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Einzelausstellung: Robert F. Hammerstiel - Alles in bester Ordnung (vorbei)

14 Juli 2005 bis 27 August 2005
  Robert F. Hammerstiel - Alles in bester Ordnung
Robert F. Hammerstiel, „Alles in bester Ordnung I, 2004, C- Print auf Aluminium, 120 x 142 cm
 
www.lagalerie.de L.A. Galerie – Lothar Albrecht

L.A. Galerie – Lothar Albrecht
Domstraße 6
60311 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)69-28 86 87
www.lagalerie.de


L.A. Galerie Lothar Albrecht zeigt:

Robert F. Hammerstiel

Alles in bester Ordnung


14. Juli bis 27. August 2005

Robert F. Hammerstiels fotografische Untersuchungen setzen sich mit Hintergrundphänomenen unserer westlichen Alltagskultur auseinander. Uns allen bekannte und vertraute Dinge des Alltags, die den immerwährenden Wunsch des Menschen nach einem besseren, schöneren, leichteren, gesünderen, entspannteren, erfüllteren, idealeren Leben in sich tragen, sind Ausgangsmaterialien seiner Arbeit. Pflegeleicht und haltbar, bedienungsfreundlich und wirkungsvoll sind die Versprechen der Werbung, die uns letztlich pausenlos auf die Unzulänglichkeiten unseres bisherigen Lebens bzw. der bisher verwendeten Produkte hinweist und unsere Unzufriedenheit darüber schürt. Wohnst du noch, oder lebst du schon (Werbezitat des Einrichtungshauses Ikea) ist nur einer der vielen Slogans, die diesen Zustand beschreiben und auf den Robert F. Hammerstiel mit Alles in bester Ordnung antwortet.

Als Establishing Shot – so wird die erste Einstellung einer Filmszene genannt, die den Ort der folgenden Handlung definiert – kann für die neue Werkgruppe Alles in bester Ordnung die computersimulierte Ansicht einer bereits in Bau befindlichen Reihenhaussiedlung dienen, an der konkret sichtbar wird, was Robert F. Hammerstiel interessiert: Was steckt hinter den häuslichen Idyllen und wie ersetzen uns Äußerlichkeiten immer wieder das Glück? Wie werden Werte wie Schönheit und Glück evoziert? Wodurch wird das Gefühl von Mangel im bestehenden Leben künstlich provoziert? Wie sehen die vorgeschlagenen Lösungen aus, die von den beworbenen Dingen auszugehen scheinen: schlüsselfertige Häuser, gezähmte und genormte Natur? Und vor allem: Wo und wie beginnt das Ideal in sein Gegenteil zu kippen, wann wird der Traum vom idealen Wohnen zum Alptraum von einer fatalen Uniformierung und Organisiertheit? Der Bauträger der Reihenhaussiedlung hat zur Anregung glückliche Familienszenen ins Bild montieren lassen, aber die private Idylle hält nicht – das hier gezeigte Familienglück ist nur ein „Instant-Glück", von Models gestellte Szenen aus Imagekatalogen. Hammerstiel verwendet immer wieder solche täuschenden Projektionsflächen, trügerische Kulissen und stereotype Inszenierungen, um die Abgründe hinter solchen Strategien sichtbar zu machen.

„Wichtig in meiner Arbeit ist mir immer wieder, die Mechanismen unserer Konsumgesellschaft zu hinterfragen. Die Produktindustrie weckt immer neue Sehnsüchte und Wunschprojektionen in uns. Die vorgefertigten und kalkulierten Massenprodukte hinterlassen oft ein Gefühl der Verlorenheit und der Leere. Von dieser Diskrepanz, von dieser ungestillten Sehnsucht, diesem „In between" handeln meine Bilder."

Für die Videoarbeit Die blaue Lagune IV und die neue Fotoserie besuchte Hammerstiel die „Blaue Lagune", eine Fertighaus-Park-Anlage bei Wien oder „Europas Hauptstadt der Fertighäuser", wie sich das Unternehmen selbst nennt, und versuchte sich dort die Private Stories vorzustellen, die Sehnsüchte und Visionen, die derartige Vorzeige-Musterhäuser erfüllen sollen. Idealbilder vom „Schöner Wohnen" finden sich hier in 102 Einheiten wieder – vom heimeligen Landhaus bis zur Designvilla sind zahlreiche Elemente einer langen Architektur- und Häuslbauergeschichte anzutreffen, die zudem in einem breiten Stilspektrum eingerichtet sind, um möglichst alle Geschmäcker zu erreichen. Im Video Die blaue Lagune IV ist dann allerdings von den Sehnsüchten und Visionen nichts mehr zu spüren. Emotionslos, ja fast lethargisch, zieht die Kamera an den Prototypen eines stereotypen Wohnideals vorbei und passt sich damit deren Gleichförmigkeit an: ein gepflegtes Einfamilienhaus nach dem anderen, jeweils mit einem Stück ebenso gepflegter Natur ausgestattet, nirgends ein Auto, kein Mensch, kein Hund und kein Vogel. Dadurch wirkt die scheinbar harmlose Fahrt durch diese unbewohnte Siedlung unheimlich und endlos. Gefangen in diesem Loop träumt Laurie Anderson in ihrem Song Blue Lagoon von einem perfekten Ort, einem wahrhaftigen Zuhause.

Robert F. Hammerstiels Interesse richtet sich auf die Surrogate unter den Dingen: Der Markt bietet zunehmend eine Vielzahl von Produkten in Form von Imitationen und preist sie als Lösungen für die Unannehmlichkeiten des „Echten" an: der Gestank des Hundeknochen verliert sich in dessen Gummiversion, die Haltbarkeit von Obst wird mittels Plastikfrüchten radikal gesteigert, der Pflegeaufwand von Pflanzen lässt sich bei Kunststoffbegrünungen auf ein Minimales reduzieren, und Laminat ist pflegeleichter als Parkett. Ihre Aufgabe ist es, unserer (von der Werbung genährten) Angst vor der Vergänglichkeit zu trotzen. Allesamt sind sie Modelle einer bestehenden Realität, die sie allerdings in nur einer Größe, ihrem optischen Erscheinungsbild, nachzuahmen vermögen. Sämtliche dahinter liegende Sinneswahrnehmungen wie Haptik, Akustik oder Geschmacklichkeit bleiben dabei auf der Strecke.

Die opulenten Stillleben Made by Nature. Made in China sind aus solchen Ersatzprodukten gemacht. Jedes einzelne Nahrungsmittel ist in optisch überzeugender Weise aus Kunststoff gegossen. Die Fotografien dieser Serie werden damit gleich auf mehreren Ebenen zu Modellen: Was ursprünglich europäische Nahrungsmittel, eine klassische europäische Kunstgattung (das Stillleben) und ein beliebter europäischer Stil (das Trompe l' œil) waren, wurde auf allen Stufen reduziert: imitiert, re-arrangiert und fotografiert. Und wieder sind hier äußerliche Verlockungen gegen das Erkennen des Betrugs ausgespielt. Wieder verweist das ständige Begehren, genährt durch diese äußerlichen Verlockungen, auf die dahinterliegende, spätere Enttäuschung.

Die Bezüge zur Werbefotografie liegen auf der Hand und sind auch beabsichtigt. Aber den Effekt, den die Werbung anstrebt, vermeidet Hammerstiel bewusst. Er lässt das Bild für sich alleine stehen, ohne beschönigende Beitexte, ohne Bezug zur Anwendung, ohne Hinweise auf den Hersteller. Er entführt die Dinge aus ihrem ursprünglichen Kontext, isoliert sie und zeigt einen Zustand, der dem Konsumenten sonst verheimlicht wird. Dieser Prozess ist die Ironie in seiner Arbeit, eine Art der indirekten Verneinung, mit der Hammerstiel der glatten Konsumwelt begegnet. Die Ironie entlarvt die Suggestion, ohne sie lächerlich machen zu wollen. Sie kommentiert und hilft, einen Sachverhalt zu präzisieren, weil sie es ermöglicht, im Gesagten (Gezeigten) auch das Gegenteil zu verstehen.

Ruth Horak

Einladungskarte als pdf-Datei 176 KB

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