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Einzelausstellung: Alex Tennigkeit - A Hint of Lightness (vorbei)

10 März 2012 bis 16 April 2012
  Alex Tennigkeit - A Hint of Lightness
Alex Tennigkeit
 
  Galerie Jette Rudolph

Galerie Jette Rudolph
Strausberger Platz 4
10243 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)30 - 613 03 887
www.jette-rudolph.de


"Früher glaubte ich, menschlich zu sein sei das höchste Ziel, das ein Mensch sich stecken könnte, aber ich sehe jetzt, dass es dahin führte, mich zu zerstören. [...]
Ich habe nichts mit der knarrenden Maschinerie der Humanität zu tun - ich gehöre der Erde! [...] Ich kann um mich alle meine verrückten Ahnen ums Bett tanzen sehen, wie sie mich trösten, mich anfeuern, mich mit ihren Schlangenzungen anpeitschen, mit ihren lauernden Schädel angrinsen und anblecken. Ich bin unmenschlich!"
(Henry Miller, Wendekreis des Krebses, Paris 1934)

"A Hint of Lightness" (dt.: "Ein Hauch von Leichtigkeit") lautet der Titel der neuen Einzelausstellung von Alex Tennigkeit und konfrontiert den Betrachter doch mit den existentiellen Themenkomplexen von Tod und Gewalt. Ins Zentrum der Ausstellung stellt die Künstlerin die Beschäftigung mit dem Selbstporträt, vorwiegend wiedergegeben als Kopfbild aber auch als Bruststück und Ganzfigur.

Beispielhaft ist die den Betrachter geradezu bedrängende großformatige Leinwand "Gier nach Transgression (Selbst als Monster)", welche das Bildnis der nach vorne gebeugten Künstlerin in der Totalen zeigt, fokussiert auf den Akt des Verschlingens eines vor ihr wüst aufbereiteten Haufens blutiger Innereien, aus dem sie sich gerade ein Herz in gefräßiger Gebärde einverleibt. Herausfordernd blickt die Protagonistin den Betrachter an, während sich über ihrem wirr gelockten Haupthaar ein interstellares Vakuum aus dunklen Blau- und Violetttönen zusammenbraut. Das Verschlingen blutigen Fleisches und roher Eingeweide in Tennigkeits konfrontativer Malerei erscheint als eine absichtsvolle Inszenierung abjekter Gegenstände, die im Betrachter starke affektive Reaktionen hervorrufen wie Ablehnung, Verachtung oder Ekel bis hin zum Brechreiz. Dabei hängt die Abjektion, welche - zugleich vom Gefühl der Faszination begleitet - auf die Grenzüberschreitung ethisch-moralischer Tabus abzielt, vom individuellen Gemüt des Rezipienten ab und steigert "[...] seine Wirkung durch die Macht des Imaginären", indem es wie das Obszöne stets auch auf das Nicht-Sichtbare und Nicht-Zeigbare verweist.1

In ihrer 20-teiligen Reihe von Porträtmalereien zusammengefasst unter dem übergeordneten Titel "Selbst als Allegorie" zielt Tennigkeit ebenfalls auf eine Überschreitung der darstellerischen Konventionen ab, um die Grenzen der Repräsentation im Bild auszuloten. So wandelt, kombiniert und maskiert sie die eigene Physiognomie im freien Rollenspiel, wobei die Künstlerin im Prozess der Motivaneignung selbst die Rolle der Autorin, Regisseurin, Visagistin und die des Models einnimmt. So entstehen realistische, aber dennoch merkwürdig undurchschaubare Charaktere, die beim Betrachter ein Gefühl zwischen Pathos und Entfremdung provozieren.

Die Arbeit "Selbst als Allegorie: Doll of the World" präsentiert das rundum stark angeschnittene Konterfei der Künstlerin als Puppe, deren grelle Maskerade sich durch übergroße Kulleraugen, dem clownesque aufgemalten Wangenrouge sowie einer den Blondschopf bekrönenden überdimensionalen pinken Schleife auszeichnet. Die vergleichsweise klein proportionierten Hände halten das Symbol des religiös-christlichen Kreuzes und eine weltliche Machtinsignie. Weitere Varianten dieser wohl kalkulierten Effektdramaturgie wählen das Gesicht der Künstlerin als Schauplatz grotesker Maskeraden, wüster Verstümmelungen und provokanter Abjektionen und präsentieren die Künstlerin mal als personifizierten Tod im karnevalesken Skeletttextil, im vermeintlichen Zwiegespräch mit den Ahnen oder im Ringkampf mit dem Alter Ego. Vergleichsweise analytisch, aber im wahrsten Sinne ‚unter die Haut' geht das im gleichen Format gehaltene Bildnis "Der Schnitt" mit der detailreichen Darstellung einer Frank H. Netters Anatomieatlas nachempfundenen Sektion eines menschlichen Schädels. Frontal betrachtet erweist sich das Porträt durch den unterhalb des Kinns anschließenden weißen Hemdskragen als das eines Mannes, welcher sich effektvoll gegenüber dem homogenen graublauen Hintergrund abhebt.

Die Ausstellung kulminiert in der bühnenartig inszenierten "executio in effigie" (Strafe am Bildnis), in welcher sich die Künstlerin in einer lebensgroßen Malerei - kopfüber hängend - in einem "Richtpavillon" (A.T.) darstellt. Dieser referiert in seinen bautechnischen Einzelheiten sowohl auf einen schmuckhaften Gartenpavillon als auch auf die Architektur eines dreisäuligen Galgens, um nicht zuletzt auf die historische Bedeutung des Ausstellungsortes am Strausberger Platz als im 16. Jahrhundert in der Nähe gelegenen Richtplatz der Stadt Berlin hinzuweisen. Durch die Form der künstlerischen "Schein-Selbsthinrichtung" besetzt die Künstlerin eine exklusive, zirkuläre Position, indem sie sich das Medium der Malerei zunutze macht, um darin die Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden, denen der lebende Körper ausgesetzt ist.2

Das Spiel mit der Ambivalenz zwischen Komik und Verzweiflung durchzieht die gesamte Ausstellung und drückt sich auch in der Wahl des ironischen Ausstellungstitels aus: "A Hint of Lightness" wendet sich erbittert an den Betrachter, untergräbt und schafft Distanz im gleichen Atemzug, ist Ausdruck von Grenzerfahrung angesichts der Frage nach der Erwartung des Kunstbetrachters und der Rolle des Künstlers in der heutigen Gesellschaft.

[1] Vgl. Vito Pinto, (Selbst-) Inszenierungen als gesellschaftliche Provokation. Tabubruch und Transgression bei ‚Marilyn Manson', Berlin 2006.
[2] Vgl. Hans Belting, Bild- Anthropologie, München 2001.

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