Language and login selector start
Language and login selector end

Einzelausstellung: Thomas Hirschhorn - Collage Truth (vorbei)

12 Januar 2013 bis 26 Februar 2013
  Thomas Hirschhorn  - Collage Truth
Thomas Hirschhorn, Collage Truth / no 33 / 2012
 
www.susannakulli.ch Galerie Susanna Kulli

Galerie Susanna Kulli
Dienerstrasse 21
8004 Zürich
Schweiz (Stadtplan)

E-Mail senden
tel +41- (0)43 243 33 34
www.susannakulli.ch


Warum ist es wichtig - heute - Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen und anzusehen?

Ich werde in acht Punkten zu erklären versuchen, warum es wichtig ist - heute - Bilder zerstörter Menschenkörper anzusehen, wie solche, die ich verwendet und in verschiedene Arbeiten wie "Superficial Engagement" (2006), "Concretion" (2006), "The Incommensurable Banner" (2008), "Ur-Collage" (2008), "Das Auge" (2008), "Crystal of Resistance" (2011), "Touching Reality" (2012) und "Collage-Truth" (2012) integriert habe.

1. Herkunft

Die Bilder zerstörter Menschenkörper sind von Nicht-Fotografen gemacht worden. Die meisten wurden von Zeugen, Passanten, Soldaten, Sicherheitsoffizieren, Polizeibeamten, Rettungsdienstund Erste-Hilfe-Kräften aufgenommen. Die Herkunft der Bilder bleibt ungeklärt und ist oft nicht verifizierbar; nach unserem Verständnis dessen, was eine "Quelle" hier sein soll, fehlt die Quelle.
Diese ungeklärte Herkunft und diese Nichtverifizierbarkeit spiegeln die heutige Unklarheit wider.
Das ist, was mich interessiert. Oftmals ist die Herkunft nicht garantiert - aber was kann in unserer heutigen Welt überhaupt eine Garantie beanspruchen, und wie kann "unter Garantie" noch einen Sinn ergeben? Diese Bilder werden im Internet zum Herunterladen zur Verfügung gestellt, sie haben den Status eines Zeugnisses und werden von ihren Urhebern aus vielen verschiedenen Gründen veröffentlicht. Darüber hinaus wird die Herkunft dieser Bilder nicht angegeben und manchmal ist sie unklar - mit einer undeutlichen, vielleicht sogar manipulierten oder gestohlenen Adresse, wie dies für vieles gilt, was heute im Netz und in sozialen Netzwerken zu finden ist. Wir werden jeden Tag damit konfrontiert. Die unbestimmte Herkunft stellt einen der Gründe dar, warum es wichtig ist - heute - solche Bilder anzusehen und zu zeigen.

2. Redundanz

Die Bilder zerstörter Menschenkörper sind in ihrer Redundanz wichtig. Was redundant ist, ist genau dies, dass heute eine solch unermessliche Menge von Bildern zerstörter Menschenkörper existiert. Redundant ist nicht Wiederholung, nicht die Wiederholung desselben, weil es immer ein anderer Menschenkörper ist, der zerstört wurde und als solcher redundant erscheint. Es geht nicht um Bilder, sondern um Menschenkörper, um den Menschen, von dem das Bild ein Zeugnis darstellt. Die Bilder sind redundant, weil es an sich redundant ist, dass Menschen zerstört werden. Redundanz - an sich - ist hier wichtig. Ich will dies als etwas Entscheidendes verstehen und ich will diese Redundanz als eine Form ansehen. Wir wollen die Redundanz solcher Bilder nicht akzeptieren, weil wir die Redundanz von Grausamkeit gegen den Menschen nicht akzeptieren wollen. Dies ist der Grund, warum es wichtig ist, die Bilder zerstörter Menschenkörper - heute - in ihrer Redundanz zu zeigen und sie anzusehen.

3. Unsichtbarkeit

In den Zeitungen, Illustrierten und Fernsehnachrichten sehen wir heute kaum Bilder zerstörter Menschenkörper, da sie sehr selten gezeigt werden. Diese Bilder sind nichtsichtbar und unsichtbar. Die Annahme ist, dass sie die Sensibilität des Betrachters verletzen oder bloß den Voyeurismus befriedigen, und der Vorwand besteht darin, uns vor dieser Gefahr zu schützen.
Aber diese Unsichtbarkeit ist nicht zufällig. Sie bildet die Strategie, die Kriegsanstrengung zu unterstützen oder sie zumindest nicht zu beeinträchtigen. Es geht darum, den Krieg akzeptabel und seine Auswirkungen ermessbar zu machen, wie dies z.B. vom ehemaligen USamerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (2001-2006) formuliert wurde: "Der Tod hat die Tendenz, einer deprimierenden Ansicht des Kriegs Vorschub zu leisten." Aber gibt es wirklich eine andere Ansicht des Kriegs als eine deprimierende? Bilder zerstörter Menschenkörper anzusehen und sie zu zeigen, ist eine Möglichkeit, sich gegen Krieg sowie gegen seine Rechtfertigung und Propaganda zu engagieren. Seit dem 11. September 2001 ist dieses Phänomen der Unsichtbarkeit verstärkt worden. Diese Unsichtbarkeit nicht als ein gegebenes Faktum oder als eine "Schutzmaßnahme" zu akzeptieren, ist ein Grund, warum es wichtig ist - heute - solche Bilder anzusehen.

4. Die Tendenz zur "Ikonisierung"

Die Tendenz zur "Ikonisierung" existiert noch heute. "Ikonisierung" ist die Gewohnheit, das Bild, das "hervorsticht", das "das Wichtige" ist, "das mehr sagt", "das mehr zählt als die anderen", "auszuwählen" bzw. zu "finden". Mit anderen Worten: die Tendenz zur "Ikonisierung" ist die Tendenz, ein Schlaglicht auf etwas zu werfen, es ist das alte klassische Verfahren, eine Hierarchie zu begünstigen und sie auf autoritäre Weise aufzuoktroyieren. Dies ist keine Wichtigkeitserklärung gegenüber etwas oder jemandem, sondern eine Wichtigkeitserklärung gegenüber anderen. Das Ziel ist, eine scheinbar gemeinsame Wichtigkeit, ein gemeinsames Gewicht, ein gemeinsames Maß zu etablieren. Aber die Tendenz zur "Ikonisierung" und dazu, "ein Schlaglicht auf etwas zu werfen", haben den Effekt, die Existenz von Unterschieden, des Nicht-Ikonischen, des Redundanten und des Nicht-Hervorstechenden zu verneinen. Im Bereich von Bildern des Kriegs und des Konflikts führt dies dazu, dass dasjenige Bild, das für andere "akzeptierbar" ist, ausgewählt wird. Es ist das "akzeptable" Bild, das für ein anderes Bild, für alle anderen Bilder, für etwas anderes und sogar für das "Nicht-Bild" steht. Dieses Bild bzw. diese Ikone muss selbstverständlich das Richtige, das Gute, das Gerechte, das Erlaubte, das Ausgewählte - das konsensstiftende Bild sein. Dies macht die Manipulation aus. Ein Beispiel ist das (auch von Kunsthistorikern) vieldiskutierte Bild des "Situation Room" in Washington während der Eliminierung von bin Laden durch die Navy Seals im Jahr 2011. Ich lehne es ab, dieses Bild als eine Ikone zu akzeptieren, ich lehne seine "Ikonisierung" ab und ich lehne die Tatsache ab, dass dieses Bild - wie alle anderen "Ikonen" - für etwas anderes als für sich selbst steht. Die Tendenz zur "Ikonisierung" zu bekämpfen, ist der Grund, warum es wichtig ist - heute - Bilder zerstörter Körper zu zeigen und anzusehen.

5. Die Reduktion auf Tatsachen

In der heutigen Welt der Tatsachen, der Information, der Meinung und der Kommentare wird vieles darauf reduziert, faktisch zu sein. Das Faktum ist das neue "goldene Kalb" des Journalismus, und die Journalistin oder der Journalist will ihm die Zusicherung und Garantie von Wahrheitstreue geben. Aber mich interessiert die Verifizierung einer Tatsache nicht. Mich interessiert die Wahrheit, die Wahrheit als solche. Die Wahrheit, die keine verifizierte Tatsache oder "korrekte Information" einer journalistischen Geschichte ist. Die Wahrheit, die mich interessiert, leistet gegen Tatsachen, Meinungen, Kommentare und gegen den Journalismus Widerstand. Die Wahrheit lässt sich nicht reduzieren. Deshalb sind die Bilder zerstörter Menschenkörper irreduzibel und widerstehen der Tatsächlichkeit. Ich leugne Tatsachen und die Tatsächlichkeit keineswegs, aber ich will der Textur heutiger Tatsachen widerstehen. Die Gewohnheit, die Ereignisse auf Tatsachen zu reduzieren, stellt einen bequemen Weg dar, die Wahrheit zu vermeiden. Dieser Neigung zu widerstehen ist die Dynamik, die Wahrheit zu berühren. Bedingungslose Akzeptanz der Tatsachen will uns die faktische Information als "das Maß" aufoktroyieren, statt dass wir mit unseren eigenen Augen hinschauen und sehen. Ich will mit meinen eigenen Augen sehen und ich will die Wahrheit selbst berühren. Der Widerstand gegen die heutige Tatsachenwelt macht es notwendig, Bilder zerstörter Körper zu zeigen und anzusehen.

6. Opfer-Syndrom

Sich die Bilder zerstörter Menschenkörper anzusehen, ist wichtig, weil es zu meinem Verständnis beitragen kann, dass die unermessliche Tat nicht die des Anschauens ist. Was unermesslich ist oder unkommensurabel ist, ist, dass die Zerstörung stattgefunden hat - dass ein Mensch, ein Menschenkörper zerstört wurde, ja, dass eine unermessliche Anzahl von Menschen zerstört wurde. Es ist wichtig - jenseits von allem anderen -, dies zu verstehen. Erst dadurch, dass ich in der Lage bin, diese unermessliche Tat zu berühren, kann ich der nachkommenden Frage widerstehen: Ist dies ein Opfer oder nicht? Und wessen Opfer? Oder ist dies vielleicht ein Täter, ein Terrorist? Geht es überhaupt nicht um das Opfer? Und vielleicht sollte dieser zerstörte Menschenkörper nicht als Opfer betrachtet bzw. gezählt werden? Zerstörte Menschenkörper als Opfer oder Nicht-Opfer einzuordnen, ist ein Versuch, sie ermesslich zu machen, statt darüber nachzudenken, dass all diese Körper das Unermessliche sind. Das Opfer-Syndrom ist das Syndrom, das will, dass ich dem Unermesslichen eine Antwort, eine Erklärung, einen Grund gebe und letztendlich feststelle, wer der "Schuldige" und wer der "Unschuldige" ist. Der einzige überlebende Terrorist der Terroranschlägen in Bombay 2008 sagte vor dem Gericht, das ihn zum Tod verurteilte: "Ich glaube nicht, dass ich unschuldig bin." Ich denke, das Unermessliche in dieser Welt hat keinen Grund, keine Erklärung und keine Antwort. In dieser unermesslichen Welt muss ich die Versuchung der Ermesslichkeit ablehnen und ich will die Klassifizierung in Opfer oder Nicht-Opfer nicht akzeptieren. Ich will nicht durch das neutralisiert werden, was die Welt kommensurabel machen will. Ich weigere mich, mir alles durch den Kontext erklären und es auch dadurch entschuldigen zu lassen. Ich will mich nicht durch den "Kontext" neutralisieren lassen.
Die Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen und anzusehen ist wichtig - heute -, weil ich angesichts des Opfer-Syndroms nicht resignieren will.

7. Die Irrelevanz der Qualität

Diese Bilder - weil sie von Augenzeugen aufgenommen wurden - haben keine fotografische Qualität. Das interessiert mich. Es ist die Bestätigung, dass unter Bedingungen der Dringlichkeit und in Not so etwas wie Qualität nicht notwendig ist. Ich habe schon immer an "Qualität = Nein! Energie = Ja!" geglaubt. Hier gibt es keinen ästhetischen Ansatz außer dem Ziel, das Bild aufzunehmen. Kein technisches Know-how ist vonnöten. Kein Fotograf ist notwendig. Das Argument von der "fotografischen Qualität" ist das Argument der abseits Stehenden, der Nicht-Anwesenden; das Argument von der "Qualität" fordert, "Abstand" einzuhalten und "Kontrolle" zu bewahren. Aber es gibt - heute - kein Kontrolle mehr; was vonnöten ist, ist vielmehr, Zeuge zu sein, da zu sein, hier zu sein und jetzt hier zu sein, anwesend zu sein, am "richtigen Ort", zum "richtigen Zeitpunkt" anwesend zu sein. Die meisten Bilder werden mit kleinen Kameras, Smartphones oder Mobiltelefonen aufgenommen. Sie passen zu unserer Art und Weise, das "Alles" und "Nichts" im Alltagsleben zu bezeugen und es sofort "publik" zu machen. Die Irrelevanz der Qualität dieser Bilder ist eine klare Kritik des "embedded" Fotojournalismus und des Journalismus im Allgemeinen. Die Irrelevanz der Qualität macht es wichtig - heute - solche Bilder zu zeigen und anzusehen.

8. Abstandnahme durch "Hypersensibilität"

Ich bin sensibel, und ich will sensibel sein, gleichzeitig will ich aufmerksam sein und bleiben. Ich will nicht Abstand nehmen, ich will nicht wegschauen und ich will meinen Blick nicht abwenden.
Manchmal höre ich von Betrachtern oder Betrachterinnen, wenn sie auf Bilder zerstörter Menschenkörper stoßen: "Ich kann mir das nicht ansehen, ich muss mir das nicht ansehen, ich bin zu sensibel." Das ist die Bemühung, einen bequemen, narzisstischen und exklusiven Abstand zur heutigen Wirklichkeit, zur Welt zu halten. Zu unserer Welt, zu der einmaligen und zur einzigen, zu unserer Welt. Beim Diskurs der Sensibilität - eigentlich der "Hypersensibilität" - geht es darum, den eigenen Komfort, die eigene Ruhe, den eigenen Luxus zu bewahren. Diejenigen nehmen Abstand, die sich - mit ihren eigenen Augen - nicht mit der Unermesslichkeit der Wirklichkeit konfrontieren wollen. Abstand zur Wirklichkeit ist niemals ein Geschenk; er ist etwas, das sich ein paar wenige erlauben, das sie sich nehmen, um ihre Exklusivität unversehrt zu halten. "Hypersensibilität" ist das Gegenteil des "nicht-exklusiven Publikums". Um sich mit der Welt zu konfrontieren, um mit ihrem Chaos, ihrer Unermesslichkeit zu kämpfen, um gemeinsam in der Welt zu sein und um mit dem anderen zu kooperieren, muss ich mich mit der Wirklichkeit ohne Abstand konfrontieren. Deshalb ist es notwendig, "Sensibilität" - die für mich bedeutet, "wach" und "aufmerksam" zu sein - von der "Hypersensibilität" zu unterscheiden, einer "Hypersensibilität", die "Selbsteinschließung" sowie "Ausschließung" bedeutet. Um der "Hypersensibilität" zu widerstehen, ist es wichtig - heute - Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen und anzusehen.

Thomas Hirschhorn, Aubervilliers, 2012. Aus dem Englischen von Dr. Michael Eldred, Köln.

Der Text ist Teil der Ausstellung Thomas Hirschhorn / "Collage Truth"

  • ArtFacts.Net - Ihr erfahrener Kunst-Dienstleister

    Seit dem Start in 2001 hat ArtFacts.Net™ in Zusammenarbeit mit internationalen Kunstmessen, Galerien, Museen und Künstlern eine anspruchsvolle Künstlerdatenbank entwickelt.