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Einzelausstellung: Abraham David Christian - Torri del Silenzio / Skulptur (vorbei)

11 Oktober 2008 bis 11 November 2008
  Abraham David Christian - Torri del Silenzio / Skulptur
 
www.rothamel.de GALERIE ROTHAMEL

GALERIE ROTHAMEL
Kleine Arche 1A
99084 Erfurt
Deutschland (Stadtplan)

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www.rothamel.de


Abraham David Christian: Torri del Silenzio

Eröffnung am Samstag, 11. Oktober um 21 Uhr

Abraham David Christians erste Arbeiten entstanden um 1970 - Aktionen und Grenzerfahrungen, und anfangs weigerte er sich, sie als Kunst zu definieren. Joseph Beuys erkannte das Potential dieser Unternehmungen und holte den jungen Künstler an die Düsseldorfer Akademie.

1972, gerade zwanzigjährig, nahm Christian an der documenta 5 teil, rebellierte gegen den Meister und bestritt gegen Beuys seinen legendären Boxkampf. Die fünf Jahre später folgende Nominierung zur d 6 schlug er ostentativ aus, wurde zur documenta 7 nochmals eingeladen und nahm diesmal an. Anschließend zog er sich wieder für Jahre aus dem offiziellen Kunstbetrieb zurück.

Christian vertrat eine radikaldemokratische Kunstauffassung. Er begriff Kunst als aus der Gesellschaft kommend und ihr gehörend. Seine Person entzog er bewusst dem öffentlichen Blick, verbot der Presse, sein Porträt abzubilden und verzichtete zeitweise in Katalogen auf die Nennung seines Namens. Bis heute besitzen die meisten seiner Werke keine Titel, damit sie das Bewusstsein der Betrachter ohne kommentatorisches Branding erreichen können. Abraham David Christians Weg der strikten Trennung von Kunst und Künstlerpersönlichkeit verkörpert einen Gegenentwurf zum Modell des Hypes, eine sympathische Möglichkeit mit Potential für die Zukunft.

Seine ersten Plastiken formte der Künstler aus Erde. Ihre Herstellung war äußerst aufwendig und nahm Jahre in Anspruch, zugleich war ihr Zerfall einkalkuliert. Kunst sah Christian als Prozess. In einer Welt der beschränkten Ressourcen und der Kreisläufe sollte das Resultat zwar perfekt, zugleich aber ephemer sein. Dieser Auffassung folgen auch seine äußerst komplexen Papierskulpturen, die seit Ende der siebziger Jahre entstehen. Seit über zwei Jahrzehnten verwendet Christian auch Bronze. Dieser Werkstoff befindet sich seit fünf Jahrtausenden im Einsatz. Er lässt sich einschmelzen und beliebig neu verwenden, unkompliziert verfrachten und lagern. Die Detailversessenheit der frühen Jahre hat sich zu außerordentlichem Qualitätsbewußtsein gewandelt, einem besonderen Sinn für den Geist eines Werkes, für Volumina und Oberflächen.

Die geometrisch wie figurativ inspirierten Arbeiten des Bildhauers referieren sich an Ur-Formen, die seiner Beobachtung nach in allen paläolithischen Kulturen der Welt auftauchen. Er begreift sie als angeborenen Formenschatz des Menschen. Ur-Formen erscheinen in Idolen wie der Venus von Willendorf und wurden bis in jüngste Vergangenheit von "primitiven" Völkern verwendet. Bevorzugt bezieht der Künstler sich auf Umbruchsituationen der Kunstgeschichte, die grundlegend Neues erzeugten, in denen die Ur-Formen sich gleichsam vom kulturhistorischen Sediment befreiten und wieder an die Oberfläche gelangten. Solche Verhältnisse herrschten während der Renaissance wie der Moderne und bestehen heute wieder. Auch gegenwärtig befindet unsere Kultur sich im Umbruch - die Globalisierung provoziert die Verständigung auf Gemeinsamkeiten

An den sieben Skulpturen der Gruppe "Türme der Stille" arbeitete Abraham David Christian während der vergangenen beiden Jahre. Die Entwürfe entstanden in Hayama, die Gipsmodelle im Laufe des letzten Winters in New York. Anfang 2008 wurden sie in Deutschland gegossen, nachbearbeitet und patiniert. Jede einzelne Skulptur besteht aus einem stufenförmig ansteigende Unterbau aus sechs bis sieben Hexaedern und einer zapfen- oder tropfenartigen Form auf dem obersten Plateau. Der Unterbau erscheint statisch, die darauf thronende Form organisch.

Spontan erinnern die "Türme" an Zikkurate und Stupas, aber auch an noch archaischere Formen wie die aus animistischen Zeiten stammenden skandinavischen Steinmänner oder die in Tibet allgegenwärtigen Lhadhos.

Die ersten Zikkurate entstanden vor mehr als 4000 Jahren in Ur, und die bekannteste Zikkurat wurde dem Marduk in Babylon errichtet - der Turm zu Babel. Entgegen der Diktion der Bibel wurde sie nicht erbaut, um den Himmel zu stürmen, sondern war eine Geste der Demut: Dem Gott sollte der Abstieg zu den Menschen erleichtert werden. Zikkurate dienten als Kultorte und Sternwarten. Die Zikkurat des Marduk bestand aus sieben, Herodot zufolge aus acht Stufen. Für die Kraft der Legende - und zugleich der Ur-Form, wie Christian sie sieht, spricht, dass Pieter Bruegel der Ältere sie zwei Jahrtausende nach ihrer Zerstörung immer noch als stufenförmigen Bau malte.

Der Stupa ist anderthalb Jahrtausende jünger. Er ist die Visualisierung des buddhistischen Glaubens: Eine quadratische Plattform dient als Basis und verkörpert den Sangha (die Gemeinschaft), darauf erhebt sich eine Halbkugel, das Dhamma (die Lehre) symbolisierend, darüber die dem Buddha gewidmete Reliquienkammer, gekrönt vom Nibbana, dem Juwel. Durch die Kombination aus Kubus und Kugel kommen die "Türme der Stille" besonders dem Stupa nahe. Ihre Namensgebung wiederum nimmt die Bauwerke der Parsen zum Ausgangspunkt, die sich sich aus frühen zoroastrischen Begräbnisstätten, ummauerten Felsplateaus, entwickeltet hatten. Die Parsen verehren die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Deswegen bestatten sie ihre Toten weder in der Erde noch im Wasser und verbrennen sie auch nicht, sondern bringen sie in die "Türme des Schweigens", wo die Leichname von Vögeln gefressen werden.

Abraham David Christians "Türme der Stille" umschreiben einen großen Kreis menschlicher Wahrnehmungsgeschichte. Sie setzen sich mit Architektur und Weltauffassung auseinander, sie agieren physisch und metaphysisch gleichzeitig. Ihre formale Seite konzentriert sich auf den Gegensatz von Tragendem und Getragenem, auf Aszendenz und Deszendenz. Metaphysisch können die Skulpturen als spirituelle Leuchttürme begriffen werden, als Objekte der Kontemplation.

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