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Einzelausstellung: Alex Tennigkeit - FLIPSIDE ARCADIA (vorbei)

13 Juni 2008 bis 26 Juli 2008
  Alex Tennigkeit - FLIPSIDE ARCADIA
Vorübergehende Siege, 2008
Öl auf Leinwand, 190 x 300 cm
 
  Galerie Jette Rudolph

Galerie Jette Rudolph
Strausberger Platz 4
10243 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)30 - 613 03 887
www.jette-rudolph.de


Der Ruf nach Arkadien, dem romantischen Zufluchtsort, dem Paradies eines nie enden wollenden Frühlings steht der zerplatzte Traum, das Aufwachen in der Gegenwart im Weg. Wenn es heißt: „Et in Arcadia ego“, so ist hier nicht der romantische Ruf „Auch ich bin in Arkadien geboren!“ gemeint, vielmehr wirft uns der Tod mit „Auch in Arkadien gibt es mich!“ ein Lächeln zu.

Alex Tennigkeit (*1976 i. Heilbronn; lebt i. Berlin) setzt der Idealisierung Arkadiens immer wieder den memento- mori Gedanke entgegen; denn hier spricht der Tod- gegen alle Ewigkeit, gegen die romantische Vorstellung ewig sein zu können, im Hier oder einer glücklicheren Welt. Die rückwärtsgewandte Vision eines unübertrefflichen Glücks, in der Vergangenheit genossen und nun für immer unerreicht, nur in der menschlichen Erinnerung als Vorstellung dauerhaft, ist beendet durch den herannahenden Tod.
(siehe E. Panowsky, Et in Arcadia ego. Poussin und die Tradition des Elegischen; in: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst, Dumont 2002)

Alex Tennigkeit inszeniert in ihrer dritten Soloshow in der Galerie Jette Rudolph unter dem Titel "FLIPSIDE ARCADIA" die Kehrseite Arkadiens mittels Elementen modellartiger Skulptur, großformatigen Malereien und feinlasurigen Zeichnungen. Ein riesiger kopfüber von der Decke hängender Obelisk führt die Szenerie an: Bote, Sendstrahl, Tor und Weg zwischen Diesseits und Jenseits flankiert von kleinformatigen Zeichnungen, die unter dem Motto „PLUS ULTRA“(= „Darüber hinaus“) das „Immer weiter“ der eingefangenen Leiden der Gemeinschaft Mensch abbilden. Der Obelisk scheint uns die sinnbildhafte Brücke zu der aus dem heutigen Bewusstsein verdrängten Rückseite Arkadiens zu schlagen. Hier finden sich keine spielenden Faune, Musen und Nymphen von einst ein oder deren aktuelle Repräsentanten inform räkelnder Mädchen aus Werbung, TV oder Partyflyern, vielmehr begegnen dem Betrachter Symbolträger des Todes begleitet von medienbekannten Bildern globalpolitischer Phänomene wie Massakern, Krieg und Hinrichtungen.

Tennigkeit will den Rezipienten medial wie psychisch tief in ihre Bildwelten von Leid und Folter hineinziehen. So kreiert sie bühnenartige Räume, um ihre Visionen begehbar zu machen, inszeniert stark fluchtende Diagonalen oder einen optisch irritierenden schachbrettartigen Fußboden, auf dem die Darstellung zweier monumentaler Hände- die eine zur Faust geballt, die andere malträtiert von Nägeln- vom Kämpfen und Dulden berichten. Ein auf einer Wolke gesandter Engel bekrönt den Tod, ein Wagenrad kündet von seinem Dienst als Folterwerkzeug, ein in Flammen stehender Himmel verheißt unserer Zukunft nichts Gutes.

In einer anderen Leinwand kommt das gleiche Fußbodenmuster zum Einsatz, doch versperrt eine Wand den Blick nach Arkadien und verweist stattdessen auf einen Schrein der Eitelkeiten, verziert mit den Andenken der Vergänglichkeit wie glitzernde Kleinode, ein auf allen Vieren katzenhaft schleichender nackter Frauenleib, multiplizierte Frauenbeine contra einer goldenen Kugel gerahmt in ein Ziffernblatt, Efeu berankte Wappen, Grabplatten, ein zerbrochenes Ei. Selbst die kobaltblaue Skulptur einer Popcorntüte als Symbol für Jugend und Konsum beherbergt ein verstecktes Detail der Vergänglichkeit, einen ausgestopften Vogel. Die Körper in ihren Bewegungen sind vollends ihrer Natürlichkeit enthoben, die eigentliche Quelle der Freude, das sorglose Spiel, beschmutzt, das reine Geschenk der Liebe pervertiert zu einem in Gold getränkten glitzernden Sammeln von Kleinoden, von Fetischen.

Der Höhepunkt wird erreicht in einem letzten Bild bevölkert von Sterbenden, Toten, Verwesenden, Körpern und Körperteilen, welches den Ausstellungstitel als Namen trägt. Eine "Dystopie“, ein allegorischer Einwand an das Hier und Jetzt? Es krampft sich etwas in uns zusammen: Ist das die Erinnerung an das Ende? Ist das die Gerichtsbarkeit im Leben? Die Qual, in die wir hineingeboren sind, die vergessen wollend wir uns so viel Mühe geben? Ein kritischer Verweis auf die Massen, die von einer wohlwollenden, das Ego fütternden Hoheit kontrolliert werden, sich selbst dabei zerstörend, die medialen Einimpfungen „Das braucht ihr und Das bekommt ihr!“ bettelnd erflehend, gewalttätig auf der einen und hoffnungslos verdammt auf der anderen Seite? Die Lust an der Aufzählung eingefangener Versprechen wird zu einem Geschwür, das Versprechen einer besseren Welt stirbt dahin. Arkadien ist Tot!

„Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits ein Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er.“ „ (...)- um den Körper, am Körper, im Körper- durch Machtausübung an jenen, die man bestraft, und (...) überwacht, dressiert und korrigiert, die man an einen Produktionsapparat bindet (...) ein Leben lang (zu) kontrollieren.“
(M. Foucault, Überwachen und Strafen; in: die Geburt des Gefängnisses, Suhrkamp 1976)

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