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Einzelausstellung: Isa Melsheimer - Land aus Glas (vorbei)

20 Februar 2009 bis 25 April 2009
  Isa Melsheimer - Land aus Glas
 
  Galerie nächst St. Stephan - Rosemarie Schwarzwälder

Galerie nächst St. Stephan - Rosemarie Schwarzwälder
Grünangergasse 1/2
1010 Wien
Österreich (Stadtplan)

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tel +43-(0)1-512 12 66
www.schwarzwaelder.at


Überall reflektiert, funkelt irgendwie „das Andere“ in das Individuum hinein, und also auch das „Nich s“. Und umsomehr, je mehr man das „Ande e“ liebt. Daher [ist] auch die Eigenschaft des schöpferischen Menschen am meisten vielleicht zu fassen in der Sehnsucht nach Aufhebung der Individualität, nach Durchbrechung ihrer Grenzen durch Aufnahme des „Anderen“… Bruno Taut, Mein Weltbild, 1920

Isa Melsheimer nimmt in ihren Skulpturen und Installationen wiederholt Bezug auf Architektur und Wohnbau. Sie thematisiert unbehauste Orte wie jene unter Brücken oder Treppen, zitiert in hybriden Räumen – oft im Schuhschachtelformat – Elemente sogenannter Wohnkultur und bringt in ihren Modellwelten gesellschaftspolitische Utopien wie psychosoziale Realitäten in kritisch-poetische Verbindung.

In der gegenwärtigen Ausstellung nähert sich Isa Melsheimer dem Nicht-Ort der Utopie selbst und ihrem Scheitern am Beispiel der Gläsernen Kette, einer korrespondierenden Gruppe von expressionistischen Architekten, die Bruno Taut (1880-1938) im November 1919 ins Leben gerufen hatte. Isa Melsheimers Glasskulpturen beziehen sich auf die skizzierten Visionen u.a. von Carl Krayl, Wenzel August Hablik, Hans Scharoun, der Gebrüder Luckhardt und Bruno Taut selbst, vor allem auf seine „Alpine Architektur“ (1919). Teilweise mehrfarbig, teilweise auch in Blei gefasst („Tiffany-Technik“) thematisieren Melsheimers Skulpturen die Vorstellung einer gläsernen Baukunst und die mystische Kristallverklärung der Expressionisten. Sekundiert werden sie von Textauszügen des Schriftstellers Paul Scheerbart (1863-1915), der mit seiner Abhandlung „Glasarchitektur“, erschienen 1914, entscheidenden Einfluss auf die Architektengruppe nahm. Die Textauszüge sind auf lange Stoffbahnen gestickt, etwa:�

„Wir leben zumeist in geschlossenen Räumen. Diese bilden das Milieu, aus dem unsre Kultur herauswächst. Unsre Kultur ist gewissermaßen ein Produkt unsrer Architektur. Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume lässt, sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind, aus farbigen Gläsern. Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.“

Mit der Novemberrevolution 1918 verknüpften sich Hoffnungen auf eine politische, kulturelle und gesellschaftliche Erneuerung, die nach den Vorstellungen von Bruno Taut am besten unter der Führung einer neuen Architektur zu erreichen sei. Der 1918 gegründete Arbeitsrat musste realpolitisch gegenüber Tauts revolutionär utopischen Ansprüchen versagen. Die Gläserne Kette bot in Form eines Briefwechsels dagegen ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten für die korrespondierenden Mitglieder. Bruno Taut konnte u. a. Carl Krayl, Hans Scharoun, Jakobus Göttel, Wenzel August Hablik, Walter Gropius, Max Taut, Hermann Finsterlin, Wassili und Hans Luckhardt gewinnen. Der programmatische Ruf nach einer gläsernen Baukunst, die das große Licht als „Kern der Mysterien“ in Glaspalästen zur Wirkung bringen und der Menschheit kosmisches Bewusstsein vermitteln soll, setzte das Bild des Architekten als Heilsbringer voraus, nietzscheanische Töne schwingen mit.�

Unter den Mitgliedern der Gläsernen Kette, einer keineswegs homogenen Gruppe, entstand bald die Diskussion um Glauben oder Form. Im Hinblick auf realisierbares „Neues Bauen“ gewannen Rationalismus und Klarheit die Oberhand gegenüber glühenden Glaubensbekenntnissen. Der Briefwechsel endet im Dezember 1920.
Die realisierten Bauten einzelner Mitglieder sind wiederum Inspirationsquelle für Isa Melsheimers Gouachen, dem dritten Werkkomplex der Ausstellung. Sie werden sichtbar hinter und zwischen Fadenverspannungen.�

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