Language and login selector start
Language and login selector end

Gruppenausstellung: BREAKING SURFACES (vorbei)

13 Januar 2012 bis 2 März 2012
  BREAKING SURFACES
 
  Galerie Jette Rudolph

Galerie Jette Rudolph
Strausberger Platz 4
10243 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

E-Mail senden
tel +49 (0)30 - 613 03 887
www.jette-rudolph.de


Jede Referenz, sei es auf das System selbst, sei es auf
dessen Umwelt, ist ein Konstrukt des Beobachtens.
(Niklas Luhmann)

Mit dem Medium der Fotografie erschließt sich die Beobachtung der Welt nicht einfach über deren vermeintliche Funktion einer realistischen Bildwiedergabe, da doch ihre Motive als objektive Ergebnisse vorliegen, sondern stellt zuerst den Apparat zwischen den erfassten Gegenstand und den Observator. Obgleich die offenkundigen Analogien den Vergleich von Fotografieren mit dem menschlichem Sehen nahelegen, generiert die technische Bildproduktion ihre Objekte über die chemischen Prozesse der Belichtung und Entwicklung.
Die Ausstellung „Breaking Surfaces“ versammelt drei internationale künstlerische Positionen, welche sich im Umgang mit Fotografie von der ausschließlich mimetischen Eigenschaft verabschieden, um durch taktische Interferenzen der medialen Parameter neue Produktions- und Rezeptionsbedingungen zu provozieren. Mit dieser Intention weiten die Künstler das Trägermaterial des Mediums über dessen Grenzen hinaus in den Ausstellungsraum aus oder greifen manipulativ am Bildträger, dem Motiv bzw. an dessen Bezug zum realen Gegenstand ein. Ergänzung und Verletzung medialer Gegebenheiten tragen gleichermaßen dazu bei, dass die gewohnt homogene und makellose Oberfläche der Fotografie ihren tradierten Bezug zum wirklichen Objekt ablehnt, verklärt oder gar gänzlich verneint. Mit gezielten Eingriffen in die Bild-Objekt-Beziehung der fotografischen Aufnahmen wird – im Luhmann’schen Sinne der Auflösung, Verformung und Re-Kombination vorhandener medialer Elemente – das vermeintlich authentische und objektive Potential der Fotografie endgültig aufs Spiel gesetzt.

Jean-François Lyotard prognostiziert für die Wahrnehmung der Welt den zunehmenden Verlust des Bezuges zur Materialität, da der Zugriff auf die Realität nur mehr über Apparate erfolgt. Statt in materieller Mannigfaltigkeit zu erscheinen, lösen sich die haptischen Erfahrungen auf und werden in flüchtigen Oberflächen subsumiert. Mit Blick auf die Omnipräsenz medialer Bilder im Alltag verarbeiten die hier versammelten Künstler auf unterschiedliche Weise die möglichen Sinnhaltigkeiten visueller Erscheinungen und Information: Das fotografische Bild, dessen Träger mehr und mehr hinter das Motiv zurücktritt – gleichwohl eine inhärente Eigenschaft des Mediums selbst, unterstützt von zunehmender Digitalisierung – wird in seiner Materialität und dem Bezug zu seinen medialen Funktionen hinterfragt. Denn die gefilterten Realitätserfahrungen bedürfen eines Codier- und Dekodiersystems, welches zwangsläufig die Fragen nach dem Autor und dem Adressat in der Informationsschwemme aufwirft sowie jene nach dem Sinn der unbestimmten visuellen Reize und Botschaften.

Die Einseitigkeit des Sehens überwindend, unterziehen die Künstler Darren Harvey-Regan, Mariana Mauricio und Anouk Kruithof die Konstruktionsprinzipien der Fotografie einer gründlichen Modifikation, indem sie die ästhetische Erfahrung des Bildes als ein geschlossenes Ganzes aufbrechen und sich stattdessen das Konstrukt der medialen Einzelteile zu Nutze machen. Die unterschiedlichen haptischen Qualitäten, welche sich daraus ergeben, eröffnen dem Betrachter ein mögliches Abtasten des ansonsten ausschließlich visuell zu erfahrenden Raumes. „Das Auge verrät uns nur Ebenen“, so Alois Riegls Formulierung, wobei die Wahrnehmung auf die sinnliche Einseitigkeit der Sichtbarkeit beschränkt wird.
Mittels der Sektion ihrer haptischen Charakteristika evozieren die ausgestellten Werke eine umfassendere Sinneswahrnehmung, welchen Gilles Deleuze mit Bezug auf Riegl das Potential des empfindsamen subjektiven Begreifens und Erfahrens zuschreibt. Die Auslotung der ambivalenten Anschauungen medialer Bildlichkeiten – sowohl von Signifikant und Signifikat als auch von An- und Abwesenheit – führt zu einem Dialog von Sehen und Berühren.

"Ohne meinen forschenden Blick, meine tastende Hand und ehe mein Leib sich mit ihm synchronisiert, ist das Sinnliche bloß eine vage Erregung." (Maurice Merleau-Ponty)

Die Künstlerin Anouk Kruithof nutzt die medialen Bedingungen und Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie, um ihre performativen Aktionen als zeitlich eingefrorene, da reproduzierte Bildstaffagen im Raum dem Betrachter zur direkten Interaktion anzubieten. Mit der Fotografie als Ausgangspunkt stellt ihr bewusster Umgang mit unterschiedlichen Oberflächen und Raumkonstellationen die Einbindung in skulpturale Formen her. Die vielteiligen Arbeiten verklären eindeutig festgelegte Bildgrenzen und fordern durch die raumgreifende Installation und Verschachtelung eine sukzessive Wahrnehmung.

Ausgehend von der sozialen Praxis der Fotografie als visueller Erinnerungsspeicher manipuliert und verletzt Mariana Mauricio vorgefundene Fotografien. Statt das Material als historische Quelle und als mimetische Darstellung der Welt stehen zu lassen, überschreitet die Künstlerin durch energische Eingriffe am Bildträger die fotografische Realität. Am Trägermaterial selbst – nicht aber an seiner Eigenschaft etwas zu zeigen, was es gar nicht ist – gelingt es Mauricio die Fotografie letztlich Bild und nicht mehr im Benjamin’schen Sinne Reproduktion sein zu lassen. Die Frage nach der abgebildeten Realität wird obsolet. Statt die Welt fotografisch sichtbar zu machen, zerschneidet, zerkratzt und kombiniert die Künstlerin ihre Motive, welche nunmehr wirken wie Phrasen, deren Funktionen geradezu kurzgeschlossen wurden.

Wie die frühe Fotografie des 19. Jahrhunderts, welche Umwelt und Natur zunehmend zu dokumentieren suchte, findet Darren Harvey-Regan seine Motive in alltäglichen Dingen wie Tieren oder Werkzeugen. Im Austausch zwischen Fotografie und realem Objekt entsteht in den Arbeiten von Harvey-Regan ein Spannungsfeld, welches durch die Dopplung der Objektbeziehung die Einseitigkeit des fotografischen Aktes überwindet und den Bildträger im Ausstellungsraum in eine motivische Dreidimensionalität münden lässt. Die Interaktion zwischen visuellem fotografischen Abbild und installativem Objekt verdeutlicht die materiellen Aspekte der Fotografie und führt gleichsam die spiegelbildnerische Funktion des Mediums ad absurdum. Die Referentialität auf die „notwendig reale Sache“ – Roland Barthes’ Grundprinzip seiner Bemerkungen zur Fotografie – gewinnt mit den Arbeiten Harvey-Regans im realen Ausstellungsraum eine unmittelbare Verbindung zum Hier und Jetzt des Betrachters.

  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.