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Einzelausstellung: Lidy Jacobs - Carved Out Gleaming Glamour (vorbei)

5 Dezember 2008 bis 31 Januar 2009
  Lidy Jacobs - Carved Out Gleaming Glamour
Lidy Jacobs, Dutch Mill, 2007
 
  Parrotta Contemporary Art - Stuttgart

Parrotta Contemporary Art - Stuttgart
Augustenstr. 87-89
70197 Stuttgart
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)711 - 69 94 79 10
www.parrotta.de


Lidy Jacobs 'Carved Out Gleaming Glamour'
Eröffnung BERLIN:
28.11.2008 - 31.1.2009
Eröffnung STUTTGART: 5.12.2008 - 31.1.2009

Mit freundlicher Unterstützung durch die Niederländische Botschaft in Berlin

Die Themen der 1959 in Heerlen/Niederland geborenen Lidy Jacobs kreisen um obszöne und kindliche Verdrängungsmuster unserer Gesellschaft und ihrer medialen Darstellungsformen. Dabei bedient sie sich in ihren Arbeiten einer Mischform aus Collage und Scherenschnitt, sowie der Fotografie als auch der Skulptur. Hierin kreiert sie "libidinale Wesen" zwischen Mensch und Tier, Mensch und Maschine oder Mensch und Pflanze - anstößig und anziehend zugleich.

Das Bildmaterial ihrer Collagen entnimmt Lidy Jacobs sexuell aufgeladenen Werbestrecken und Pornomagazinen, um in einer speziellen Schneidetechnik einzelne Körper auszuhöhlen, zu entpersonifizieren und nur in ihren Konturen stehen zu lassen. Die so entstehenden Bildkörper werden in großflächigen Collagen zu einem endlos scheinenden fragilen Geflecht miteinander verbunden und in Auflösung der Grenzen zwischen den einzelnen ineinander drängenden und dringenden Körpergerippen zu einer neuen organisch wirkenden Einheit verwoben.

In einem Interview bezeichnete sie ihre Arbeit als "erotische Ausschnitte auf der Suche nach Haut und Leben". Doch obwohl es hier ganz offenbar um den sexuellen Akt und implizit um eine Weise des Energieflusses geht, so bleiben ihre Collagen doch überraschend kühl. So wie man in der Pornografie Körper einander kaum berühren sieht, so finden sich auch bei Lidy Jacobs nur vereinzelte Stellen, an denen die Leiber wirklich Kontakt haben: "Es wird nicht gestreichelt, obwohl die Haut am empfindlichsten ist. Das Wort "Hauthunger" kommt für mich daher. In der Pornografie sieht man Menschen wunderschön liegen - wie kommen Hintern am Besten raus? Es ist alles nur Nepp, denn der Betrachter muss verführt werden. Verlangen spielt sicher eine Rolle in meiner Kunst. Ich habe Stofftiere zum Beispiel schweben lassen, ausschließlich von meinem eigenen Verlangen her, gewichtslos zu sein, fliegen zu können."

Lidy Jacobs' Skulpturen sind Stofftiere, die eine von den Bildkörpern ihrer Collagen verschiedenartige Qualität aufweisen. Zunächst sind sie haptisch, prall, weich und offenbar von einem etwas anderen Verlangen bewegt. Lidy Jacobs arbeitet an den Tieren - wie sie sagt - "bis zu dem Moment, wenn die Augen sie anschauen und die 'Seele' im Tier sitzt." Sie sind nicht entpersonifiziert und ausgehöhlt, sondern von einer zuweilen ergreifenden Charakteristik. Anders jedoch als ihre standardisierten und geschlechtslosen Vorbilder, anhand derer bestimmte gesellschaftliche Normen eingeübt werden, sind die Stofftiere Lidy Jacobs sexualisiert. Auch wenn ihre aufwändig gestalteten Plüschtiere keiner uns vertrauten kindlichen Dingwelt entnommen sind, weisen sie dennoch zurück in die Kindheit und vermögen so verdrängte Anteile frühkindlicher psychischer Prozesse beim Erwachsenen deutlich zu machen.

Die Berliner Rauminstallation 'Rabbit Bedroom' präsentiert sich als überaus kuscheliges Gemach, in dem sich zwei Mischwesen aus Stoff befinden. In der Aufhebung einer alltäglich vertrauten räumlichen Struktur und Dingwelt - nur angedeutet sind beispielsweise Bett und Stuhl - geht alles in der Weichheit der Flokati-Oberflächen ineinander über, das Mobiliar verschmilzt mit dem umgebenden Raum, die Wände mit den horizontalen Flächen wie Boden und Decke. In einer verschobenen Maßstäblichkeit, auf einem für es viel zu groß erscheinendem Bett liegt ein schutzbedürftig wirkendes, in sich zusammengerolltes chimärisches Wesen aus Kaninchen und Mensch. Für dieses unerreichbar hoch an der Wand wartet ein negligéartiges Bunny-Kostüm an einem Kleiderbügel hängend auf seinen Auftritt im Scheinwerferlicht. Statt begehrlicher Blicke und Scheinwerfer richten sich jedoch nur die sanften Augen des Kentaur 'Irene' auf das Hasenmenschlein - diese wiederum ein Mischwesen aus Pferd, Mensch und Hase. Im Blick und in der Haltung von 'Irene' manifestiert sich die Ambivalenz dieser Szenerie: Die detaillierte Ausarbeitung der Geschlechtsteile des Kaninchens, das als Anthropomorphismus üblicherweise den Stereotypen roher Triebhaftigkeit und übermäßiger sexueller Aktivität umschreibt, die plüschigen Materialqualitäten des Flokati, die aufreizende Erscheinung der Dessous an der Wand - all dies könnte auf eine Atmosphäre des sexuell Begehrlichen verweisen. Die schutzsuchende Liegeposition des Häschens, der sanftmütige Blick und die andächtige Haltung von 'Irene' offenbaren jedoch ein scheinbar anders geartetes Begehren: Ein Verlangen nach Überbrückung der Distanz, nach Berührung, Anerkennung, Erfüllung und Geborgenheit. So versetzt Lidy Jacobs ihre Wesen in eine geradezu religös anmutende Szenerie, die an Darstellungen der Anbetung des Kindes erinnert. Ihre chimärischen Schöpfungen werden nicht in den Dienst einer Anekdote, Erzählung oder belehrenden Fabel gestellt, sondern gruppieren sich zu einem Andachtsbild, das - nicht ohne ein Augenzwinkern - Vergegenwärtigungen tief verborgener Sehnsüchte und Wünsche erlaubt: nach unmittelbarer Triebbefriedigung, der Auflösung von Grenzen, nach der Rückkehr in einen Urzustand vor der Trennung und vor der Unterscheidung von 'ich' und 'du' - der Rückkehr in einen schwebenden Zustand, der mit Freud als frühkindklicher Zustand des Vereint-Seins gedacht werden kann.

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