eine Gruppe von Gemälden entstanden, die sich in einer vielschichtigen Formensprache mit Zeichen und Strukturen der Erinnerung auseinandersetzt. Schon in ihrer Reduktion des Farbspektrums auf Schwarz und Weiß konnotieren die Gemälde »Vergangenes« und weichen augenscheinlich von ihren vorangegangen farbexplosiven Bildschöpfungen ab. Sie erscheinen wie Bruchstücke einer übergreifenden Erzählung: Erinnerungsfetzen, malerische Notizen, die unter dem Schleier der Erinnerung verblassen, künstlerische Vergegenwärtigungen des Vergangenen aus dem Körpergedächtnis, das sich Schritt für Schritt im Prozess des Malens manifestiert. Schemenhaft, in Form angedeuteter Gestalten und Landschaften bilden sich Erinnerungen ab. Frei gesetzte Pinselstriche formieren sich zu figurativen Elementen, um sich wieder im Dickicht der autonomen Bildzeichen zu verlieren – die Unterscheidung zwischen Figur und abstraktem Bildraum erscheint unwesentlich. Oft erschöpft sich die gestische Spur, lässt Leerstellen, die sich als eine Form von Aufforderung an den Betrachter selbst richten.

Dirnhofer setzt kollektive und persönliche Erinnerung zueinander in Beziehung, nimmt zum Teil altes Fotomaterial zum Ausgangspunkt, aus dem sie Bilder und Geschichten zu neuen Konstellationen fügt. Immer wieder wird das Verhältnis von Schrift und Bild beleuchtet – teilweise scheint für die Markierung dessen, was mit der Malerei angedeutet wird, das referenzielle Potential der Schrift nötig: So liegt über der Darstellung einer gläsernen Frau der Schriftzug »Der Himmel ist Blau. Kann sein« nach dem gleichnamigen Titel eines Buches über Frauen im Widerstand.

Im Verlauf des Malens kommt es zu Überlagerungen und Überlappungen einzelner Malschichten, der Malprozess bildet sich als Vorgang in der Zeit ab, wie Sedimente der Geschichte, die sich einlagern und von neuen Schichten überdeckt, vergessen werden. Erinnern und Vergessen greifen untrennbar ineinander: »Das Vergessen ist der Gegner des Speicherns, aber der Komplize des Erinnerns«, so Aleida Assmann.

Veronika Dirnhofers aktuelle Gemälde veranschaulichen, wie Erinnerung als Funktion eines sich in der Gegenwart vollziehenden, alle Sinne umfassenden Wahrnehmungsprozesses wirkt. Denn es liegt in der Ambivalenz des Erinnerns, dass die Bedeutung des Vergangenen in der Gegenwart immer wieder neu geschaffen wird.

Veronika Dirnhofer - Condition of risk Pressemitteilung als pdf-Datei 71,5 KB

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