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Einzelausstellung: Oliver Boberg: Corner of a garden and other new works / Gartenecke und andere neue Arbeiten (vorbei)

12 November 2011 bis 31 Dezember 2011
  Oliver Boberg: Corner of a garden and other new works / Gartenecke und andere neue Arbeiten
Oliver Boberg
Corner of a Garden / Garteneckee, 2011, Embankment / Böschung, 104 x 140 cm, c-print
 
www.lagalerie.de L.A. Galerie – Lothar Albrecht

L.A. Galerie – Lothar Albrecht
Domstraße 6
60311 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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www.lagalerie.de


Nach der Fotografie 1
von Ralf Christofori

Die Frage, ob das fotografische Bild ein Abbild der Wirklichkeit leistet oder nicht vielmehr eine eigene Bildwirklichkeit herstellt, gehort zu den zentralen Themen der zeitgenossischen Kunst. Das Werk der Kunstler Laurie Simmons, Thomas Demand, Edwin Zwakman, Oliver Boberg und Lois Renner spielt in diesem Zusammenhang eine ausgezeichnete Rolle. Gemeinsam ist diesen Kunstlern, dass sie Modelle bauen, in denen sie real existierende oder potentielle Raume und Orte (re-)konstruieren. Das jeweilige Modell wird dabei ausdrucklich fur ein fotografisches Bild erstellt. Was am Ende bleibt, ist das fotografische Bild eines Ortes, der so nicht mehr existiert und genau genommen auch nie existiert hat.

Es ist dieser besondere Zusammenhang von Bild, Modell und Wirklichkeit, der die Arbeit der genannten Kunstler auszeichnet. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass sich die Kunstler auf die Qualitat der klassischen Fotografie berufen und bewusst auf die Moglichkeiten digitaler Bildbearbeitung verzichten. Die Manipulation des Bildes findet, wenn man so will, bereits vor der Fotografie statt. Und doch ist diese kunstlerische Strategie, fotografische Bilder nicht mehr von der Wirklichkeit zu erstellen, sondern von einer Modellwirklichkeit, weit mehr als nur ein Tauschungsmanover. Vielmehr trifft sie die allgemein vorausgesetzte Reprasentationsfunktion der Fotografie an ihrer empfindlichsten Stelle: dort namlich, wo es um die Glaubwurdigkeit der Fotografie geht, um ihre spezifischen Moglichkeiten der Reprasentation, nicht zuletzt um die spezifische Lesart, die uns gegenuber der Fotografie angemessen erscheint. Kurz: Es geht um jene modellhaften Voraussetzungen der Fotografie, die ihre Produktion und Rezeption masgeblich bestimmen.

Die Frage, ob sich in den fotografischen Bildern von Oliver Boberg [.und die anderen Kunstler\] ein Modell oder die Wirklichkeit zu erkennen gibt, spielt dabei zweifelsohne eine tragende Rolle. Die Einsicht aber, dass es sich bei den Werken um fotografische Bilder von Modellen handelt, fuhrt keineswegs gleich zu einem abschliesenden Urteil. So schreibt die US-- amerikanisch Kunsthistorikerin Elizabeth Mangini uber die fotografischen Werke Oliver Bobergs: .Das Interesse hort nicht auf, wenn wir entdecken, das sie Modelle - darstellen. Eigentlich beginnt das wirkliche Spiel sogar erst dann.\2 Genau genommen beginnt es damit, dass uns das fotografische Bild glauben machen will, das Bild einer vorgeordneten Realitat zu sehen. Das ist auch in den Werken von Simmons, Demand, Zwakman, Boberg und Renner der Fall; aber eben auch nicht, denn diese vorgeordnete Realitat existiert nur temporar als Modell. Und das lasst das ganze Ausmas jenes 'Spiels' erahnen, mit dem wir es in ihren Arbeiten zu tun haben. So stutzt sich der sichere Blick des Betrachters auf die vermeintliche Spezifik fotografischer Reprasentation, um im selben Atemzug in Zweifel gezogen zu werden. Indem namlich die fotografischen Bilder Modelle der Wirklichkeit zeigen, und nicht etwa die Wirklichkeit selbst, irritieren sie nicht nur die Annahme einer vordergrundigen Evidenz des Sichtbaren, sondern mehr noch die modellhaften Voraussetzungen fotografischer Produktion und Rezeption. Oder anders: Diese Bilder von Modellen erinnern uns daran, dass die Fotografie selbst immer nur den Modellfall einer moglichen Wirklichkeit, Bedeutung und Anschauung etablieren kann. (...)

Diese eigene und doch allgegenwartige Realitat und Autoritat des fotografischen Bildes werden innerhalb von Oliver Bobergs Bildfindungsprozess besonders relevant. Da wir es erstens mit einem fotografischen Bild zu tun haben, neigen wir dazu zu glauben, das Abbild einer tatsachlich existierenden Architektur vor uns zu haben. Das gangige Erklarungsmodell der Fotografie, das uns suggeriert, das Bild im Hinblick auf den abgebildeten Gegenstand uberschreiten zu konnen, scheint diese Moglichkeit nahezulegen. Dass diese Strategie aufgeht, dafur sorgt zweitens die Tatsache, dass uns diese Wirklichkeit im Bild nur allzu vertraut erscheint, dass also die allgemeine Vorstellung, die wir von dieser Art Architektur haben, eine Wiedererkennung erlaubt. Tatsachlich prasentiert uns Oliver Boberg einen 'Mittelwert' dieser Architektur." Vermittels zahlreicher fotografischer Vorlagen evaluiert er die Details architektonischer und stadtebaulicher Typologien. Aus dieser Vielzahl fotografischer Vorbilder gehen Entwurfszeichnungen hervor, und in oftmals mehrmonatiger Arbeit fertigt der Kunstler ein detailliert durchgearbeitetes Modell an. Schlieslich entsteht das fotografische Bild eines Ortes, der so nie wirklich existiert hat. Modell und Bild haben keinen konkreten Ort mehr zum Vorbild. Der Anschein des Vertrauten und Banalen erweist sich dabei als eine Strategie, die in Bobergs Arbeiten nicht nur motivisch, sondern ebenso verfahrenstechnisch angelegt ist - etwa im Hinblick auf eine Vertrautheit der Bildauffassung. So bringt der Kunstler in seinen Bildern gezielt die Kriterien einer auf Neutralitat und Sachlichkeit ausgerichteten Dokumentarfotografie zum Einsatz. Dabei rekurriert er 'auf den standardisierten Stil der Archivfotografie, auf die Tradition der Banalitat in der deutschen Fotografie und auf unsere personlichen Erfahrungen."3Alle drei Momente werden in Bobergs Fotografien gleichermasen relevant, und sie stellen Bezugsysteme her, die auf unterschiedlichen Wegen gangige Wahrnehmungsweisen und Erklarungsmodelle ins Bewusstsein heben. Gleichzeitig deuten all diese Momente darauf hin, dass es sich dabei um eine fotografische Reprasentation handelt, die ihrerseits nur unter den genannten Bedingungen so etwas wie einen sachlichen, dokumentarischen Wert zu konstruieren vermag. Im Falle von Oliver Bobergs Werk ist die Hinterfragung dieses vermeintlich bildimmanenten Werts der Fotografie immer prasent. Damit verweist er auf die weitreichenden Konventionen dieses Modellfalls fotografischer Reprasentation. In Bobergs fotografischen Bildern folgen wir diesen Konventionen und entdecken an ihnen nicht nur ihre, sondern ebenso unsere eigene Konditionierung. (...)

Ralf Christofori © aus "post_modellismus - Modelle in der Kunst", eine Ausstellung in 2005 bei Krinzinger Projekte

1 Bei dem folgenden Text handelt es sich um gekurzte und redigierte Passagen aus dem Buch: Ra~ Christofori, Bild - Modell - Wirklichkeit: Reprasentationsmodelle in der zeitgenossischen Fotografie (Heidelberg, 2005).

2 Elizabeth Mangini, Fiktive Raume der Fotografie, in Oliver Boberg, Arbeiten 1997-1999 (EIKON Sonderdruck #4), hrsg. v. Bettina Henkel und Michael Ponstingl (Osterreichisches Institut fur Photographie & Medienkunst, Wien, 1999) S.22.

3 Ebd.

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