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Einzelausstellung: Peter Bialobrzeski - Paradise Now - New Photoworks (vorbei)

30 April 2010 bis 26 Juni 2010
  Peter Bialobrzeski
Peter Bialobrzeski
Paradise Now. Nr. 63, page 115
C-Print, Größe 60 x 75 und 126 x 160 cm. © L.A.Galerie
 
www.lagalerie.de L.A. Galerie – Lothar Albrecht

L.A. Galerie – Lothar Albrecht
Domstraße 6
60311 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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www.lagalerie.de


Paradise Now zeigt sowohl inszenierte als auch vom Stadtwachstum unberührt gelassene Naturfragmente am Rande der künstlich beleuchteten Infrastruktur asiatischer Metropolen. Die Lichter der Großstadt folgen im Unterschied zum Tageslicht keiner Richtung, die künstlichen Sonnen aus Natriumdampflampen, Autoscheinwerfern und angestrahlten Wolkenkratzern bilden eine Art »vernacular light«, welches das städtische Supergrün zwischen hyperreal und surreal changieren lässt. Die Bilder zelebrieren das üppige Wachstum als Zeichen der Hoffnung, werfen aber auch die Frage auf, ob wir dieses Leuchten angesichts der prognostizierten Klimakatastrophe noch verantworten wollen. Niemals zuvor waren unsere Städte so hell; niemals zuvor waren Menschen in der Lage, städtisches Grün so zu betrachten. Erst das rasante Wachstum der Städte lässt es in dieser Form für einen kurzen Augenblick am Anfang des 21. Jahrhunderts erstrahlen. Besinnen wir uns auf unsere Verantwortung, so werden wir auf Technologien ausweichen müssen, die der Verschwendung Einhalt gebieten, und diese Bilder würden historisch. Die Fotografien werden uns daran erinnern, dass Dekadenz und Unvernunft immer ziemlich gut aussehen. Die Bilder auf dem Umschlag und auf Seite 7 habe ich 2005 beziehungsweise 2006 fotografiert; sie bildeten den Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung. Die übrigen Bilder entstanden zwischen Oktober 2007 und März 2008 in Hanoi, Jakarta, Bangkok, Kuala Lumpur und Singapur.
Um allen Spekulationen zuvorzukommen: Die Arbeiten wurden digital skizziert, dann mit konventioneller Großbildtechnologie aufgenommen und mit den erweiterten Möglichkeiten der elektronischen Dunkelkammer interpretiert, immer im Hinblick auf das hier vorliegende, beabsichtigte Resultat. Sie beruhen nicht auf Composings, beziehen sich aber eher auf eine Vorstellung von Welt als auf die abbildbare Wirklichkeit. Diese ausschnitthafte, subjektive und explizit fotografische Sicht behauptet also nicht, dass es so war. Ich halte es aber für möglich, dass es so gewesen sein könnte.

Peter Bialobrzeski

Soweit wir wissen, ist das Paradies menschenleer, seit Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben und deshalb hart bestraft wurden: »So sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr bist du genommen.« So sprach damals Gott und schickte die beiden raus in die feindliche Natur. Es ist verständlich, dass er den Menschen loswerden wollte. Merkwürdig ist nur, dass er dabei so gar nicht an die Folgeschäden für die Dornen und Disteln und für das Kraut des Feldes dachte und dass er allein wegen zweier Menschen den ganzen Erdboden verfluchte. Der Mensch aber dachte gar nicht daran, im Schweiße seine Angesichts zu darben, er erfand Maschinen und baute sich Städte, denn er merkte: Die Natur war nicht so seins.

Seit vergangenem Jahr lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten. Ob man deshalb gleich das Jahrtausend der Städte ausrufen muss, wie Kofi Annan es getan hat, mag dahingestellt bleiben, wir wissen ja nicht einmal, ob es uns am Ende dieses Jahrtausends noch geben wird.
Was unter anderem auch mit unseren Städten zu tun hat. Städte nehmen nur 3 Prozent der Erdoberfläche ein, verursachen aber 78 Prozent der Kohlenstoff-Emissionen. Wer Energie sparen wolle, der müsse den Städten das Licht ausdrehen, sagt der Autor des SternReports Nicholas Stern, der die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung untersucht hat, und man kann die Tatsache, dass es in einigen Megacitys durch die dichte Bebauung und den vielen schwarzen Teer fünf bis zehn Grad wärmer ist als im Umland, auch als Bild dafür sehen, dass die Städte als Wachstumsmotoren mittlerweile gefährlich heiß laufen. Die Natur ist in der Stadt das Verdrängte, schon im rigoros wörtlichen Sinne des von den Baumaschinen Weggeschobenen, Plattgemachten, Versiegelten. Sie wird outgesourct, also nach außen verlagert, und zugleich in Anspruch genommen wie eine selbstverständliche Dienstleistung, die man sich bei Bedarf ins Haus holt: Städte leben seit jeher auf Kosten anderer, vom Umland, das sich als Getreidelieferant schon im antiken Rom bis nach Ägypten erstreckte. Heute benötigt eine Stadt wie London in ihrer frenetischen Gefräßigkeit 300-mal mehr an Ressourcen, als ihre eigene produktive Fläche hergibt. Bis zum Jahr 2030 werden fast fünf Milliarden Menschen in Städten leben, die dann mehr als eine Milliarde Hektar zusätzliches Ackerland benötigen - das entspräche etwa der Größe Brasiliens. Eine Fläche, die es nicht gibt.
Weshalb all die zitierten Prognosen mehr als fragwürdig erscheinen, gehen diese doch von einer linearen, das heißt weltweit halbwegs friedlichen Entwicklung aus.

Die rasante Verstädterung unserer Tage betrifft vor allem Afrika und insbesondere Asien: Die Demografen der UNO prognostizieren, dass der überwiegende Teil der Megacitys bis zum Jahre 2010 in Asien liegen wird, schon heute gibt es dort 3-mal mehr Städte als in der westlichen Welt. In all diesen Städten interessiert man sich kaum für qualitätsvollnachhaltige Bauprojekte oder eine historisch gewachsene Identität, Metropolen wie Singapur und Jakarta begreifen sich eher als kontinuierliche Umwälzpumpen, permanent entstehen neue Geschäftsviertel, von denen alle schon im Moment ihrer Entstehung wissen, dass sie in 20 Jahren wieder abgerissen werden. »In Seoul zu leben heißt vor allem zu vergessen und sich an dieses Vergessen zu gewöhnen«, schreibt der südkoreanische Schriftsteller Kim Young-ha. »Gäbe es einen Arzt, der Städte therapiert, würde er meine Heimatstadt wie folgt diagnostizieren: >Kurzzeitige Amnesie.< Wie ein Alzheimerpatient leidet die Stadt an einer Krankheit, durch die sie ihre jüngsten Erinnerungen verliert. Und sie verändert ihr Bild fortwährend wie ein fanatischer Grafikdesigner, der im Digitallabor Photos korrigiert.«

Paradise Lost Alex Rühle

© Texte Peter Bialobrzeski und Alex Rühle, aus dem Buch Pradise Now, Hatje Cantz Verlag

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