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Einzelausstellung: Liu Ding - Samples from the Transition (vorbei)

29 Juni 2006 bis 22 Juli 2006
  Liu Ding
Liu Ding
 
www.lagalerie.de L.A. Galerie – Lothar Albrecht

L.A. Galerie – Lothar Albrecht
Domstraße 6
60311 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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Liu Ding "Samples from the Transition"

29. Juni bis 22. Juli 2006

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlich zur Eröffnung am Donnerstag, den 29. Juni um 19.00 Uhr ein.

Der Künstler ist anwesend

Fleißige Gemälde, einfühlsame Produkte: Liu Dings kritische Komplizenschaft
David Spalding
(Übersetzt von Hans-Georg Schede)

Der Gebrauchswert der Kunst, ihr Sein, gilt ihnen als Fetisch, und der Fetisch, ihre gesellschaftliche Schätzung, die sie als Rang der Kunstwerke verkennen, wird zu ihrem einzigen Gebrauchswert, der einzigen Qualität, die sie genießen. So zerfällt der Warencharakter der Kunst, indem er sich vollend realisiert.
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung (1944)

Liu Ding ist ein Archäologe der Gegenwart. Der Künstler entdeckt Alltagsgegenstände neu, verziert und ordnet sie so, dass sie das kulturelle Begehren verstärken, welches sie zugleich verkörpern. Seine sich immer weiter entwickelnde Serie aufeinander bezogener Installationen, Samples from the Transition (Modelle des Übergangs), konfrontiert die Betrachter mit Kunstprodukten, die auf die absurden Widersprüche hinweisen, die Chinas entfesselter Kapitalismus mit sich bringt. […] Wenn die chinesische Wirtschaft, wie Lius Projekte suggerieren, wirklich einem Ausbruch des Vesuvs zu vergleichen ist, so hat sie die Menschen im Ascheregen der Konsumwelt begraben. Mit seinen Kunstwerken stellt Liu Ding nicht nur Zeugnisse dieses "Übergangs" zur Schau. Er versucht darüber hinaus, uns aus der Asche auszugraben.

[…] Mit seiner bislang letzten Installation aus der Samples-Reihe, Products (Produkte) (2005 / 06), macht Liu die zweideutige Position anschaulich, die Kunst innerhalb der Diskurse unserer Warenkultur einnimmt - gleichsam als Möbiusstreifen der Kritik und Komplizenschaft, der einfache Lösungen verweigert.

Products wurde ursprünglich für die zweite Triennale von Guangzhou entwickelt; dreizehn professionelle Künstler aus der benachbarten Stadt Dafancun - Chinas berühmtem "Malerei-Fabrik"-Dorf, in dem täglich tausende von Bildern entstehen, die ein gigantisches Exportgeschäft mit ständigem Nachschub versorgen -, wurden eingeladen, ihren fließbandartigen Malprozess während der Eröffnung von Chinas bedeutendster internationaler Kunstausstellung vorzuführen. Die Maler arbeiteten während der Ausstellungseröffnung in einem Nebengebäude, das das Kunstmuseum von Guangdong vorübergehend angemietet hatte. Verteilt auf einer Pyramide von Plattformen gingen sie von Leinwand zu Leinwand, um ihren jeweiligen Beitrag (ein Künstler malt lediglich einen Baum, ein anderer einen Storch, und so fort) für eine Serie von identischen Landschaftsbildern hinzuzufügen. Die Maler erhielten für ihre Arbeit ihren gewöhnlichen Fabriklohn. Die auf diese Weise entstandenen Gemälde wurden während der gesamten Dauer der Ausstellung gezeigt. In Frankfurt werden sie nun in einem salonartigen häuslichen Interieur präsentiert.

Der Schauplatz ist für die vielfältigen Anknüpfungsebenen von Products von zentraler Bedeutung. Integraler Bestandteil der Arbeit, wie sie in Guangzhou gezeigt wurde, war die besondere Lage des Kunstmuseums von Guangdong im verzweigten Mündungsgebiet des Perlenflusses, kurz PRD (Pearl River Delta). Dort befindet sich eine Zusammenballung südchinesischer Städte einschließlich Shenzhen und Guangzhou, die seit den Siebzigerjahren einen beinahe surreal anmutenden, überstürzten Wachstumsschub erfahren. Seinerzeit begannen sich die Siedlungen in der Region pilzartig zu vermehren. In der Folge entstand einimmer verstopftes Netzwerk von städtischen Wucherungen; Glücksversprechen und Verfall liegen hier nahe beieinander. Guangzhou, wo der fortschreitende Kapitalismus gewissermaßen seinen Höhepunkt erreicht, ist ein idealer Schauplatz für Lius fortlaufende Erkundungen.

Ungeachtet der Versuche der Kuratoren, eine Plattform des künstlerischen Austauschs zu schaffen, entwickelte sich die Triennale von Guangzhou - wie all die weltweit operierenden Triennalen und Biennalen - zu einem weiteren Knotenpunkt innerhalb des Kunstmarkts, einem Ort, an dem der Rang und der Wert von Werken durch ihre Auswahl durch Experten und ihre Präsentation im Rahmen der Ausstellung bestätigt und noch erhöht wird. Der Katalog und die Berichterstattung in der Presse sind nur zwei von zahlreichen weiteren mit der Triennale verknüpften Faktoren, die die Karrieren der teilnehmenden Künstler fördern. Durch seine Präsentation der Products zog Liu öffentlich die Autorität der Triennale in Zweifel, den Künstlern zu Ruhm und Geltung zu verhelfen, sowie die Fähigkeit des Kunstmarktes, den Wert eines Werkes richtig einzuschätzen. Für den Wert der Kunstwerke, die in Dafancun angefertigt werden gibt es hingegen eindeutige Kriterien: Gemälde, die exakt ihren Vorbildern entsprechen, werden von für die Qualitätskontrolle zuständigen Sachverständigen als gute Arbeit akzeptiert; diejenigen, die nicht genau übereinstimmen, werden überatbeitet oder zerstört. Eines der in Dafancun ansässigen Unternehmen namens Fleißige Kunst erklärt gegenüber potenziellen Kunden auf seiner Homepage: "Der Preis der Gemälde wird danach festgelegt, ob sie einfach oder schwierig zu malen sind."

[…]Das Gemälde, das in Guangzhou reproduziert wurde und in Frankfurt ausgestellt wird, wurde von Liu Ding gerade wegen der Beliebiegkeit seines Gegenstandes auagewählt: Es ist ein schrulliger entfernter Verwandter der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei, zugleich aber auch eine Chiffre. Das Gemälde wurde in eine Serie gewissermaßen umgekehrter Readymades verwandelt, doch geht der Künstler, der an frührere Ausdrucksformen der Konsumkritik anknüpft, mit seinem Projekt erheblich weiter als jene.
Products stellt den Status des Gemäldes als Ware offen aus und hebt ihn zugleich auf, indem Liu die Arbeit selbst (tatsächlich: die Arbeiter) sichtbar macht. Darüber hinaus stellt Lius Sensibilität für den Ort seiner Installation sicher, dass die Gemälde, selbst wenn sie nichts weiter als leere Signifikan­ten (Zeichen) sind, die kulturellen und geschichtlichen Bedingungen der Schauplätze erhellen, an denen sie erschaffen und ausgestellt werden.

Products und die anderen Werke, die gemeinsam die Samples-Serie bilden, sind weit mehr als materielle Beweisstücke einer Kultur in Bewegung. Sobald die einzelnen Projekte zueinander in Beziehung treten, versprechen sie die tatsächlichen Grundlagen ihrer Zurschaustellung und ihrer Zirkulation im Kunstmarkt zu kompromittieren. Und indem sie das tun, erschaffen Liu Dings Werke ein vielschichtiges Netz von Diskursen, die Künstlern neue Möglichkeiten eröffnen, zugleich Widerstand zu leisten und an der Kultur teilzuhaben, die sie mit ihren Werken zu erschaffen helfen.

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