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Einzelausstellung: Constantin Luser (vorbei)

7 September 2012 bis 17 November 2012
  Constantin Luser
Constantin Luser
 
  Galerie Jette Rudolph

Galerie Jette Rudolph
Strausberger Platz 4
10243 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)30 - 613 03 887
www.jette-rudolph.de


Die Sphäre ist das innenhafte, erschlossene, geteilte Runde, das Menschen bewohnen, sofern es ihnen gelingt, Menschen zu werden. Weil Wohnen immer schon Sphären bilden heißt, im Kleinen wie im Großen, sind die Menschen die Wesen, die Rundwelten aufstellen und in Horizonte ausschauen. In Sphären leben heißt, die Dimension erzeugen, in der Menschen enthalten sein können. -Peter Sloterdijk

Die Galerie Jette Rudolph freut sich, Constantin Luser bereits zum dritten Mal in einer Soloshow zu zeigen. Neben der Zeichnung, welche dem in Graz/Österreich geborenen Künstler stets als Ausgangspunkt dient, sind dreidimensionale Installationen und Collagen wesentliche Bestandteile seiner Arbeit. Mit seinen Klangskulpturen gestaltet der Künstler nicht nur räumliche Objekte, sondern macht diese gleichsam akkustisch verfügbar, um zugleich seinen Rezipienten zur performativen wie kommunikativen Interaktion zu animieren. Die zu Objekten arrangierten Instrumente nehmen dabei durch den an ihnen zu erzeugenden Klang den Raum ebenso ein wie die bekannten großformatigen, feinen Zeichnungen des Künstlers.

Mit seinen arbeitsintensiven Werken zerstückelt Constantin Luser die Inhalte übermittelter Botschaften, justiert diese neu und restrukturiert und komprimiert sie schließlich zu vielschichtigen, partiell imaginären Konstrukten. Kontinuierlich entwickeln sich die Luser'schen Ideen anhand vorgefundener Versatzstücke, unmittelbaren Reminiszenzen, persönlichen Gedanken, Erfahrungen und Vorstellungen zu beziehungsreichen Gefügen.

Im Zentrum der gegenwärtigen Einzelausstellung steht die oktogonal angeordnete Installation von acht Bandoneons. Ausgestattet mit einer zentral angelegten Luftversorgung lässt sich das Oktogon aus Harmonikainstrumenten polyphon bespielen. Gleichsam verweist die Skulptur auf die bewegte Geschichte des Handzuginstruments, welches im 19. Jahrhundert von dem Deutschen Heinrich Band entwickelt wurde und - trotz des Verbotes durch die Nazis - insbesondere in Südamerika beliebt war.1

Begleitet wird die Skulptur von mehreren kleinformatigen Collagen, deren Fragmente der Künstler aus dem sogenannten „Braunen Meyer"2, der tendenziös und nationalsozialistisch eingefärbten Enzyklopädieausgabe aus den Jahren 1936 bis 1942, herauslöste. Im freien und assoziativen künstlerischen Schaffensprozess arrangiert Luser das Bildmaterial neu und kombiniert es partiell mit eigenen Zeichnungen. Dem vermeintlich objektiven Anliegen von Lexikonbildern im ursprünglichen Kontext enthoben, müssen die Holzstiche als ideologisch tingiert aufgefasst werden und offenbaren im neuen Arrangement der Collage ihren kommunikativen Charakter. Luser unterwirft die deklamatorischen Abbildungen der Prozesshaftigkeit und erzeugt ein Zwiegespräch der Fragmente unter neuen Vorzeichen.

Das Ausloten unterschiedlicher Bedeutungs- und Wahrnehmungsebenen, die der Künstler in jeder seiner Arbeiten zusammenbringt, wird ebenfalls in den großformatigen Zeichnungen auf Alu-Dibond offenkundig. In akkuraten und präzisen Linien zeichnet Luser Ideengeflechte, welche wie komplexe Pläne anmuten. In unterschiedlichen, alternierenden Ebenen entwickeln sich die Ansichten aus abstrakten Formen, figurativen Momenten, Chiffrierungen und Symbolen zu einem Konnektiv aus Realitätseinfluss, Vorstellungskraft und persönlichen Gedanken. Die Farblasuren, welche die Arbeiten des Künstlers partiell durchziehen, eröffnen bisweilen synästhetische Erfahrungsebenen.

Die unterschiedlichen, den Arbeiten immanenten Bedeutungsdimensionen in Anbindung an lebensweltliche Räume verbinden sich - abgebildet, beschrieben oder kartiert - mit verblüffend phantastischen Details. Denn wie Paul Valéry treffend bemerkt gibt es möglicherweise „keine inständigere Versuchung des Geistes als das Zeichnen"3. Es überrascht somit kaum, dass sich diese schier unbegrenzten Darstellungsmöglichkeiten im Werk Lusers mit dem Medium der Collage und deren mannigfaltigen Kombinations- und Visualisierungs-möglichkeiten fortsetzt. Erzählerisch zwischen innerer und äußerer Welt verortet, treten die Darstellungen in Verhandlung mit dem Betrachter, welcher im Grunde dazu herausgefordert wird, den erarbeiteten Strukturen zu folgen. An Stellen der mehrschichtigen Unschärfe entpuppt sich das erstaunliche Potenzial des experimentellen Verlassens realit-orientierter Wahrnehmung als ein Streben nach Entwicklung und Transzendenz. Jenseits von zeitlicher Einbindung eröffnen die Arbeiten Lusers dynamische Vorstellungsräume, deren semantische Felder sich der Betrachter fortwährend orientierbar machen muss.

[1] Vor allem im Bezug auf den Tango war das Instrument ab Anfang des 20. Jahrhunderts prägend.
[2] Die 8. Auflage des Meyer Lexikon erschien in 9 Bänden, welche auf Grund des Krieges nie vollendet wurden. Die Zensurkommision der NSDAP bearbeitete weite Teile der Lemmata.
[3] Paul Valéry, Tanz, Zeichnung und Degas, übers. v. Werner Zemp, revidierte Ausgabe, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1996, S. 69

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