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Einzelausstellung: Ernst Ludwig Kirchner - 90 Zeichnungen für 90 Jahre (vorbei)

30 Juni 2001 bis 8 September 2001
  Ernst Ludwig Kirchner - 90 Zeichnungen für 90 Jahre
Strassenszene, 1914, Bleistift
 
  Galerie Henze & Ketterer

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstr. 26
3114 Wichtrach/Bern
Schweiz (Stadtplan)

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tel +41-(0)31-7 81 06 01
www.henze-ketterer.ch


Reich bebilderter Katalog auf Anfrage

Neunzig Jahre sind wenig, wenn der glückliche Jubilar feststellt, wie rasch diese vergangen sind. Neunzig Jahre sind aber sehr viel, wenn man bedenkt, dass dieser Zeitraum seit Christi Geburt lediglich zweiundzwanzig Mal verstrichen ist, und wenn man sich vergegenwärtigt, was in der einen Zeitraumeinheit alles geschehen ist, nämlich von 1911 bis 2001, und noch viel mehr in den lediglich zweiundzwanzig Einheiten der beiden zurückliegenden Jahrtausende, welche Höhen und Tiefen, welche überraschenden und völlig unvorhersehbaren Entwicklungen!
Als Roman Norbert Ketterer 1960 eine Titelgeschichte im deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" gewidmet wurde, schien es, als habe der Neunundvierzigjährige den Höhepunkt seines beruflichen Lebensweges erreicht. Es sollten jedoch noch deren mehrere folgen, für welche die Ursachen bereits in der Vergangenheit angelegt waren.
1946 gründete der immer Kunst- und Musik-begeisterte Leiter einer Eislinger Firma für Spezialöle in Stuttgart sein Stuttgarter Kunstkabinett. Das grosse Erlebnis dieser Jahre war die Begegnung mit der zuvor in Deutschland für seine Generation unbekannten, weil „entarteten" Kunst und das Erkennen, dass die Auktion sein Medium war, mit welchem er die Museumsleute und Sammler in spannender Inszenierung faszinieren konnte um die verachtete, verkannte und in deutschen öffentlichen Sammlungen nicht mehr vorhandene Kunst der Moderne zu neuer Wert-Schätzung zu führen. Und alle, alle kamen, nicht nur die Kenner, Sammler, Kritiker und Museumsleute, auch die Grossen und Reichen wie David Rockefeller, Stavros Niarchos oder Heinrich von Thyssen-Bornemisza, die durch den Jubilar erst zu Sammlern der Moderne wurden.
Mit seinen sich von 1947 bis 1962 von Mal zu Mal in Angebot, Inszenierung und Katalog-Aufwand steigernden 37 Auktionen hatte Roman Norbert Ketterer die Rückführung der Moderne in die Museen und Sammlungen Mitteleuropas sowie ihre volle Rehabilitierung erreicht, eine aussergewöhnliche Leistung, für welche er später höchste Auszeichnungen der Bundesrepublik Deutschland erhielt. Dieses für die Museums- und Sammlungslandschaft wie für die Kunst so bedeutende Ziel erreichte der Jubilar mit dem Mittel seiner sehr persönlichen Form der Auktion, welche dementsprechend auch ein gewaltiger wirtschaftlicher Erfolg wurden. 1961 z. B. erzielte eine Auktion ca. 7 Millionen DM Umsatz, was einer heutigen Kaufkraft von ca. 27 Millionen entspräche. Wenn jedoch dieselben Kunstwerke heute versteigert würden und der Jubilar wie damals dazu Nelken vergäbe, wäre der mögliche Umsatz kaum noch zu errechnen.
Zur Seite stand ihm - vor allem in seinem früheren Hauptberuf als Betriebsleiter der Firma Südöl - seine Frau Thea Ketterer. Seine 1940 geborene Tochter Ingeborg und sein 1949 geborener Sohn Günther durften dann schon bei den Auktionen helfen während der an Begegnungen und Fachgesprächen so reichen Vorbesichtigungen oder sie durften Kunstwerke während der Auktion vorführen, vor allem aber die so begehrten weissen Nelken verteilen, die als Siegespreis im Falle sehr hoher Ergebnisse dem Käufer im Saal gebracht wurden. Da er selbst während seiner Auktionen ebenfalls immer eine weisse Nelke im Knopfloch trug, hiess der Jubilar schiesslich „Der Mann mit der weissen Nelke".
Zur Seite standen ihm im Stuttgarter Kunstkabinett eine Reihe hervorragender Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, über welche Roman Norbert Ketterer in seinen Lebenserinnerungen „Dialoge" 1988 und „Legenden am Auktionspult" 1999 berichtet. Auch diese Erinnerungen sind Sonderformen der Autobiographie: Die erste eine distanziertere in Form von Dialogen, welche er mit ehemaligen Mitarbeitern, Freunden, Sammlern, Museumsleuten und Künstlern führte, die zweite eine höchst persönliche und intime ganz subjektiv 1998 in seiner Luganeser Wohnung am Esstisch von Hand ohne weitere Hilfe auf 8 Schreibblöcke geschrieben - im Alter von 87 Jahren.
Unter den Mitarbeitern sind vor allem jene zu nennen, welche das Know-how des Stuttgarter Kunstkabinettes weitertrugen. Als erster der Bruder Wolfgang Ketterer ab 1948, der sich 1953 zunächst in Stuttgart als Kunsthändler selbständig machte und 1966 nach München in die Villa Stuck ging, wo er seit 1968 Kunstauktionen veranstaltete, später im Karolinenpalais an der Brienner Strasse. Heute leitet dessen Sohn Robert die Ketterer-Kunst in München, Hamburg und Berlin. Dann der kenntnisreiche Wilhelm F. Arntz, der später im Kunsthaus Lempertz in Köln die immer erfolgreichere Abteilung der Moderne aufbaute. Sein berühmtes Kunstarchiv befindet sich heute im Getty-Center in Los Angeles. Dann der engagierte und temperamentvolle Ewald Rathke, später Leiter des Kunstvereines in Frankfurt und anschliessend dort selbständiger Kunsthändler und -berater.
1962 war das Ziel der Neuverteilung der Moderne (heute: Klassische Moderne) und ihrer neuen Wert-Schätzung erreicht. Das ausschliesslich diesem Ziel gewidmete Stuttgarter Kunstkabinett konnte seine Leistungen nicht mehr steigern. Der Höhepunkt war erreicht, jenseits dessen nur ein Weniger zu erwarten war. Hinzu trat eine persönlich bedingte Situation, in welcher die Steuern im damaligen Deutschland die für Reinvestitionen notwendigen Gewinne unerträglich reduzierten. Privat ergab sich eine bedauerte aber unvermeidbare Auflösung seiner Ehe. Es gab nur Eines: Auf zu neuen Ufern.
Nicht immer gelingt solches im ersten Anlauf: Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Mailänder Auktionshaus Finarte war nach einer ersten gemeinsamen Auktion im Herbst 1962 nicht mehr möglich. Ein zuvor erworbenes Ferienhaus im Tessin, wo aber keine Arbeitserlaubnis zu bekommen war, wies dennoch den Weg: Campione d´Italia, damals ein freundliches und fast noch verschlafenes Fischerdörfchen am Luganer See, eine Exklave, italienisches Hoheits- jedoch Schweizer Wirtschaftsgebiet.
Grundlage für den in Campione von Roman Norbert Ketterer aufgebauten Kunsthandel waren die grossen Erfahrungen und weltweiten Verbindungen, welche sich aus der Stuttgarter Tätigkeit ergaben, sowie einige - durchaus erarbeitete aber dennoch - Glücksfälle. Da war einmal die grosse Sammlung Expressionistischer Kunst, die 1960-61 in den Museen von Bremen, Hannover, Köln und Zürich gezeigt wurde. Dann war Roman Norbert Ketterer seit 1954 Verwalter des Nachlasses von Ernst Ludwig Kirchner, einem der bedeutendsten und grössten zusammenhängenden Künstler-Nachlässe der Kunstgeschichte überhaupt. Auch in Campione gelang es ihm, einen treuen wenn auch kleinen Mitarbeiterstab aufzubauen, allen voran die aus Stuttgart Mitgekommenen, der kunsthistorische Berater der letzten Jahre in Stuttgart, der 1975 früh verstorbene Wenzel Nachbaur, und ganz besonders seine spätere zweite Frau Rosemarie Liebert, seit 1951 für die Organisation und die Buchhaltung im Stuttgarter Kunstkabinett verantwortlich.
Die Galerie lag unten am See mehr im Ortsinneren, das Wohnhaus am Ortseingang hoch oben am Hang im Blumenmeer eines grossen Gartens, welchen Roman Norbert Ketterer an jedem Montag mit einer Equipe von fünf Gärtnern selbst pflegte. Dort entstanden von 1963 bis 1985 dreiundzwanzig Angebotskataloge zur Modernen Kunst und zu einzelnen Künstlern, hochkarätig in Angebot und Präsentation. Ab 1970 erweiterten seine Tochter Ingeborg und sein Schwiegersohn Wolfgang Henze das Angebot aus Campione in einer selbständigen Galerie, jedoch im gleichen Hause. Ende der 70er Jahre ergaben sich mehr und mehr Gebiete der Zusammenarbeit, so bei den Publikationen zu Kirchner, der Verwaltung von dessen Urheberrechten, Organsation seiner Museumsausstellungen und schliesslich im Laufe der 80er Jahre bei Gestaltung und Bau des Kirchner Museums in Davos.
Um dieses bemühte sich auch mehr und mehr der Sohn Günther, Treuhänder und Betriebsberater in Bern, sowie dessen Frau Carola Ertle Ketterer. Da inzwischen die Enkeltöchter Alexandra und Cornelia Henze sowie Carina und Angela Ketterer heranwuchsen, wurden 1993 in Wichtrach bei Bern in einem grösseren Galeriegebäude die Tätigkeiten beider Campioneser Galerien sowie das beraterische Know-how der Firma von Günther und Carola Ketterer in der Galerie Henze & Ketterer vereint, um die Tätigkeiten von Roman Norbert Ketterer ständig neu belebt fortzusetzen. Dieser hatte sich mit seiner Frau Rosemarie 1989 nach Lugano privat zurückgezogen, was seine Initiativen jedoch in keinster Weise bremsen sollte.
Sein Hauptanliegen wurde inzwischen das Kirchner Museum in Davos. Die Struktur des Nachlasses legte es nahe, einen Teil desselben in die Obhut eines Museums zur Aufbewahrung, Aufarbeitung und Präsentation zu geben, vor allem die ca. 160 erhaltenen Skizzenbücher mit fast 10.000 Zeichnungen. Geeignet waren durchaus einige Standorte, jedoch ein eigenes Kirchner Museum schien das Erstrebenswerteste, wünschte sich Kirchner selbst doch schon ein solches, als er 1916 schwer erkrankte. Der Freund und Sammler Botho Graef berichtete am 17. Dezember 1916 im Anschluss an eine Unterhaltung mit Kirchner in Berlin an Gustav Schiefler in Hamburg: „Ein Kirchnermuseum, wo die wichtigsten Sachen zusammen sind, würde am meisten seinen Wünschen entsprechen. Vielleicht lässt es sich, wenn auch in bescheidensten Grenzen, später ins Werk setzen."
1980 organisierte der Direktor von Davos Tourismus, Bruno Gerber, eine stilvolle Feier zum 100. Geburtstag von Ernst Ludwig Kirchner in Davos. 1981 schenkte Roman Norbert Ketterer zu seinem 70. Geburtstag der Gemeinde Davos ein bedeutendes spätes und direkt auf Davos bezogenes Gemälde: „500 Jahrfeier des Zehngerichtebundes in Davos". Während des anschliessenden gemeinsamen Abendessens im Davoser Hotel Pöstli wurde spontan beschlossen, einen Kirchner-Verein zwecks Gründung eines Kirchner Museums ins Leben zu rufen. An der Gründungsversammlung im Januar 1982 nahmen bereits 220 Personen teil. Diese grosse Akzeptanz des Projektes Kirchner Museum, besonders auch in der Bevölkerung von Davos, erklärt sich vor allem aus den höchst verdienstvollen Vorarbeiten für ein solches durch Eberhard W. Kornfeld aus Bern. Er hatte bereits früh das „Haus auf dem Wildboden" erworben, in dem Kirchner von 1923 bis 1938 lebte und arbeitete, hatte es renoviert und dort seine bedeutende Kirchner-Sammlung während der Sommermonate der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, also die Urzelle des Kirchner-Museums geschaffen. Kornfeld war es auch, der die Geschicke des 1982 im alten Postgebäude in Davos Platz eröffneten Kirchner Museums für zehn Jahre in die Hand nahm und es trotz seiner geringen Ausmasse zu beträchtlichem Erfolg führte.
Weder die Wünsche Kirchners noch die sich aus der Struktur des Nachlasses ergebenden Notwendigkeiten konnten dort aber voll berücksichtigt werden. Daher erbot sich Roman Norbert Ketterer, ca. 500 Werke Kirchners und die 160 Skizzenbücher aus der Nachlass-Stiftung dem Kirchner Museum Davos als Grundstock einer eigenen grossen Kirchner-Sammlung zu schenken unter der Voraussetzung, dass ein geeigneter Neubau geschaffen würde. Als im Verlauf von dessen Realisierung dann aber Zweifel aufkamen, ob die Gemeinde Davos in einer Volksabstimmung der Finanzierung dieses Neubaus zustimmen würde, entschlossen sich Rosemarie und Roman Norbert Ketterer, auch den Bau durch die Nachlass-Stiftung zu finanzieren, um das Projekt nicht zu gefährden.
Das Kirchner Museum Davos erwies sich für viele als Glücksfall: Für Kirchner und seine Kunst, weil sie ein professionell geführtes und übernational anerkanntes Museum erhielt unter den bisherigen Leitungen der Kuratoren Gabriele Lohberg und Roland Scotti, der Betriebsleiterin Elsbeth Gerber, dem Kirchner-Vereinspräsidenten Bruno Gerber und der tätigen Mithilfe vieler, vor allem Rosemarie und Roman Norbert Ketterer, Eberhard W. Kornfeld sowie Carola und Günther Ketterer, Ingeborg und Wolfgang Henze-Ketterer und den zahlreichen engagierten Mitarbeiterinnen, den sog. „Kirchner-Frauen" (die auch manchmal Männer sind). Glücksfall aber auch für die Architekten, weil Annette Gigon und Mike Guyer im Kirchner Museum ihren ersten grossen Bau realisieren konnten, der inzwischen zahlreiche museale Folgebauten erfuhr. Dies umgekehrt wieder Glücksfall für Davos, weil nicht nur wegen Kirchners Kunst sondern auch wegen der wegweisenden Architektur nach Davos gepilgert wird. Ein weiterer grosser Glücksfall im Leben des Jubilars.
Am 4. September 1992 wurde der Neubau mit einer Sammlung von bereits 519 Werken Kirchners eröffnet, zu denen sogleich ein von Wolfgang Henze verfasster Bestandskatalog vorlag. Aus dem Nachlass stiftete Roman Norbert Ketterer später auch die zahlreich erhaltenen Negative der Fotografien Kirchners, deren nicht rein der Reproduktion gewidmetem Teil Gabriele Lohberg 1994 den Bestandskatalog Band II widmete. 1994 liess Roman Norbert Ketterer eine weitere Schenkung von ca. 700 Werken aus der Nachlass-Stiftung folgen, welche Roland Scotti 2000 im Bestandskatalog Band III publizierte. Das von Gerd Presler 1996 publizierte Verzeichnis der Skizzenbücher Kirchners ist prinzipiell auch ein Bestandskatalog des Kirchner Museums. Zusammen mit wesentlichen Einzel- und Gruppenschenkungen verfügt das Kirchner Museum Davos inzwischen über eine umfangreiche und substantielle Sammlung von Werken Kirchners, seiner Umgebung und Schüler sowie des Expressionismus im Allgemeinen. Das Museum selbst ist also auch ein Glücksfall. Seine hervorragenden Ausstellungen zählen jährlich ca. 30.000 Besucher. Es ist eines der ganz wenigen privatwirtschaftlich geführten Museen, völlig unabhängig von öffentlichen Zuschüssen.
Der Jubilar, der am 6. Februar 2001 sein 90. Lebensjahr vollendete, darf stolz und muss glücklich sein, dass er dies alles bewirken und anregen konnte und dass es ihm vergönnt war, die Ergebnisse und Erfolge noch so lange miterleben zu können. Gespür für das Wesentliche und ein unbeirrbarer Wille machten dies möglich
Mit einem herzlichen Glückwunsch, grossem Dank und Anerkennung, in die wir auch Rosemarie voll einbeziehen, widmen wir dem Jubilar zum 29. Juni 2001, dem Jahrestag der Patrone des Kunsthandels Peter und Paul und 56. Gründungstag des Stuttgarter Kunstkabinettes, in diesem Katalog je eine Zeichnung Kirchners für jedes Lebensjahr, um die hohe Zeichenkunst des Künstlers, der seinen beruflichen Weg weitgehend bestimmte, rein und umfassend zu zeigen.

Ingeborg Henze-Ketterer - Günther Ketterer - Carola Ertle Ketterer - Wolfgang Henze-Ketterer Alexandra Henze - Cornelia Henze - Carina Ketterer - Angela Ketterer.

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