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Einzelausstellung: Peter Bialobrzeski - Neon Tigers (vorbei)

21 April 2005 bis 9 Juli 2005
  Peter Bialobrzeski - Neon Tigers
Peter Bialobrzeski, Shanghai-2001, #27
 
www.lagalerie.de L.A. Galerie – Lothar Albrecht

L.A. Galerie – Lothar Albrecht
Domstraße 6
60311 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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www.lagalerie.de


Peter Bialobrzeski
Neon Tigers


21. April bis 9. Juli 2005

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlich ein zur Eröffnung am Donnerstag, den 21. April ab 19.00 Uhr.

Der Künstler ist anwesend.

Neon ist ein Naturprodukt. Und ein rares dazu. 1,8 x 10-3 Volumenprozent, einfacher ausgedrückt: 0,002 Prozent – mehr gibt es nicht von diesem Gas, zumindest nicht in der Atmosphäre unseres Planeten. Synthetische Herstellung? Unmöglich.
Das ist das Großartige am klassischen Neonlicht: Obwohl es für absolute Künstlichkeit und kalte Modernität steht (ganz anders als die funkelnden Gaslaternen in Julius Rodenbergs Paris), ist der Grundstoff der Röhre nicht künstlich herstellbar.

Ähnliches gilt für Peter Bialobrzeskis magische Fotografien in Neon Tigers. Auch sie sind, wenn man so will, natürlichen Ursprungs. Wie digitale Fiktionen wirken sie, sind jedoch analog. Kein Mausklick hat sie je verfremdet, kein Bildbearbeitungsprogramm sie berechnet. Wie Neonröhren lassen Bialobrzeskis Bilder das Chaos unter ihrer Oberfläche nur erahnen. Die Menschenmassen, die sich durch diese Megastädte bewegen, sind oft so unsichtbar wie die strömenden Elektronen in der Lampe, deren Kollisionen mit den Gasatomen den Leuchtstoff erst zum Glimmen bringen. Weil die Menschen so rar sind in diesen Fotografien, zieht das Kunstlicht in der Dämmerung den Blick an. Manchmal strahlen die Leuchtstoffröhren Asiens aus Bialobrzeskis Bildern, als glühten die 1,8 x 10-3 Volumenprozent Neon auf einmal.

Nicht wie es da ist, sondern wie es sein könnte

"Mir geht es nicht darum zu zeigen, wie es da ist", sagt Peter Bialobrzeski. "Ich will zeigen, wie es sein könnte, wenn ich es fotografiere." Begriffe wie "Traum" und "Fiktion" fallen oft, wenn er über Neon Tigers redet. Immer wieder bezieht er sich auch auf Filme, Bücher, Computerspiele: Blade Runner etwa, Krieg der Sterne, William Gibsons Romane Neuromancer und Mona Lisa Overdrive oder das Computerspiel Sim City.
In Bialobrzeskis Kopf sind all diese Bilder, Mythen, und Fantasien miteinander vernetzt, und er will, dass es dem Betrachter genauso geht. Er will, dass die Fakten irgendwann verschwinden und die Illusion entsteht, all diese Städte wären eine Stadt. Eine neue Stadt. Eine Stadt, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist, außer in dem Atlas, den Neon Tigers entwirft.

"Mir geht es immer darum, dass das Bild in der Lage ist, zu verzaubern", erklärt der Fotograf. Klar ist auch: In erster Linie hat er sich von dem Projekt verzaubern lassen, von einem imaginären Asien, das sich ihm als hypermoderne Traumwelt darstellt.
Allerdings fotografiert er diese Welt mit der altmodischsten Apparatur, die man sich vorstellen kann: der analogen Plattenkamera. "Wenn ich's am Computer machen würde", sagt er, "wäre es langweilig."
Wer sich in die Bilder von Neon Tigers versenkt, stellt sich diesen Fotografen als eine Art fliegendes Auge vor. Kindliche Fantasien entstehen: von einem Mann, der durch Hochhausschluchten schwebt, schwerelos, ohne Limits – wie in einem Play-Station-Universum. Natürlich ist der Alltag anders.
Bialobrzeski kommt in einer Megastadt an, sucht sich ein zentral gelegenes Hotel, checkt ein. Jeweils am Vormittag läuft er los.
Nimmt nicht die Kamera mit, die ist zu schwer, hat nur einen Notizblock in der Hand. Er geht durch die Straßen von Shanghai, Shenzhen, Kuala Lumpur, wandert in konzentrischen Zirkeln um das Hotel. Macht sich Notizen. Versucht, irgendwie nach oben zu gelangen – etwa, indem er über Parkdecks in die Höhe steigt. Oder indem er Public-Relations-Beauftragte von Hotels und Wolkenkratzern davon überzeugt, ihn heraufzulassen in die Vertikale dieser Metropole. Wenn er ein paar Orte, ein paar gute Perspektiven gefunden hat, geht er zurück ins Hotel. Isst. Ruht sich aus. Zieht dann am Nachmittag mit der Kamera los – immer zur gleichen Uhrzeit, immer zwischen 16 und 19 Uhr. Drängt sich mit seinem Stativ in einen Aufzug und schwebt nach oben. Baut das Stativ auf. Belichtet.
Manchmal vier, manchmal acht Minuten lang.

Daguerre fotografierte 1839 den belebten Boulevard du Temple in Paris. Weil er so lange belichten musste, verschwand die hektische Masse von Fußgängern und Fahrzeugen von seinem Bild.
Nur ein einziger Mann war zu sehen: der hatte gerade innegehalten, um sich die Schuhe putzen zu lassen. Zwar haben die Städte, um die es Bialobrzeski geht, kaum noch etwas mit der europäischen Großstadt des 19. Jahrhunderts zu tun. Es scheint sich aber um die gleiche Darstellungstechnik zu handeln. Die Menschen verwischen, verschwinden. Das urbane Chaos wird beruhigt, gebannt vom Mann unterm schwarzen Tuch.

Bialobrzeski gibt gern die skurrile Figur aus dem 19. Jahrhundert, die sich in den Metropolen der Zukunft bewegt. Er schleppt das Stativ durch die Megacitys, weil es ihm ums Bild geht, nicht um die Technik. "Du musst einfach wissen, welche Mittel du benutzen kannst, um etwas Bestimmtes auszudrücken", sagt er. "Für diese Arbeit war es die Großformatkamera und nichts anderes."
Der unhandliche Apparat hat zudem einen großen Vorteil: "Du wirst viel ernster genommen", erklärt Bialobrzeski. "Wenn du das erste Mal an einem dieser Orte auftauchst, um Bilder zu machen, bist du noch irgendeine Langnase. Der Apparat aber ist dein Ausweis für eine Art Mission, für etwas irgendwie Hochoffizielles."
Ob mit schwerem oder leichtem Gepäck: Bialobrzeski ist ein "Wenig-Schießer". Während seiner Aufenthalte in den asiatischen Großstädten hat er pro Tag nicht mehr als sechs bis acht Belichtungen von ein bis zwei verschiedenen Orten gemacht.
Auch seine Auswahl ist rigide. Eine Station seiner Arbeit etwa ist völlig unsichtbar. "Ich habe zehn Tage in Jakarta fotografiert", sagt Bialobrzeski, "aber kein Foto hereingenommen, weil die Bilder zu sehr an klassische Skylinefotografie erinnerten."
Von der Sucht nach architektonischer Monumentalität grenzt der Fotograf sich ab. Das gilt auch für die anekdotischen Effekte der klassischen Straßen- und Reportagefotografie. Seine Bildausschnitte sind kompliziert, nicht dramatisch. Er reduziert die Kontraste. Die Farbigkeit mindert er, bis sie ins Pastellige geht.
Diese Bilder sollen ihre Betrachter nicht anmachen wie tumbe Aufreißer. Sie sollen elegant mit ihnen flirten. Sie verführen.
Hypermodern sein, nicht hypernüchtern. Nah am Alltag und doch nicht plump.

Text von Christoph Ribbat, entnommen aus dem Buch "Peter Bialobrzeski: Neon Tigers", erschienen 2004 im Hatje Cantz Verlag
Ostfildern, ISBN 3-7757-1394-8, © Christoph Ribbat.

Einladungskarte als pdf-Datei 198 KB
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