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Einzelausstellung: Herbert Brandl (vorbei)

9 Mai 2003 bis 31 Juli 2003
  Herbert Brandl
Ohne Titel, 2000, Öl auf Leinwand, 240 x 350 cm
 
  Galerie nächst St. Stephan - Rosemarie Schwarzwälder

Galerie nächst St. Stephan - Rosemarie Schwarzwälder
Grünangergasse 1/2
1010 Wien
Österreich (Stadtplan)

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tel +43-(0)1-512 12 66
www.schwarzwaelder.at


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Softwarefirmen sind nach ihm benannt, Theateragenturen, Kliniken und Bowling Clubs.
Daneben ist er ein stark frequentierter Link auf sacredsites.com: der Mount Kailash, der heiligste Berg der Hindus, der Jains und der Buddhisten. In der fernöstlichen Mytholgie auch Ursprung und Zentrum der Welt, ein Pfeiler, der aus der siebenten Hölle in die höchsten Himmel reicht. Der Gewaltige ist auch ein Unberührbarer. Pilger, die ihn nach beschwerlicher Reise erreicht haben, umkreisen ihn in respektvollem Abstand, für sportliche Kletterer und Gipfelstürmer ist er tabu. Herbert Brandl sieht den Vielpublizierten profaner: irgendwie, sagt der Künstler, erinnere ihn das Heiligtum an eine Torte oder an einen Kristall. Denn im Grunde interessiert sich Brandl für visuelle Strukturen und wenig für die Legenden und das Storyboard, für den Berg als Persönlichkeit und Gegner, wie ihn etwa ein Bergsteiger sieht. Und doch verbindet ihn einiges mit den Extremkletterern: das Malen von spektakulären Großformaten bedeutet nicht nur vergleichbare körperliche Anstrengung, sondern auch permanente Bedrohung durch abrutschende Farbmassen und den Verlust eines sicheren Standpunkts. Den Brandl bei der Suche nach seinen Sujets noch hat, denn er findet sie beim Blättern in Geo-Heften und Reiseprospekten. Was ihn fasziniert, ist das Abbild, nicht die Realität, und es gelingt Überraschendes: nämlich dem medialen Bild, dem Synonym für authentische Wirklichkeit, dem Bild, das Faszination, Grandiosität und Einmaligkeit suggeriert, mit dem Traditional Malerei die Aura des Besonderen auszutreiben. Denn ob heiliger Berg, Kristall oder Torte, letztendlich bleibt alles Farbe auf Leinwand, eine Frage der individuellen Interpretation und der Bereitschaft zur Revision eingefahrener Wahrnehmungsmuster.

Seit etwa zwei Jahren malt Herbert Brandl die Klischeeberge dieser Welt, vom Matterhorn bis zum Annapurna, die Sehnsuchtsformeln der Alpinisten, die Kodak Points des Tourismus. Riesenformate, im Raum installiert, die man durchwandert wie eine Landschaft. Das radikale Großbild des Mt. Kailash packt Brandl in den kleinsten Raum der Galerie. Bild und Raum als Widerspruch. Als Betrachter ist man ganz nah dran: statt des schönen Fernblicks aus sicherer Distanz die unwirtliche Felswand bedrohlich herangezoomt. Ein wenig Rettung verspricht das entmaterialisierende Tageslicht. Wie kaum ein anderes Motiv ist das Gebirge mit seiner Masse, seiner Morphologie, mit den unabwägbaren Höhen, Schrägen und Tiefen, mit seinen starken Schatten und dem grellen Licht geeignet, die Möglichkeitsformen von Malerei zu testen, einen anderen Zugang zu finden und, wie Herbert Brandl zu verstehen gibt, Distanz zur abstrakten Malerei zu gewinnen. "Gleichsam im Inferno einer trivialen Gegenständlichkeit sucht diese Malerei ihre Erlösung" kommentiert Peter Weibel Brandls malerische Versuchsanordnung zwischen Pathosformel und Bildexperiment.

Brandl hat den Umstand zu malen immer mit einer kritischen Reflexion des Mediums verbunden. Aus dem Fundamentalismus, der in der Repräsentation steckt, werden neue Erfahrungen gewonnen, auf die der Künstler zurückgreift, im Laufe der Entwicklung seiner Arbeit. Deshalb stehen den Bergwirklichkeiten auch neue Bilder gegenüber, die den Konventionen der Abstraktion verpflichtet zu sein scheinen, allerdings nur insofern, als Brandl sich eher mit Malweisen als Inhalten auseinandersetzt. Er arbeitet mit den physikalischen Gegebenheiten der Farbe und malt ‚absichtslose’ Bilder. Erst wenn alle Einfälle verschwunden, alle Ideen losgelassen sind, sagt Brandl, wird es für ihn wieder interessant. Im Gegensatz zur materiellen Schwere der Berge sind es leichte Arbeiten, in aufgelösten Farbtönen, neuerdings mit einer Art Rahmen, der durch das Anbringen von Klebestreifen am Bildrand entsteht. Auf der einen Seite scheint die Materie der Farbe zu verschwinden, dann aber ist die malerische Geste, das Einsschreiben der körperlichen Bewegung ins Bild, zu bemerken und in jedem Fall die triumphale Wiederkehr von Brandls expansiven Farbräumen. Wenn Gerhard Richter sagte, er habe kein Motiv, sondern nur Motivation, so gilt das auch für Herbert Brandl, der seine Malereipassion jedoch mit einer soliden Portion Skeptizismus würzt.

Die Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan präsentiert neue Bilder aus der Hexenküche Herbert Brandls, und sie führt durch die beiden Spielhälften seiner Kunst, hinein in Vexierbilder zwischen Abstraktion und Figuration. "Es ist eine Bewegung zwischen den Spannungsfeldern", sagt Herbert Brandl, "das dominante Phänomen ist anscheinend doch, dass man an einem Punkt steht, einen anderen sieht und sich dorthin begeben möchte".

Brigitte Huck

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