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Einzelausstellung: Andreas Fogarasi - Norden (vorbei)

10 November 2006 bis 13 Januar 2007
  Andreas Fogarasi - Norden
Andreas Fogarasi, "Kultur und Freizeit", 2006
Courtesy Georg Kargl Vienna
 
  Georg Kargl Fine Arts & Georg Kargl Box

Georg Kargl Fine Arts & Georg Kargl Box
Schleifmühlgasse 5
1040 Wien
Österreich (Stadtplan)

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www.georgkargl.com


Georg Kargl Box
Presseinformation

31. Oktober 2006

Andreas Fogarasi - NORDEN
Eröffnung der Ausstellung am 9. November 2006, 19.00-21.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 10. November 2006 -13. Jänner 2007
Presse Preview: 8. November, 15 Uhr

Andreas Fogarasi setzt sich in seinen Arbeiten konsequent mit Entwicklung und Veränderungen von Stadträumen, deren Wahrnehmungsbedingungen und die daran geknüpften Transformationsprozesse urbanen Lebens auseinander. Er untersucht in unterschiedlichen Medien institutionelle oder räumliche Determinationen konkreter Orte und legt durch beinahe beiläufig wirkende formale Eingriffe deren Struktur als sich ständig ändernden Handlungsspielraum frei.

Für seine Ausstellung in der Georg Kargl BOX hat der 1977 in Wien geborene Künstler eine raumgreifende Videoinstallation entwickelt. Durch den Ausstellungsraum schiebt sich ein quer zum Betrachterstandpunkt gerichteter Kubus, der als Projektionsraum einer Serie von Videoarbeiten fungiert, die Kultur- und Freizeiteinrichtungen in Budapest zeigen. Seine formale Entsprechung findet das an die Wand gehängte Objekt in einer gegenüber angebrachten Sitznische, die lediglich einen schmalen Durchgang offenlässt.

In der handwerklich perfekten Ausführungsqualität der Schauseite wirkt die Installation täuschend massiv, um sich beim in bewusst inszenierte Bahnen gelenkten Beschreiten des Objektes als reine Kulissenarchitektur zu entpuppen, an deren Rückseite die konstruktiven Elemente des Kubus offenbar werden. Ihre Spannung erhält die Installation nicht allein durch den darin präsentierten Inhalt. Durch die bühnenhaft wirkende Konstruktion wird der Betrachter physisch - aktiv in die Installation einbezogen wobei eindeutige Zuordnungen und Sicherheiten von Realität und Täuschung aufbrechen. Stets verwehren sich Fogarasis Objekte einer eindeutigen Zuschreibung und spielen mit der Flexibilität von Form und Bedeutung, indem sie sich zwischen autonomer Skulptur und herkömmlichem Alltagsgegenstand bewegen. In ihrer formalästhetischen Präsenz ist Fogarasis Objekt sowohl als ein an sich "funktionsloses" Kunstwerk als auch in seiner funktionalen Zuordnung als Projektionsraum - ein in der Ausstellungspraxis gängiger Gebrauchsgegenstand - lesbar.

Innerhalb des architektonisch stark von Richard Artschwagers Fassade beherrschten Ausstellungsraumes schafft der Künstler einen in sich geschlossenen, autonomen Ort, in dem der Blickwinkel des Rezipienten - einer Guckkastenbühne vergleichbar - fixen Determinanten unterliegt. Fogarasi, seit seines Architekturstudiums stets an der Inszenierung von Architektur und Räumen interessiert, eröffnet dem Betrachter durch einen einfachen architektonischen Gestus ein dem gewohnten räumlichen Bezugssystem zuwiderlaufendes Wahrnehmungserlebnis.

Inwiefern sich Architektur oder öffentlicher Raum nicht nur als Ort konkreter Alltagserfahrung, sondern auch in Abhängigkeit von politischen, sozialen, ökonomischen oder kulturellen Kontexten konstruiert, untersucht Fogarasi in den ausgestellten Videoarbeiten. In langsamen Kamerafahrten, behutsamen Zooms und präzise eingesetzten Stills "tastet" er die architektonischen Oberflächen einer Reihe von Kultur- und Bildungshäusern in Budapest ab.

Theatersaal, Kino, Tanzstudio oder Kursräume: sie alle wirken bisweilen wie bühnenhaft inszenierte Konstruktionen von Wirklichkeit und nicht wie genuine Zeugnisse einstiger oder gegenwärtiger Realitäten. Tatsächlich handelt es sich um vergessene Institutionen, die offizielle Kultur hat sich aus ihnen verabschiedet, dafür werden sie von einer Vielzahl verschiedener Gruppen zur Programmgestaltung genutzt - Kindertheater, Männergesangsverein, Fotoklub, Sprachkurse oder Seniorengruppen. Ihre meist über lange Zeit unveränderte Architektur dokumentiert Fogarasi ebenso wie die Spuren ihrer Benützung. Lampions auf einem Kinderfest, Requisiten auf einer Bühne oder der urbane Kontext werden mit immer wieder in Zwischentiteln aufblitzenden Narrativen gepaart. Stets steht dabei ein analytisch- forschender, niemals ein wertender oder gar bloßstellender Blick auf soziale und architektonische Räume im Vordergrund.

Auf der Tradition von Arbeiterklubs des 19. Jahrhunderts basierend wurden im sozialistischen Budapest ab den 50er Jahren im gesamten Stadtgebiet Kultur- und Freizeiteinrichtungen errichtet, die der gezielten Bildung und Zerstreuung der arbeitenden Massen dienten. Innerhalb der vom politischen System festgelegten, beengten Strukturen konnte sich in den folgenden Jahrzehnten an einigen dieser Orten jedoch auch eine lebendige Underground Kulturszene entwickeln, die sich der staatlichen Kontrolle immer wieder entzog.

Mit dem Fall des eisernen Vorhangs, der Öffnung des Ostens und den darauf folgenden politischen Umwälzungen änderten sich auch die Vorzeichen dieser staatlich geförderten Institutionen. Viele mussten ihren Betrieb einstellen oder ihre Räumlichkeiten wurden neuen Nutzungen zugeführt während andere heute um zahlende Besucher und öffentliche Subventionen kämpfen.

Was Fogarasi am Beispiel Budapests vorführt kann stellvertretend für eine europäische Stadtentwicklung und deren kultureller Repräsentation gelten. Längst wurden die Innenstadtzonen europäischer Großstädte in von ökonomischen Gesichtspunkten geleitete massentourismustaugliche Erlebniszentren transformiert. In gleicher Weise kam es im Ausstellungswesen gleichsam zu einer Eingrenzung kultureller Vielfalt auf einige wenige vom Kulturtourismus gehypte Namen, deren Werk weltweit und massentauglich geglättet dem eventhungrigen Besucher präsentiert wird.

Fogarasi plädiert in seinen Arbeiten für einen kritischen Diskurs über diese Entwicklungen, indem er über die marktökonomische Abhängigkeit und Funktionalisierung von kultureller Produktion reflektiert. So fragt Fogarasi: "Welche Räume für Kultur fordern wir, wie repräsentieren sich diese, und welche Kultur meinen wir eigentlich?" Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen, ein zweiter Ausstellungsort wird kurzfristig bekanntgegeben.

Text / Kuratorin: Fiona Liewehr

Press Release as pdf-Datei 16 KB

Finissage und Buchpräsentation am Samstag, 13. Jänner 2006 11.00-16.00 Uhr

Das Künstlerbuch "A ist der Name für ein Modell – étrangement proche" ist soeben im Revolver Verlag erschienen.
Anhand des Kleinstaates Andorra widmet sich Fogarasi in dem kleinen Band den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Repräsentation staatlicher Macht und fragt nach den Bildern, die nationale und regionale Identität vermitteln und damit auch immer Ein- und Ausschlüsse vornehmen.

Der Titel des Buches bezieht sich im ersten Teil auf eine Vorbemerkung Max Frischs zu seinem Stück "Andorra", das ein imaginäres Land zum Schauplatz von Nationalismus und Antisemitismus macht; "Befremdlich nahe" lautet der aktuelle Werbeslogan des katalanischen Kleinstaates, in dem aufgrund weitgehender Steuerfreiheit der Einkaufstourismus boomt.

Das Tourismuslogo von Andorra, ein über viele Seiten fragmentiertes Tortendiagramm mit dessen Bevölkerungszusammensetzung, ein Foto von der Zürcher Uraufführung von Frischs "Andorra", der Forderungskatalog der Anti-Rassismus-Kampagne "Wiener Wahlpartie" und Bilder einer nächtlichen Autofahrt durch die Pyrenäen sind einige der Elemente in Fogarasis Buch, das auch einen Text von Richard Brem über den Propaganda-Pionier Hans Domizlaff enthält, der mit seinem 1932 erschienenen Buch "Propagandamittel der Staatsidee" als einer der ersten den Staat dazu aufforderte, von der Privatwirtschaft zu lernen und damit die Grundlage für die gegenwärtigen Branding-Bemühungen öffentlicher Verwaltungen legte.

Andreas Fogarasi ist anwesend.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

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