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Einzelausstellung: Gosbert Gottmann - Stop here and other works (vorbei)

11 November 2005 bis 31 Dezember 2005
  Gosbert Gottmann
Gosbert Gottmann
Aus der Serie Stop Here
Aus der Serie "Stop Here", C-Print, Koduak Endura Paper (Lambda), 60 x 80 cm, mounted on aluminium behind acryl-glas
2004
 
www.lagalerie.de L.A. Galerie – Lothar Albrecht

L.A. Galerie – Lothar Albrecht
Domstraße 6
60311 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)69-28 86 87
www.lagalerie.de


Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlich zur Eröffnung am Donnerstag, den 10. November, um 19.00 Uhr ein

Die einleitenden Worte spricht Frau Meike Behm

Medien vermitteln Botschaften. Sie sind nicht neutrale Informationsträger, sondern wirken auf spezifische Weise kulturbestimmend und vor allem kulturverändernd. Im digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts bildet das Massenmedium Fernsehen einen wesentlichen Bestandteil im Leben zahlreicher Menschen. Es dient sowohl der Information wie vor allem der Unterhaltung. Die Entscheidung gegen die Gestaltung eines Abends vor dem Fernseher zugunsten der Lektüre eines Romans, dem Besuch eines Kinos oder Theaters fällt mit zunehmend steigendem Angebot auf inhaltlich unterschiedlichen Programmen schwer. Seit Beginn der 80er Jahre sind durch die Konkurrenz der privaten Sender auch die öffentlich rechtlichen Anstalten dazu angeleitet, ihren Bildungsanspruch gemäß dem Wunsch der Masse nach leichter Unterhaltung zu relativieren. Massenmedien können sowohl den Inhalt einer Kultur beeinflussen, ebenso wie sie im Extremfall dazu fähig sind, sie zu einer Un-Kultur zu verklären.

Die Fotografien von Gosbert Gottmann aus seiner jüngsten Serie "Stop Here" basieren auf Fernsehbildern von Live-Übertragungen unterschiedlicher Rennen in der Formel 1. Die Quellen bilden Filmstills aus den Rennen selbst oder auch aus den Werbeblöcken, die zwischen den Übertragungen gesendet werden. Es sind also allseits geläufige und bekannte Bilder, die den Anspruch verfolgen, ein sportives Ereignis zu dokumentieren. Im Zuge dieser Berichterstattung werden ein dem Menschen innewohnender instinktiver Drang nach Freiheit sowie nach Spannung und Nervenkitzel befriedigt. Dem Zuschauer zu Hause wird suggeriert, er säße selbst im Rennwagen und sei dem Rausch der Geschwindigkeit ergeben, er fühlt sich spannend unterhalten, ohne dass er seine eigenen vier Wände verlassen muss.

Die Art und Weise, auf die Gosbert Gottmann seine Bilder technisch bearbeitet, welche Ausschnitte er wählt und die Perspektive, aus der er einzelne Szenen zeigt, die das Geschehen vor und hinter den Kulissen fokussieren - all diese Aspekte resultieren aus einem kritischen Blick auf die Möglichkeit der Manipulation der Masse durch die Medien. Die ausgewählten Bilder werden digital bearbeitet, so dass im Ergebnis Raum, Zeit und Ort wie entwirklicht wirken und durch Verwischung und Verzerrung erscheinen die Gegenstände entmaterialisiert. In einigen Fotografien dominiert das Rot von Ferrari, des Autounternehmens, für das Michael Schumacher fährt. Gottmann manipuliert sie jedoch so, dass das Rot nicht länger als belebende Farbe innerhalb weiterer Buntfarben erscheint. Umgeben von dunklen Tönen wirkt die Signalfarbe eher bedrohlich und lässt Assoziationen an Feuer zu.

Zahlreiche Fotografien wirken wie flüchtig aufscheinende Erinnerungsbilder, die in ihrer Intensität stark sind und den Betrachter nicht unberührt lassen, denn sie oszillieren zwischen Faszination und Schrecken. In der Fotografie, die mit "Stop Here" betitelt ist, stehen vor monochrom schwarzem Hintergrund zwei Männer in gelber Uniform, sie dominieren die Bildmitte und sind in leichter Untersicht aufgenommen, der Vordere erscheint als Rückenfigur. Trotzdem fungiert er nicht als Identifikationsfigur für den Betrachter, denn es fällt angesichts dieser reduzierten Farbigkeit und der gewählten Perspektive schwer, über die Figur ins Bild einzusteigen. Durch die Polsterung massiv wirkende Kleidung korrespondiert die Helme der Figuren – beides schreckt ab und wirkt bedrohlich.

"Technical", der Schriftzug in einem Bild, in dem ein weiß uniformierter Mann auf ein Gebäude zugeht, kann als programmatisch für die Welt gelten, in der sich die Protagonisten der Formel 1 tagtäglich bewegen. Der Schriftzug besitzt jedoch ebenso reflexiven Charakter, denn er deutet auf die Technisierung des 21. Jahrhunderts, in dem im Extremfall digital erzeugte Bilder natürliche zu ersetzen drohen. Der Grat zwischen Fiktion und Realität scheint zunehmend schmaler zu werden. Rasende Autos, aus der Vogelperspektive aufgenommen, wirken wie kleine Punkte auf der Rennstrecke und erscheinen wie Satelliten, Menschen in Rennuniformen vor weißem Hintergrund scheinen einem fernen Universum zu entstammen. In der Art und Weise ihrer Erscheinung und aufgrund ihrer doppelt manipulierten Bearbeitung – die bereits per Kameraeinstellung gefilterten Bilder aus dem Fernsehen werden von Gottmann erneut bearbeitet – verweisen die Bilder aus der Serie "Stop Here" auf Aspekte die der französische Theoretiker Jean Baudrillard in seinem 1990 erschienen "Essay über extreme Phänomene" thematisiert, den er "Transparenz des Bösen" betitelte. "Was auf den Bildschirmen erscheint, ist nicht dazu da, tiefgründig entziffert zu werden, sondern soll unverzüglich abgelesen werden, in einem unmittelbaren Abreagieren, in Kurzschließung der Pole der Repräsentation. (...) Wir nähern uns immer mehr der Oberfläche des Bildschirms, unsere Augen sind wie auf dem Bild verstreut. Wir kennen nicht mehr die Distanz des Zuschauers zum Schauplatz, es gibt den üblichen Schauplatz nicht mehr." Baudrillard weist auf den Verlust der Distanz zum erlebten Geschehen, indem er so weit geht, zu sagen, dass aufgrund einer Dominanz digitaler Medien die virtuelle Welt unsere Reale zu ersetzen droht.

Diesen kritischen Aspekt berühren die Fotografien Gosbert Gottmanns, indem er als Motiv die Welt der Formel 1 wählt, einem Programm, das extrem verführerischen Charakter besitzt. In einem schnelllebigen Zeitalter droht der Mensch, sich nicht nur in die oberflächliche Unterhaltung durch die Massenmedien zu flüchten, sondern sich in ihnen zu verlieren und das Gefühl für die Vorzüge der realen Welt zu verlieren. Folgen davon sind ein Verlust der Fähigkeit zur zwischenmenschlichen Kommunikation, Vereinsamung und geistige Verödung. So faszinierend sie auch farblich und kompositorisch jeweils gestaltet sind, so erschreckend ist die Botschaft, die die Fotografien hinterfängt. "Stop Here" kann doppeldeutig gelesen werden, denn indem Gosbert Gottmann ihn aus dem Kontext der Formel 1 löst und als Titel der Serie wählt, wird es möglich, ihn als allgemeine Aufforderung zu betrachten.

Das Thema der Vereinzelung des Individuums im Dschungel der Großstadt behandeln die Fotografien aus der 2001 entstandenen Serie "Modern Sufferings". Der sprechende Titel verweist darauf, dass der Mensch und seine Möglichkeiten des Lebens thematisch den Mittelpunkt bilden. Reduziert auf wenige Motive zeigen die Fotografien in dunkelbrauner Farbigkeit Fassaden von Wolkenkratzern. Oft in Untersicht gegeben, korrespondieren sie nur selten Menschen, die als identitätslose Schattenfiguren erscheinen. Auch hier sind der reale Raum, die Zeit und auch der Ort entwirklicht, alles wirkt wie ein verwischter Schein der Realität. Durch den Einsatz fotografischer Mittel wie Verwischung und Verzeichnung wird es möglich, aus den Aufnahmen die Schnelllebigkeit der Zeit abzulesen, aus der eine Flüchtigkeit der Intensität des Augenblicks resultiert. In der Serie "Modern Sufferings" sensibilisiert Gosbert Gottmann den Blick für die Ursachen und Folgen eines entfremdeten Daseins im zeitgenössischen Dickicht der Städte. Die grün-braune Farbigkeit der Serie ist kühl und wirkt zuweilen abschreckend. In Fotografien, in denen die Nahsicht auf eine Hausfassade die Komposition bestimmt, lassen die Fensterreihen dunkle, blicklose Augen assoziieren, die jeglicher Identität entbehren. Bürohäuser, Shopping Malls oder Bankenzentren - die Silhouetten dieser Gebäude wirken wie die Phantome ihrer selbst und die düsteren Fassaden erzählen von der Anonymität zeitgenössischen urbanen Lebens. Ähnlich wie auch die Serie "Stop Here" die Scheinwelt thematisiert, in die sich der Einzelne von Zeit zu Zeit flüchtet, so dass aus dieser Flucht Einsamkeit und soziale Armut folgen, verweist auch die Serie "Modern Sufferings" auf das Leiden an einer Zeit, in der nicht mehr der Mensch sein persönliches Verhalten im Raum bestimmt, sondern er den Bedingungen des Raums folgen muss. Der Folge eines Zwangs zu immer schnelleren Bewegungen im Raum und zu einem Leben, das harte Arbeit erfordert, um nicht unter die Armutsgrenze zu rutschen, sind im Extremfall Identitätslosigkeit und Schattendasein.

Ist es die skeptische Sichtweise der Präsenz der Massenmedien, die die Fähigkeit besitzen, kulturelles Verhalten zu manipulieren in der Serie "Stop Here" oder der aufklärerische Aspekt der Serie "Modern Sufferings", der auf das Leben unter der Hetze der Großstadt deutet – die Fotografien Gosbert Gottmanns reflektieren Erscheinungen unserer Zeit.

Meike Behm

(auf englisch nicht vergessen: "Übersetzung Simone Schede")

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