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Gruppenausstellung: Beyond the Compound (vorbei)

15 März 2013 bis 20 April 2013
  Beyond the Compound
Martin Zellerhoff
 
  Galerie Jette Rudolph

Galerie Jette Rudolph
Strausberger Platz 4
10243 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)30 - 613 03 887
www.jette-rudolph.de


"Is photography to be defined with (its own) nature or with the culture that surrounds it?"[1]
- Geoffrey Batchen

Der künstlerische Umgang mit dem Medium der Fotografie evoziert ein sich weithin ausspannendes Netz referentieller Verweise, welches äquivalent zur multiplen Verortung des Mediums zu verstehen ist, respektive dessen Diskursen im Anschluss an andere Medien und Gattungen, den Gebrauchsweisen fotografischer (Alltags-)Praxis sowie ihren medieninhärenten Parametern. Dabei liegt der Fokus auf sezierenden Prozessen, welche kulturelle und mediale Verbundsysteme der Fotografie vermittels der künstlerischen Strategien von Zitat, Adaption, Montage oder Konstruktion tendenziell decodieren und jenen dem Medium seit seinen Anfängen innewohnenden Authentizitätszwang kritisch kommentieren.
So wird der Bruch mit den etablierten Sehgewohnheiten zum zentralen künstlerischen Motiv: Was mit der Aneignung und Deklination verfügbarer Bildvorlagen und ihrer Darstellungsmodi beginnt - ob als direkt handhabbares Material oder zwecks der Hinterfragung im übergeordneten Kontext - mündet im projektiven Entwurf einer scheinbar grenzenlosen medialen Elastizität von Fotografie heute. Statt die medialen Grenzen zu wahren, setzt sich die postmoderne Fotografie darüber hinweg: Sie inszeniert, manipuliert und erfindet.[2] Und erweitert die Wahrnehmung des authentischen, technischen Bildes, um schließlich dessen gewohnten Rahmen durch ein komplexes Verweissystem zu ersetzen.

Mit den in der Ausstellung "Beyond the Compound" versammelten künstlerischen Positionen liegt das Augenmerk zum einen auf der möglichen Verknüpfung vielschichtiger Informationsebenen des fotografischen Bildes (Bonvie, Reid, Kühne, Sauer, Zellerhoff) und zum anderen auf einer perzeptiven Offenheit, die den Betrachter zwischen einer vermeintlich realen, tatsächlichen Wahrnehmung und einer sprachlich-begrifflichen Bedeutung der Bildgegenstände zu differenzieren anregt (Henne, HBO). Stets gibt es mehr zu erkennen und zu sehen: Über das fotografische Bild hinaus werden neue Kontexte geschaffen, Gegebenheiten offengelegt oder auch Parameter der Wahrnehmung neu justiert. Die mitgebrachten Erfahrungen und Kenntnisse des Rezipienten werden im Rahmen der fotografischen Konzepte durch die ästhetische Bilderfahrung, experimentelle Übergriffe auf andere Gattungen sowie die mediale Selbstreflexion gleichsam gefordert und verunsichert. Es entspinnt sich ein Spiel zwischen der An- und Abwesenheit des Bildgegenstands, der sozialen Interaktion wie Konstitution von Wirklichkeit im fotografischen Bild durch das gegenseitige Blicken und Erblickt-Werden bis hin zur morphologischen Handlung am Motiv, die im abstrakten Komposit mündet.[3]

Zwischen Aneignung und Autonomie generiert Rudolf Bonvie in seinen Arbeiten unterschiedliche, sich einander überlagernde Bild- und Wirklichkeitsebenen, welche die scheinbar eindeutigen, realen Informationscodes verklären: In seiner frühen Arbeit der Serie „La chasse photographique est ouverte..." („Die Jagd ist eröffnet...") von 1982 montiert der Künstler auf kommentierende Weise die Videoaufnahmen fotografierender Paparazzi auf einen monumentalen Sockel, der wiederum von Stapeln massenmedialer Print-Magazine gebildet wird. Durch die medialen und auktorialen Verschiebungen lässt sich das Ausgangsmaterial des Künstlers in verdichteter Form zwar noch erkennen - transportiert also seine ursprüngliche Referenz weiter -, wird jedoch kritisch auf eine neue inhaltliche und mediale Ebene überführt. Das Bildmedium wird zum Medienbild und provoziert zugleich eine Umkehr des bis dato gewohnt hierarchischen Verhältnisses von Bild und Betrachter, bis hin zur Frage nach den Konsequenzen der massenmedialen Produktion, wenn das Bilder-Machen plötzlich über die abgebildeten Objekte in ihnen zu bestimmen behauptet.

Die aus der Zusammenarbeit von Adam Harrison, Johannes Bendzulla und Dominic Osterried (alias HBO) entstandene Werkserie kommentiert durch kunstimmanente Verweise die Kommunikationsmechanismen des Kunstbetriebs, indem sie im spontanen und energetischen Prozess druckgrafisches Material kurzerhand zur Leinwand erklärt. Die kommerziellen Informationskanäle wie Werbeposter, Ausstellungsankündigungen und Museumsplakate werden auf diese Weise ihrer Funktion wirkungsorientierter Bildformulierung enthoben, um zugleich Raum zu schaffen für ein gedankliches oder ein ‚reines' Sehen, das sich unabhängig macht von der Fähigkeit der Gegenstandssynthese. Auf der Fläche der großformatigen, ungerahmten und somit tendenziell ‚grenzenlosen' Prints entfaltet sich ein aufgrund mehrfacher Belichtungsprozesse freies Schauspiel der Dinge, welche im Prozess der multiplen morphologischen Handlungen am Bild ihre ursprüngliche Identität zugunsten eines abstrahierten Komposits wandeln.

Zwischen fotografischem Bild und Objekt changierend, befreit Samuel Henne die Fotografie von ihrer Rolle als Hilfsmedium zur Verbreitung skulpturaler Werke. Die Arbeit "something specific about everything" projiziert vor einen wechselnd farbigen Hintergrund surreale Skulpturen, die aus Alltagsgegenständen frei gesampelt sind. In der Verschränkung des analytisch wiedergegeben aber aufgrund seiner mangelnden Herleitungsmöglichkeiten zuletzt assoziativ aufgeladenen abstrakten Bildgegenstands, verstrickt uns der Künstler in ein fiktives Spiel des fotografischen Blicks im mehrschichtig medialen Transfer. Indem der Künstler sukzessive Bedeutungs- und Informationsebenen ineinander verschachtelt, das Motiv inszeniert und arrangiert, bis das Bezugssystem zum abgebildeten Objekt jeder einzelnen Arbeit brüchig wird, provoziert er eine fotografisch vermittelte Sphäre zwischen Räumlichkeit und flacher Bildwelt.

David Kühne lanciert seine photographischen Bilderfolgen im Kontext des Düsseldorfer Rhein-Verlags, einem Distributionsprojekt initiiert durch einen Künstlerzusammenschluss, um sowohl die zeitliche Dimension der Rezeption als auch den "Zusammenschluss von Werk- und Ereignisästhetik"[4] im Medium Buch zu thematisieren. Folgerichtig unterläuft David Kühne eine vermeintliche Chronologie und kausale Prozesshaftigkeit der Lektüre seiner Bilderserien. Sowohl der strukturelle Aufbau als auch der narrative Kommunikationsgehalt werden nachhaltig befragt, umfunktioniert oder ad absurdum geführt. Die scheinbar stereotypischen Bilderfolgen des Künstlers beeindrucken durch ihre explizit analytischen Bestandsaufnahmen wie stringenten Neu-Codierungen und provozieren den Betrachter im Umgang mit den vertrauten Objekten zu stets neuen spezifischen wie (mit)gestaltenden Wahrnehmungsprozessen.

Mit dem adaptierenden Rückgriff in die frei verfügbare visuelle, mediale Bilderflut collagiert die britische Künstlerin Clunie Reid fotografische Vorlagen aus Zeitschriften, Magazinen und dem Internet. Wiederholt greift die Künstlerin mit einem schwarzen Marker kommentierend in die Vorlagebilder ein, erweitert und überprüft die scheinbar augenfällig strukturierenden Eigenschaften der meist mehrteiligen Bilderfolgen. Bildaufbau und -inhalt reflektierend überträgt sich das kommunikative Schema mit dem fotografischen Einzelbild in ein dialogisches Verhältnis zum Zeichensystem der Schrift. Die aneignende Praxis der Künstlerin reflektiert die diffuse Bilderflut des täglichen Lebens und analysiert die Darstellungsmodi zentraler Themen wie Schönheit, Entfremdung, Humor und Abscheulichkeiten.

Mit seinem langjährigen Buchprojekt, das fortlaufend konzipiert ist und mittlerweile 362 Seiten umfasst, reflektiert Heinz Sauer selbsterkundend seine Person im teilhabenden wie beobachtenden Austausch mit seinem Umfeld, Personen und Objekten. Animiert durch mono- und dialogische Textpassagen, teils gefundene und teils selbst erfundene, werden im überbordenden Werk Sauers fotografische Gedanken- und Identitätsspiele in immer neuen Konstellationen projiziert, welche sich episodenhaft den Themen Sexualität, Geld, Liebe und Gesellschaft widmen. Sauer verbindet dabei die Textabschnitte im Zwiegespräch mit werbeästhetisch inszenierten Fotografien zu Gedankenkonstrukten narrativem Gehalts.

Martin Zellerhoff verbindet in seinen Arbeiten die Grundzüge des Konzeptualismus mit einer explizit motivischen Bildhaftigkeit, während sich der narrative Gehalt der vom Künstler darin zitierten technischen und soziologischen Kontexte mit autobiografischen Reminiszenzen vermischt. Seine Fotografien visualisieren anhand von Bilderserien die Spezifika des Dokumentarischen ebenso wie die Codes der Werbe- und Produktfotografie. In jenem Grenzbereich zwischen reproduzierender Bildlichkeit und medienreflexiven Momenten gelangt der Künstler stets an Punkte offenkundiger Widersprüche, welche analog zur Streitfrage um das Medium trefflich von der Geschichte der Fotografie erzählen.

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:

Samstag, den 16.03.2013, 15:00 Uhr: Büchervorstellung und Gespräch mit David Kühne | Rhein Verlag
Freitag, den 12.04.2013, 19.30 Uhr: Buchvorstellung und Gespräch zwischen Heinz Sauer und Martin Zellerhoff

[1] Batchen, Geoffrey: Burning With Desire: The Conception of Photography, The MIT Press 1997, S. 17.
[2] Vgl. Köhler, Michael: Das konstruierte Bild. Fotografie - arrangiert und inszeniert, in: Ausst.Kat., Kunstverein München e.V., 1995, S. 18ff.
[3] Vgl. Huber, Hans Dieter: Überkreuzte Blicke. Merleau-Ponty, Lacan, Beckett, Spencer- Brown., in: A.Kapust, B.Waldenfels (Hg.): Kunst.Bild.Wahrnehmung.Blick., S.135 ff.
[4] Rhein-Verlag

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