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Einzelausstellung: Peter Friedl - Working (vorbei)

18 Januar 2008 bis 30 März 2008
  Peter Friedl - Working
Peter Friedl
 
  Kunsthalle Basel

Kunsthalle Basel
Steinenberg 7
CH-4051 Basel
Schweiz (Stadtplan)

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tel +41 (61) 206 99 00
www.kunsthallebasel.ch


Peter Friedl - Working

Pressebesichtigung
: Mittwoch, 16. Januar 2008, 11 Uhr

Eröffnung: Donnerstag, 17. Januar 2008, 19 Uhr

Laufzeit: 18. Januar - 30. März 2008

Öffnungszeiten: DI/MI/FR 11-18 Uhr, DO 11-20.30 Uhr, SA/SO 11-17 Uhr

Working in der Kunsthalle Basel ist die erste institutionelle Einzelausstellung des in Berlin lebenden Künstlers Peter Friedl in der Schweiz. Durch seine Arbeit in verschiedenen Genres, Medien und Präsentationsformen bringt Peter Friedl (*1960) die Betrachter dazu, ihre eigene Position als Subjekte und Adressaten von zeitgenössischer Kunst und Politik zu reflektieren. Konfrontiert mit seiner künstlerischen Praxis, welche globale (Gegen-)Geschichte, autobiografische Erzählungen und ungelöste ästhetische Fragen behandelt, werden die Betrachter dazu eingeladen, Bilder anders wahrzunehmen.

Die Ausstellung konzentriert sich auf neue Arbeiten: Sie umfasst fotografische Bilder, ein Video sowie eine Installation zu Friedls neuem Buchprojekt Working at Copan/ Trabalhando no Copan (2005-07). Zwei frühere Buchprojekte, Kromme Elleboog (2000-01) und Four or Five Roses (2001-04), basierten auf Kindermonologen; das neue Buchprojekt umfasst zwanzig Interviews aus der brasilianischen Arbeitswelt. Einige der ausgestellten Fotografien entstanden in den Ruinen von Copán, der Maya-Stätte im heutigen Honduras, die erstmals 1841 von dem „amerikanischen Reisenden" John Lloyd Stephens beschrieben wurde. In Friedls Aufnahmen sind die zerbröckelnden Monumentalskulpturen und Steinmauern mehr als das Standardbild eines historischen Niedergangs: Sie künden von einem zukünftigen Ende unseres modernen Zeitalters. Die Bilder dienen als rhetorischer Verweis auf das in den frühen 1950er Jahren von Oscar Niemeyer entworfene und 1966 vollendete Edifício Copan in São Paulo, das grösste Wohngebäude in Lateinamerika.

Working at Copan/Trabalhando no Copan besteht aus einer Reihe von sorgfältig redigierten Interviews (englisch und portugiesisch) mit einigen der 108 Angestellten des Edifício Copan. In diesen Texten kommt das Gebäude - eine Ikone der brasilianischen Architekturmoderne - nur als Arbeitsplatz vor. Es wird porträtiert in den Zeugnissen derjenigen, die durch ihre Arbeit für das Funktionieren der Architektur sorgen: Wartungspersonal, Portiers, Gebäudeverwalter. Wir sind eingeladen mitzuerleben, was für gewöhnlich hinter der kurvenreichen Fassade des Copan verborgen bleibt und hier einen klareren Blick auf die ambivalente Moderne zulässt. An einem ganz spezifischen Ort der Moderne schaffen die vom Künstler gestellten Fragen Raum für viele unterschiedliche Geschichten.

Eine gekrümmte Wand verleiht dem Oberlichtsaal der Kunsthalle eine neue Form. Sie dient als Display für die ungeschnittenen Druckbögen von Working at Copan/ Trabalhando no Copan. Gegenüber, an einer „echten" Wand der Kunsthalle, hängt eine Serie gerahmter Farbfotografien. Sieben Fotoprints zeigen vergrösserte Postkarten, welche die Mutter des Künstlers ihrem kleinen Sohn 1963 aus der Schweiz schickte (die Titel enthalten die genauen Daten). Es sind Bilder von Haustieren: von Hunden und (Spielzeug-)Katzen. Die sieben anderen vergrösserten Postkarten zeigen touristische Sehenswürdigkeiten wie Schlösser, Häfen, Klippen und historische Städte (eine Postkarte ist die Reproduktion eines Landschaftsbildes von J. M. W. Turner), die Friedl 1976 an seine Mutter schickte. Die Postcards-Serien (2007) bewegen sich nah an der Grenze zur Banalität von Nostalgie und Verlust: die Bilder werden veröffentlicht, der schriftliche „Inhalt" der Postkarten wird zensiert. Hinter dem Hauptausstellungsraum ist die Videoarbeit Liberty City (2007) installiert. Inmitten einer nachtdunklen urbanen Szenerie schlägt eine Gruppe junger (schwarzer) Männer auf einen (weissen) Polizisten ein. Die Loop-Sequenz erinnert an ein mit der Handkamera aufgenommes Dokument eines zufälligen Augenzeugen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine sorgfältig konstruierte, dramatische Studie zum urbanen Rassismus: Das einminütige ungeschnittene Video bezieht sich auf die Ermordung von Arthur McDuffie in Miami in der Nacht des 17. Dezember 1979. Nach einer Verfolgungsjagd wurde der (schwarze) Motorradfahrer an der North Miami Avenue, Ecke 38th Street von fünf (weissen) Polizisten zu Tode geprügelt. Der Freispruch der Polizeibeamten durch eine ausschliesslich weisse Jury führte im Mai 1980 zum Aufstand in Liberty City, einem überwiegend afroamerikanischen Stadtteil von Miami. Liberty City wurde vor Ort inszeniert und gefilmt: in den Strassen des Liberty Square Housing Project, einer Wohnanlage, die während der Roosevelt-Ära in den 1930er Jahren für einkommensschwache afroamerikanische Einwohner erbaut worden war. Um Schwarze und Weisse voneinander getrennt zu halten, wurde am östlichen Rand von Liberty Square eine Mauer errichtet (die Überreste sind heute noch zu sehen). Friedls Film ist eine Hommage an die Community von Liberty City - ein kurzes Stück epischen Theaters in Dokumentarästhetik.

Die Ausstellung endet mit zwei Fotografien im letzten Raum. Bei der einen handelt es sich um das kleinformatige Schwarzweissfoto eines Zeitungsausschnitts aus dem fortlaufenden (1992 begonnenen) Projekt Theory of Justice, einem Archiv von Zeitungsbildern, das Fragen von Originalität und Historizität aufwirft und den anhaltenden Kampf gegen soziale und politische Unterdrückung bezeugt. Vor einem von Demonstranten hochgehaltenen Banner mit dem Wort „GREVE" (portugiesisch für „Streik") bietet eine geöffnete Hand in Nahaufnahme zwei Münzen und ein kleines Flugblatt mit dem Wort „DIGNIDADE" (portugiesisch für „Würde") dar. Das Foto ohne Titel ist typologisch eine Antithese zu den Postcards, die vergrösserte Faksimile-Drucke von gescannten Originalen sind. Die Fotografie des Zeitungsausschnitts - ein mediatisiertes und melancholisches Dokument des Widerstands - betont das Wesentliche des Dissenses. Im Französischen bezieht sich das Wort „grève" auf die Pariser Place de Grève und ihre komplexe Geschichte. Der Platz lag an einem alten Hafen, in dem die Nahrungsmittel für Paris umgeschlagen wurden. Außerdem fanden dort seit dem Mittelalter öffentliche Hinrichtungen statt; 1794 errichtete man an dieser Stelle eine Guillotine. Ab dem 18. Jahrhundert diente der Platz zum Anheuern von Tagelöhnern, vor allem für Steinmetze aus der Provinz. Mit den umliegenden Arbeiterabsteigen galt er als Problemgegend und Wiege revolutionärer Umtriebe, die eine potenzielle Bedrohung der öffentlichen Ordnung darstellten und von der Polizei das 19. Jahrhundert hindurch bis zur Pariser Commune überwacht wurden.

Das andere Bild in diesem Raum ist ein Farbfoto: Grashalme und Wiesenblumen vor einem Himmel. Durch seine merkwürdig warme, satte Farbgebung wirkt das Motiv leicht unwirklich und bedrohlich. Der Hinweis Untitled (1962) verrät, dass das Original (ein Kleinbildia) historisch oder anachronistisch ist. Die dichte, überdimensionale Vegetation aus der Froschperspektive erinnert an die malerischen Feenwelten eines Richard Dadd - auch wenn es vielleicht nur ein Kinderversteck ist, eingebettet in des Künstlers Autobiografie.

Adam Szymczyk

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