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Einzelausstellung: Jochen Plogsties - Am Brunnen vor dem Tore (vorbei)

28 April 2007 bis 16 Juni 2007
  Jochen Plogsties - Am Brunnen vor dem Tore
Jochen Plogsties: Busstop. 45 x 54 cm, Öl auf Leinwand, 2007
 
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Spinnereistr. 7 (Halle 4)
04179 Leipzig
Deutschland (Stadtplan)

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www.aspngalerie.de


Jochen Plogsties - »Am Brunnen vor dem Tore«

28.04.2007 - 16.06.2007

Eröffnung im Rahmen des Rundgangs auf der Leipziger Baumwollspinnerei

28.04.2007 11 - 21h,
29.04.2007 11 - 18h

Am 28.04. ab 22h Party im "Bimbotown", Spinnereigelände mit SaltPeter, London und cfm, Leipzig

Oliver Kossak über Jochen Plogsties

Elementares Farbrauschen

Jenseits ihrer zwingenden ästhetischen Präsenz, berichten die Bilder von Jochen Plogsties über den komplexen Rekonstruktionsprozess seiner gegenständlichen Auffassung von Malerei.

Plogsties ent-deckt diese Problemstellung wiederholt als frische inhaltliche Herausforderung sowie Möglichkeit ästhetischer Umwertung. Gelenkt von der Idee des Bildes als autonomes – und einmaliges – Phänomen, führt er diese Belange auf eine Ebene der Elementarkämpfe und bildtektonischen Mächten vorwärts (Bild) zurück (Natur) mit der Farbe als seinen, wie er meint "obersten Regenten". Plogsties malt mehr oder weniger von menschlichen Figuren besiedelte Landschaften in gleißendem Licht, undurchdringbarer Finsternis, das Rauschen des Windes (trüber Windvorhang) und das Krachen der Brandung, über unmessbaren Ebenen aus Staub, Sand und zivilisatorischem Getrümmer.

Plogsties' Bilder wachsen wie lebende Organismen über längere Zeit – und sie ernähren sich von unterschiedlichen Bildquellen wie Postkarten, Fotos, Modezeitschriften, Kunstkatalogen und lapidarem Material aus Fernsehen und Werbung. Das Ergebnis seiner Streifzüge mit dem Schleppnetz durch die Sümpfe und Lawinen des visuellen Gedächtnisses der Menschheit sind metaphorische Verdichtungen genau jener Wanderungen. Dieser gedankliche sowie emotionale Prozess schlägt sich oft als Bildmotiv unmittelbar nieder: Die zuerst banal erscheinende Darstellung eines Schutthaufens entfaltet sich bei näherer Betrachtung zum Sinnbild zeitgenössischer Bildproduktion und deren gleichzeitiger Verwertung. Das Geschehen findet im trüben Schattenreich entlang des Abgrundes (oder des Flusses Styx?) statt, das bleierne Himmelsfeld stellenweise durchbrochen von luminösen Farbrissen in so etwas wie einem "International Klein Blue" Ultramarinblau.

In diesem zugleich humiden als auch spröden Klima verrichten Schimären ihr mysteriöses Treiben. Sie scheinen gekommen um den Müllhaufen zu deponieren, zu durchwühlen und ihn auf die andere Seite des Stromes zu transportieren. Im ganz vorderen Bildfeld (als wolle er sich zum Betrachter gesellen) beobachtet Picassos Harlequin – gläsern, obdachlos, der Welt soeben entrückt – nachdenklich diesen fantastischen Transfer. Das Bild wird durchschnitten von einer gakeligen Wimpelfahne, die außerhalb des Bildes – im Raum des Betrachters – verankert sein könnte, möglicherweise als Erinnerung an dessen durchaus labilen Standpunkt. Und als Verweis auf die gerade stattfindende Übersetzung der Welt zum eigentlichen Ort des Geschehens – jenem der neuen, immerwährenden Gegenwart des Bildes. In einem anderen Gemälde schimmert Dadamax Ernsts Heilige Jungfrau, das Jesuskind züchtigend – diesmal ohne Zeugen – vor einer Garage, einem Einkaufszentrum oder Bunker durch das fahle Licht. Wohnen wir hier dem Zauber kaum spürbarer Verrückungen bei?

In flimmernden, "diesseitigen" Halluzinationen liefert Jochen Plogsties eindringliche Bilder der Grenzen der Menschheit, sowie der Suche des Malers: eine schattenhafte Figur torkelt durstend durch die leblose Weite der endlosen Wüste, als hätte sie sich weit abseits des Spielfeldes der Welt tragisch verirrt. Mit den letzten Lebenskräften scheint sie das Ziel noch erreichen zu wollen – eine spiegelnde Mirage in der näheren Entfernung, womöglich von Ming Peis Glaspyramide vor dem Louvre. Das gesamte Geschehen droht jeden Augenblick vom zähflüssigen Ölfirmament gänzlich verschluckt zu werden, als halte das Bild die eigene Selbstwerdung greifbar als prekäres Motiv fest.

Andere Leinwände Plogsties, durchaus heroisch in Ausmaß und Geste, zeugen selbstbewusst von der anfälligen Natur genau dieser Illusion. Ramponiert, zerfallen oder umgekippt bleiben Fassaden utopischer Bauten als bloße Kulissen ihres ursprünglichen Machtausdruckes papierdünn stehen – anfällig, porös, endlich. Das Arena antiker Schlachten wird neuerdings aufgesucht von Miniaturbataillonen catwalk-rünstiger Topmodells unter dem Kampfschrei einer Heidi Klum im globalen Ringen um das ultimative Medium und dessen schönsten VertreterInnen auf Erden. Als ironiebegabter Beobachter dieser zwangsläufig zum Durchdrehen und Überdruss vorprogrammierten Maschinerie des visuellen Outputs sucht Plogsties die Integrität des Malaktes auf, um so immer wieder neu inhaltliche und ästhetische Fragen zu stellen, nicht moralische Antworten zu geben. Plogsties Werke laden sich auf im Wechselspiel zwischen dem intuitiven Experiment mit den elementaren Eigenschaften der Farbe und der Projektion kalkuliert ambivalenten Motive und Zitate aus der Menschheitsgeschichte.
Oliver Kossack

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