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Einzelausstellung: Edgar Leciejewski - New York City - Ghosts and Flowers (vorbei)

3 Februar 2012 bis 10 März 2012
  Edgar Leciejewski - New York City - Ghosts and Flowers
Edgar Leciejewski, 1 West 119th Street, New York NY, United Staates. 2010
 
  Parrotta Contemporary Art - Stuttgart

Parrotta Contemporary Art - Stuttgart
Augustenstr. 87-89
70197 Stuttgart
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)711 - 69 94 79 10
www.parrotta.de


Press-release:

Parrotta Contemporary Art freut sich, die Einzelausstellung "New York City ghosts and flowers" von Edgar Leciejewski präsentieren zu dürfen. Gezeigt werden Fotoarbeiten der 2010 entstandenen Serie "ghosts and flowers" im Großformat, die allesamt Unikate sind; zudem wird ein Portfolio im Format 68,5 cm x 59 cm x 9,5 cm in einer Auflage von fünf Stück präsentiert. Die Arbeit "ghosts and flowers" erhielt bisher ein umfangreiche Mediale Resonanz. U.a. strahlte der Fernsehsender ARTE einen Beitrag über die Arbeit aus. Der Lubok Verlag Leipzig veröffentlichte den Katalog "NYC" in dem die Serie dokumentiert ist. Zur Zeit werden Arbeiten der Serie "ghosts and flowers" in der Kunsthalle Wien gezeigt und ab dem 04. Februar werden in der Ausstellung "State of the Art Photography" im NRW-Forum Düsseldorf Arbeiten der Serie zu sehen sein. Zu beiden Ausstellungen sind umfangreiche Katalogen erschienen.

Grundlage für die Serie "ghosts and flowers" von Edgar Leciejewski sind Straßenansichten von New York, die der Künstler auf Google Street View gefunden hat. Für diesen Service schickt das Unternehmen Kamerawagen durch die ganze Welt und stellt die Aufnahmen dann online. Durch dieses Verfahren ist es unvermeidbar, dass auf den Bildern nicht nur Straßen, Pflanzen und Häuser zu sehen sind, sondern auch diejenigen, die sich auf diesen Straßen bewegen: Autos, Vögel, Ratten und natürlich Menschen. Auf diese hat es Leciejewski abgesehen. Er verbrachte 2010 ein halbes Jahr in New York. Die Stadt durch die urteilsfreie, zugleich teilnahmslos und hemmungslos hinschauende Perspektive von Google Street View zu betrachten, verdoppelt sich in gewisser Weise die Beobachterrolle des Künstlers. In Google Street View findet jeder Voyeur seinen Meister.

Bis auf wenige, technischen Unwägbarkeiten geschuldete, Ausnahmen werden auf Street View alle Gesichter von Menschen geblurrt, also geunschärft. Die Personen werden anonymisiert und damit zu Stellvertretern, Prototypen, Symbolen. Leciejewski macht Screenshots von Motiven, die ihm skulptural, prototypisch und expressiv genug sind, legt Ausschnitt und Schärfegrad fest, reinigt die Bilder. Die Menschen auf den Bildern, aus der Sicht von Google vermutlich eher lästiger Beifang, werden zu Repräsentanten der Stadt und der Projektionen des Künstlers.

Die fertigen Bilder messen gerahmt 1,76 m mal 1,53 m mal 8 cm, ein Monumentalformat, dass die Mangelhaftigkeit des Ausgangsmaterials als Qualität umwertet und den Motiven etwas Malerisches verleiht und Gültigkeit zuspricht. Und, wie Leciejewski anmerkt: "Auf den Bildern ist immer Sommer."

Edgar Leciejewski studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Fotographie unter Prof. Timm Rautert, Prof. Christopher Muller und Prof. Peter Piller. Seit 2008 stellt er in internationalen Galerien aus. Seine Werke wurden 2011 in einer Einzelausstellung im Stadtmuseum München und zahlreichen Gruppenausstellungen wie in der Kunsthalle Wien oder im Witte de With - Center for Contemporary Art in Rotterdam gezeigt. Zeitgleich zu der Ausstellung in der Galerie Parrotta sind weitere Arbeiten aus der Serie "Ghost and Flowers" im NRW-Forum Düsseldorf zu sehen. Besprochen wurden seine Werke u.a. in einem bei ARTE ausgestrahlten Künstlerporträt sowie in den Publikationen "Himmel ohne Wolken" (2011) und "NYC - Ghosts and Flowers" (2011).

Text aus:
NYC - Ghosts and Flowers, 2011
Lubok Verlag NYC von Adriano Sack

des hommes trouvés. Die Stadtgeister von Edgar Leciejewski.
Von Adriano Sack

"Nicht einmal Martin Parr selbst koe nnte seine Bilder von Flickr-Bildern unterscheiden", vermutet der Art Director Alexander Wiederin. Er ist Oesterreicher, aber lebt seit vielen Jahren in New York. Was es bekanntlich leichter macht, die Dinge so zu sagen, wie sie sind: Die Digitalmoderne hat das Wesen und die Moeglichkeiten von Fotografie geaendert. Die Unterscheidung zwischen zufaellig von Laienhand gefertigten Fotos und Fotokunst ist schwierig geworden, weil die traditionellen Kriterien wie Komposition, Belichtung, Tiefenschaerfe relativiert wurden, vor allem aber, weil die Moeglichkeiten der Bildproduktion sich erweitert und geöffnet haben. Nach dem Tsunami im Dezember 2004 war ein Handyfoto auf dem Cover des stern: ein Tourist in Thailand hatte die herantobende Flutwelle geknipst (und gluecklicherweise ueberlebt). Es war das eindrucksvollste Bild, weil der Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Die niedrige Aufloesung des Fotos, technisch gesehen und traditionell argumentiert war es nicht covertauglich, machten seine Wirkung eher noch staerker. Die Verfügbarkeit der Technik stellt eine neue Herausforderung an die Konzeption künstlerischer Bildherstellung. Fotografie, deren Anerkennung als Kunstform erstaunlich lang gedauert hat und die also ein noch junges Genre ist, erklärt sich nicht nur durch das Bild selbst, sondern die ihm zu Grunde liegende (oder darüber schwebende) Idee, das Referenzsystem, in dem es verortet ist und schlicht durch die Zuschreibung, die der Künstler vornimmt. Die Scans etwa, die der Leipziger Künstler Edgar Leciejewski von toten, gefundenen Vögeln anfertigt, gleichen in ihrer Präzision Aufnahmen aus dem biologischen Lehrbuch. Die Anmut und Expressivität seiner Arrangements (das stolz gesträubte Gefieder, der elegant verrenkte Hals) zeigen einen klarsichtigen gestalterischen Impuls. Und die künstlerische Ausformulierung des unmittelbar Natürlichen sieht er schon bei Leonardo da Vincis Tintenabdrücken von Blättern.

Leciejewski weist darauf hin, dass es einer der ersten Impulse der frühen Fotografen gewesen sei, Archive anzulegen. Sei es von Pflanzen, wie bei der Engländerin Anna Atkins oder dem Deutschen Karl Blossfeldt, sei es von Staedten, wie es sich etwa Atget in Paris zur Aufgabe machte. Das Medium Fotografie bot sich an. Schien es doch die Ausdrucksstärke des geschwungenen Pinsels durch entseelte Mechanik zu ersetzen. Dies erwies sich natürlich als erstens nicht wahr, machte trotzdem zweitens die Fotografie zum kongenialen Medium des Maschinenzeitalters.
Von der technischen Reproduzierbarkeit zur digitalen Fluechtigkeit. Jeder kann heute ein technisch sauberes Bild machen. Auf den Titelseiten von Mode- und Celebritymagazinen sind die Stars nur noch über die Titelzeile zu identifizieren, weil ihre Gesichter einem nebulösen, aber mächtigen Schönheitsideal erst mit dem Skalpell, dann mit Photoshop angeglichen werden. Mit der Funktion "Edit Your Profile" kann jeden Tag am eigenen öffentlichen Bild gearbeitet werden. Die vorherigen Versionen verwischen sich, wenn sie auch vermutlich weiter existieren. "There are different ways for individual people to take over space - to command space. […] Before media there used to be a physical limit on how much space one person could take up by themselves", schreibt Andy Warhol in The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again). Der Raum, den eine Person einnehmen kann, ist unendlich geworden. Die tatsächliche Aufmerksamkeit wird nicht in der selbst gewählten Datenmenge gemessen, sondern in Klickzahlen, Anzahl der Freunde, Kommentaren, Verlinkungen. Sozialer Erfolg ist somit eindeutig messbar und transparent.
New York ist eine Stadt der flüchtigen und genauen Blicke. Leciejewski nahm bei seinem Aufenthalt im Jahr 2010 den Gegensatz wahr zwischen der Freiheit und den unbegrenzten Möglichkeiten, die Teil des Glücksversprechens dieser Stadt sind, und den rigiden Codes, denen ihre Bewohner folgen. Die Großstadt als Ort der organisierten Gewalt, der sich die Menschen unterwerfen. Architektur und soziale Vereinbarungen bestimmen, wie man sich zu bewegen, zu kleiden, zu grüßen, zu ignorieren hat. In New York sagt man "Excuse me" und meint "Mach mir Platz". Die Dichte der Stadt zwingt zu Höflichkeit und Brutalität.

Auf dem Cover von Scott Schumans Bildband The Sartorialist klebt ein Zitat von Mario Testino: "The place to be seen". Er meint damit Schumans Blog, auf dem dieser seit einigen Jahren Fotos von Menschen veroeffentlicht, die er auf der Strasse gesehen und wegen ihres herausragenden Stils fotografiert hat. Manche dieser Personen sind bekannt - Stylisten, Designer, Blogger -, aber die Namen werden auf der Website nicht genannt. Eine gelungene Jacke-Hose-Kombination, der richtige Schuh reichen hier als Ausweis. Testinos blurb ist natürlich nur ein Gefallen, den ein Superstar einem Star tut, aber es verbirgt sich ein interessanter Gedanke darin. Das Internet als Ort, um zu sehen und gesehen zu werden, ersetzt demzufolge die traditionellen Orte, an denen sich soziale Gefüge manifestieren: Restaurants, Clubs, Premierenparties. In New York nennt man die Plätze in einem von Prominenten benutzten Lokal, die sich in Nähe der Toiletten oder einfach in wenig sichtbaren Ecken befinden, "Siberia". Im Internet sitzt man in Siberia, wenn die eigenen Bilder unter "Most viewed" nicht auftauchen. Die Welt ist durchlässiger und wenn möglich gnadenloser geworden.

"Der Google-Algorithmus richtet sich nach den Häusern, nicht nach den Menschen", sagt Leciejewski über die Brüche, Verwischungen, digitalen Fehlkonstruktionen in den Bildern, mit denen er arbeitet. Sie stammen von Google Street View, dem Großprojekt, für das der Konzern Kamerawagen auf der ganzen Welt die Strassen aufnehmen lässt. Diese Kameras, in Deutschland erregte sich spürbarer Unwille gegen das Projekt, entsprechen Andy Warhols laufendem Tonbandgerät in den frühen 70ern. Teilnahmslose Zeugnisproduzenten. Der Künstler bearbeitet die Bilder, wählt den Ausschnitt, entfernt Details. Oder lässt sie aus kompositorischen Gründen stehen, wie die Flaschen auf der Außentreppe des Brownstones. Die Menschen auf seinen Fotos sind hommes trouvés - ihr Erscheinen auf Google Street View ist zufällig, ihr Erscheinen in Leciejewskis Arbeit Produkt einer präzisen künstlerischen Auswahl. Ihre Anonymisierung macht sie zu Symbolen und Projektionsflächen. Wo will der schlaksige Junge in dem ultramarinblauen T-Shirt hin? Haben sich die beiden Männer bei ihrer Begegnung auf der Straße erkannt? Könnte die Frau mit den erstklassigen Beinen nicht Naomi Campbell sein? Die Menschen in dieser Serie sind schemenhafte und deswegen bewegliche Abbilder von Konzepten, die sich mit der Stadt New York verbinden: Sex, Erfolg, Liebe, Geld, Gefahr, Schönheit etc. Sie laufen über die Straße, werden durch die Kamera erfasst, vom Künstler entdeckt, ihr Bild von ihm geformt, großformatig gedruckt und in die Galerie gehängt. Dieser Prozess macht sie zu Geistern.

Adriano Sack ist Autor und Gründer des Social Networks ilikemystyle.net.

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