Language and login selector start
Language and login selector end

Gruppenausstellung: ASIA: THE PLACE TO BE? (vorbei)

27 September 2005 bis 19 November 2005
  Kyungwoo Chun
Kyungwoo Chun
Light Calligraphy # 2
"Light Calligraphy # 2", color print in light box, 100 x 130 cm
2004
 
www.alexanderochs-galleries.com ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN | BEIJING

ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN | BEIJING
Besselstr. 14
10969 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

E-Mail senden
tel +49 (0)30 - 24 00 866 80
www.alexanderochs-galleries.com


Presseinformation

Eröffnungsausstellung in unseren neuen Räumen / Sophie-Gips-Höfe, Berlin
ASIA: THE PLACE TO BE?

Dreizehn Mal stellt sich in dieser Ausstellung die Frage ASIA: THE PLACE TO BE? Neun Künstler kommen aus China, drei aus Südkorea und mit Gerhard Richters Mao-Portrait von 1968 ist auch ein Vertreter des westlichen Blicks nach Osten präsent.

Noch nie zeigte Alexander Ochs in einer seiner Galerien eine Darstellung Mao Dsedongs. Bei der ersten Ausstellung in den neuen Räumen fällt der Blick bereits vom Eingang aus auf das diffus aus dem Dunkel aufscheinende Gesicht des ‚großen Vorsitzenden'. Wie zwiespältig die Beziehung des heutigen China zum Gründer der Volksrepublik ist, zeigt die von der offiziellen Geschichtsschreibung proklamierte 70/30 Formel - d. h. 70 Prozent seiner Taten erachtet man heute noch für richtig, 30 Prozent für falsch. Aus westlicher Perspektive wirkt diese Geschichtspragmatik höchst fremdartig. Einen anderen Ausdruck für den fortschreitend distanzierten Blick zurück fanden die Künstler, welche zum Teil noch den Terror der Kulturrevolution miterlebten. Unter dem Label ‚Mao-Pop' artikulieren diese Arbeiten in schrillen Farben und zum Teil in der Ästhetik des ‚Propagandaplakats' ihr ironisch-gebrochenes Verhältnis zur jüngeren Geschichte Chinas. In den 90er Jahren erfreuten sich besonders diese Werke großer Beliebtheit auf dem westlichen Kunstmarkt, was eine Welle von Quasi-Auftragsarbeiten zur Folge hatte. Genau in diese Phase des Mao-Kultes fiel die Eröffnung der ersten Galerie von Alexander Ochs und mit ihr die Entscheidung, sich dieser Tendenz des Kunstmarktes zu verweigern.

Das Dilemma westlicher Asien-Rezeption

Die Ausstellung ASIA: THE PLACE TO BE? nimmt das Dilemma der westlichen Rezeption und des nunmehr boomenden Kunsttourismus in Fernost ins Visier. Sprechen wir seit kurzem vom boomenden Markt (nicht nur) für zeitgenössische Werke ostasiatischer Künstler, wird jedwede Kontextualisierung verabsäumt und nur selten wird der eklatante Mangel problematisiert.

ASIA: THE PLACE TO BE? eröffnet mit der schon zitierten Mao-Darstellung des deutschen Malers Gerhard Richter aus dem Jahre 1968, die jener in Reaktion auf Warhols großformatigen, heroischen Mao schuf. Richters Arbeit, in minimalsten Farbkontrasten auf einer Skala von Grautönen gearbeitet, löst das Gesicht des Potentaten auf und reflektiert so eine Situation von Instabilität. So gesehen, bietet diese Arbeit ein relevantes ‚Intro' für die Werke der asiatischen Künstler. Und trotzdem: es stellt die Frage nach dem ‚spezifisch westlichen Blick'.

ASIA: THE PLACE TO BE?

Die Ausstellung wirft diese Frage vor allem unter zwei Perspektiven auf. Einerseits spielt sie auf den in den westlichen Medien gebetsmühlenartig wiederholten Topos an, in China läge die Zukunft des Westens. Andererseits gibt jedes Werk selbst Einblicke in die chinesische Binnenperspektive. Die Bandbreite der Arbeiten reicht dabei von Rückblenden in düstere Kapitel chinesischer Geschichte wie z. B. den Japanisch-Chinesischen Krieg in den 30er und 40er Jahren, die Glanz- und Schattenseiten der Industrialisierung und die verheerenden Auswirkungen der Kulturrevolution. Gleichzeitig wird aber auch die energiegeladene Stimmung der Kunstszene sichtbar, die multimedial Stellung bezieht zum Hier und Jetzt in China und Korea.

Was die derzeit im ‚Kunstmuseum Bern' und im Herbst 2006 in der Hamburger Kunsthalle zu sehende Ausstellung "Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg" in dokumentarischer Breite präsentiert, zeigt sich in ASIA: THE PLACE TO BE? anhand der ausgewählten Künstlerpositionen exemplarisch: das charakteristisch Chinesische oder Koreanische der Kunst aus China und Korea gibt es nicht. Verabschiedet man dieses Klischee, so bieten sich dem Galeriebesucher zumindest zwei Möglichkeiten an: einmal können die Werke auf der Folie des Vergleichs mit anderen internationalen Künstlern betrachtet werden und/oder das Gezeigte wird als Einladung aufgefasst, hinter die Kulissen zu blicken. Der zweite Weg führt in die reale Vergangenheit oder Gegenwart Ostasiens. Am Beispiel der mit expressiver Pinselführung gearbeiteten Industrieszenarien von Cui Guotai (geb. 1964) bietet die Ausstellung selbst diesen Background an, und zwar mit dem Dokumentarfilm "Tiexi District" von Wang Bin, der bereits auf der Biennale 2002 großes Interesse fand. Über mehrere Stunden zeigt der Film die Tristesse des mittlerweile gänzlich heruntergekommenen, ehemaligen Vorzeige-Industriestandortes Tiexi in der chinesischen Stadt Shenyang. Asia: The place to be?

Yang Shaobin (geb. 1963) nimmt in seiner Arbeit Vibration 1 (Öl auf Leinwand, 2005) ein anderes leidvolles Kapitel chinesischer Geschichte in den Blick: den Japanisch-Chinesischen Krieg der 30er bzw. 40er Jahre. In kaltem Blau lassen die Bomber der Japaner den Himmel über China sichtlich erzittern. Mit Gerhard Richters Mustang-Staffel (1964) im Hinterkopf, das den zerstörerischen Tieffliegereinsatz über Dresden im Zweiten Weltkrieg ins visuelle Gedächtnis ruft, steht dieses Bild Yangs in deutlichem Zwiegespräch. Bezeichnenderweise fliegen die Flugzeuge der beiden in entgegen gesetzte Richtungen.

Zunächst einmal mutet die Installation Qin Yufens (geb. 1954) recht dekorativ an. Rote und schwarze Mao-Jacken schweben unter der Raumdecke. Der Schein trügt. Mit einem chinesischen Betrachter an der Seite entpuppt sich dieses einem Mobile ähnliche Gebilde als Anspielung auf die tiefen Gräben zwischen den Anhängern der ‚roten' Ideen Maos - mitgedacht ihre blutig roten Konsequenzen - und den ehemals Bürgerlichen, die den Kulturrevolutionären zur Zielscheibe ungebremsten Hasses wurden. Die Erinnerung an tragische Einschnitte in die Chronik ungezählter chinesischer Familien wird in diesem Werk zur Chiffre, welche dem westlichen Betrachter ohne Hintergrundwissen unverständlich bleiben muss.

Trotz künstlerischer Simplizität wirken die hier gezeigten Szenen der in Öl auf Leinwand gemalten Bilder von Wang Guangyi (geb. 1957) eher kryptisch. In der Ästhetik von Billigdruck-Bildergeschichten aus der Zeit der Kulturrevolution verkehren sie das Verhältnis Positiv/Negativ. Weiße Konturlinien schneiden sich in den schwarzen Bildgrund und lassen so gleichzeitig den traditionellen chinesischen Scherenschnitt assoziieren. Wurden diese Bildergeschichten einst entwickelt, um die große Zahl der Analphabeten auf dem Lande mit den ideologischen Leitsätzen der Partei vertraut zu machen, oder Maßregeln für das Verhalten im Alltag zu geben, so versteht bereits die heutige Jugend Chinas die zum Teil doppelte Ikonographie der Bilder nicht mehr. Nicht weniger irritierend sind allerdings die konkret dargestellten Situationen, wie z. B. eine Gruppe junger Frauen, die mit guter Miene vorführt, mit welch einfachen Dingen des Alltags sich flugs eine Gasmaske basteln lässt.

Auch die als Body-Tattoos daherkommenden 3D-Computergraphiken von Kim Joon (geb. 1966) lassen wenig Freude aufkommen. Sie führen den Galeriebesucher zwar in die durch Leuchtreklamen kolorierte Gegenwart, doch entpuppen sich die 'We' -adidas, 'We' -Jesus Christ, 'We' -Harley untertitelten Personengruppen als monströs anmutende Patchwork-Körper. Ihre Haut wurde zur Werbefläche umfunktioniert.

Yoo Junghyun (1973) zerstört in ihren in Tusche auf Papier und dann auf Leinwand übertragenen Serien Breath (2003/2004) und Face (2005) den Mythos des geliebten Kindes. Lässt sie in der ersteren den Kinderkörper zur Puppenkontur erstarren, der mit traditionellen floralen Mustern ‚dekoriert' wird, so raubt sie dem Kind in der zweiten jegliche Abgrenzung zur Außenwelt. Der liebevoll gemalte Blumenschmuck lässt die verschwimmenden Körperformen und Gesichtszüge in ihrer augenscheinlichen Deformation nur brutaler wirken.

Fernab von den doch sehr schattenreichen Einblicken in vergangene und gegenwärtige Lebenswirklichkeiten Asiens bewegt sich Wang Yin (geb. 1964). Zeigen einige seiner Arbeiten Landschaften mit Figuren in einem ‚locus amoenus'-Ambiente, so gab er für diese Ausstellung ein traditionelles Blumenmuster bei Bauern in Auftrag, das sich über die gesamte Bildfläche erstreckt. Mögen einem hier Begriffe wie Deko-Kunst oder gar Kitsch in den Sinn kommen, träfe dies durchaus die Intention des Künstlers. Auch gezielter Misserfolg beim Publikum widerspricht nicht seiner Kunstauffassung. Als eine gezielte Sabotage des lediglich auf Kommerz bedachten Kunstmarktes erachtet er seine Bilder, die entweder gar nicht oder nur zum Teil von ihm selbst gemalt werden.

Die Fotografien von Hai Bo (geb. 1962) ermöglichen in ihrer vordergründigen Alltäglichkeit einen unverstellten Blick auf das China zweier Zeiten. Bis zu 30 Jahre alte Schwarzweissaufnahmen von Verwandten, Freunden und Bekannten stellt er an die Seite von Bildern, auf denen dieselben Personen, vom Künstler in gleicher Pose arrangiert, erneut abgelichtet wurden - diesmal jedoch in Farbe. Neben dem unleugbar Charakteristischen eines jeden einzelnen lassen die Bilder die Spuren der Zeit und den Wandel der Mode - wenn man bei der Einheitstracht des Mao-Look von Mode sprechen kann - sichtbar werden.

In den Arbeiten von Yin Xiuzhen (geb. 1963) und Miao Xiaochun (geb. 1964) wird das Phänomen der asiatischen Mega-Stadt thematisiert. Yins Kofferobjekt Portable City: Singapore (2003) materialisiert ein allen asiatischen Metropolen Gemeinsames: die faszinierende aber auch enervierende Geschwindigkeit, mit der sich dort alles verändert und die dementsprechende Mobilität, die ein solcher Lebensraum seinen Bewohnern abverlangt. Ihre ‚tragbaren Städte' leisten hingegen das, was ihrem realen Pendant völlig abgeht: die Künstlerin verleiht den Gebäuden und der Natur Dauer. Miao Xiaochuns digital bearbeitete Photographie "Orbit" (2005) rückt einen der Orte Asiens ins Zentrum, der schon weltweit zum Sinnbild der Beschleunigung geworden ist: Beijing. Unterschiedliche Geschwindigkeiten werden hier durch unterschiedliche Belichtungszeiten sichtbar gemacht. Bleiben die sich in der hektischen Straßenszenerie zu Fuß bewegenden Menschen deutlich erkennbar, so werden Autos zur bloßen Bewegung und die Konturen einer Großbaustelle verschwimmen derart, dass die so entstehende Flächen- und Tiefenwirkung an den Bildaufbau der klassischen Landschaftsmalerei denken lässt.

Light Calligraphie (2005) von Kyungwoo Chun (geb. 1969) lässt noch einmal den Bogen zurück zu Gerhard Richters Mao schlagen. Obwohl Chun anstelle der Lithographie mit dem Medium der Farbphotographie arbeitet, ist die assoziative Nähe verblüffend. Es ist aber nicht der Bildgegenstand ‚Mao', auf den sich Chun rezipierend bezieht, sondern der verfremdende Umgang mit dem Dargestellten. Auch bei Chun sind es Gesichter, die aus dem Dunkel aufscheinend oder darin verschwindend gezeigt werden. Hat sich Richter durch diese Form des Portraits dem ihm Fremden zugewandt, so wird Chun in seinen Bildern das ihm Vertraute fremd. Gesteigert wird dieser Effekt, indem Chun kalligraphische Zeichen, die als Message durch die Bildmitte laufen, so weit verändert, dass ihnen jegliche Aussagekraft verloren geht.

Am Ende der Ausstellung steht mit Chi Peng (1981) ein ehemaliger Schüler Miao Xiaochuns und zugleich der jüngste der hier vertretenden Künstler. Mit seiner digital bearbeiteten Photoserie I fuck me (2005) zeichnet er ein sehr wenig freundliches Bild des von Doppelmoral geprägten zwischenmenschlichen Umgangs in China. In Mirage (2005) kommentiert er aus der Perspektive des chinesischen Künstlers den im Ausstellungstitel angesprochenen Asia-Hype. Gleich einem Insektenschwarm lässt Chi Peng seine Androiden in Richtung Shenzhen fliegen. "Alle wollen nach Asien, aber wissen die eigentlich, wohin sie da wollen?"

  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.