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Gruppenausstellung: SÜSSER VOGEL JUGEND (vorbei)

2 Juli 2007 bis 31 August 2007
  SÜSSER VOGEL JUGEND
Paul P, Untitled, 2007, graphite on paper, 35,7 x 27,9 cm / 14.06 x 10.98 inch, PAUL0001
 
  ARNDT

ARNDT
Potsdamer Straße 96
10785 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)30 - 20 61 38 70
www.arndtberlin.com


Zur Ausstellungseröffnung am Samstag, den 30. Juni 2007 von 18:00 bis 22:00 Uhr möchten wir Sie herzlich einladen.

Text zur Ausstellung von JON SAVAGE

SÜSSER VOGEL JUGEND


Die Jugend ist zugleich vergänglich und ewig. Wie in der Metapher des süßen Vogels im Titel von Tennessee Williams berühmtem Stück verkörpert sie den Freiheitsdrang des Menschen, die Sehnsucht danach, fliegen zu können. Im Englischen oszilliert das Wort flight zwischen zwei unterschiedlichen Bedeutungen: Einerseits steht es für die Bewegung durch die Lüfte, andererseits für die Flucht, das Weglaufen vor einer Gefahr oder den Ausbruch aus einer aussichtslosen Lage. Die Rückwendung zu den Grenzerfahrungen der Pubertät, zu jenem völlig neuen Blick auf die Welt, in dem noch alles möglich erscheint, ist in der westlichen Popkultur zu einer riesigen Industrie geworden.

Die Jugend ist vergänglich, weil sie als Phase der körperlichen Entwicklung nur von kurzer Dauer ist - auf jene Spanne beschränkt, die der Ausdruck Blüte der Jugend bezeichnet. Seit G. Stanley Halls umfassendem Schlüsselwerk Adolescence von 1904, in dem er als erster die Pubertät als eigenen Lebensabschnitt betrachtete, bezeichnet der Begriff Jugend die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen - eine Definition, die sich die ersten Jugendmarketing-Konzepte in den 40er und 50er Jahren zu eigen machten, als sie den Teenager erfanden.

Doch ebenso sehr, wie die Jugend eine Konsumenten-Zielgruppe ist, steht sie für einen Scheideweg: zwischen der Vergangenheit, oder vielmehr den Weltanschauungen der Eltern, von denen sie sich lösen einerseits, und der Zukunft andererseits - der Welt, deren Erbe sie eines Tages antreten und die sie einmal selber gestalten müssen. Aber Jugendliche erleben nicht nur einen komplexen Entwicklungsprozess mit mancherlei Schwierigkeiten, sie stehen in dieser Phase der Ablösung von der Familie auch vor wichtigen Weichenstellungen für das ganze Leben - etwa, was den Umgang mit Freundschaft, Rauschmitteln, Sexualität, Arbeit angeht. Und sie müssen beginnen, ihren Entscheidungen Taten folgen zu lassen.

Eine Zuflucht vor all diesen Wachstumsschmerzen - zudem eine, die dem gewaltigen physiologischen Umbruch in der Pubertät entspricht - ist die Haltung, vollkommen in der Gegenwart zu leben. Diese Intensität war ein Markenzeichen der Nachkriegs-Popkultur. Ein größerer Gegensatz zum Konzept der aufgeschobenen Erfüllung in der Religion ist kaum vorstellbar - daher die verbreitete Feindseligkeit zwischen beiden Konzepten. Fundamentalisten aller Couleur hassen die Freiheiten, für die die Popkultur steht, weil sie sie nicht kontrollieren können.

Anstelle des Lebens nach dem Tod verherrlicht die jugendliche Intensität das Leben im Hier und Jetzt: Die völlige Konzentration auf den Augenblick lässt ihn ewig erscheinen. Diese Einheit ist natürlich vergänglich. Aber das hindert Erwachsene nicht daran, ihr Leben lang zu versuchen, zu dieser Haltung zurückzukehren. Ein Weg, auf dem das versucht - und erreicht - wird, ist die Musik: Die Popkultur der Nachkriegszeit war so stark auf die Bewahrung der jugendlichen Intensität ausgerichtet, dass sie wie auf Knopfdruck die Erinnerung daran heraufbeschwören kann, wie es war, 13, 14 oder 15 zu sein.

Ein anderes Konzept der Perpetuierung von Jugend ist der Kult um die jung Gestorbenen. Zwar kennt man diesen Topos schon aus der klassischen Mythologie, aber erst die Romantiker adaptierten ihn für das industrielle Zeitalter, durch literarische Figuren wie den jungen Werther oder reale Helden wie den Fälscher und Dichter Thomas Chatterton, der sich im Alter von 18 Jahren das Leben nahm und seinerseits bei Samuel Coleridge und William Wordsworth zum Vorbild literarischer Charaktere wurde.

Im 20. Jahrhundert wurde dieser Kult ein zentraler Bestandteil der Konzeptualisierung von Adoleszenz. Von den jugendlichen Gefallenen des Ersten Weltkriegs - in Großbritannien mit dem Namen des Schriftstellers Rupert Brooke verbunden, in Deutschland mit Walter Flex, dem Autor von Der Wanderer zwischen beiden Welten - bis zu Rudolph Valentino, dem gefeierten Filmstar der 20er Jahre, dessen Tod im August 1926 in den Straßen von Manhattan eine der ersten Massenhysterien unter Fans nach sich zog, wurden todgeweihte Jugendliche die Idole der neuen Ära.

Too Fast To Live, Too Young To Die: Dieses Syndrom setzte sich bis in die moderne Zeit fort mit Figuren wie James Dean - mit dessen Tod im Jahr 1955 die Massenvermarktung von Jugendkultur einsetzte -, Jimi Hendrix, Brian Jones, Kurt Cobain, Tupac Shakur und all den anderen. Ihre Konterfeis schmücken die Wände von Jugendzimmern und machen sie zu Schreinen dieser säkularen Religion und ihrer Gottheiten - so wird jugendliche Morbidität haltbar gemacht für die Ewigkeit: Diese Götter werden niemals altern.

Letztlich war Tennessee Williams' Süßer Vogel Jugend das Symbol, das im Verein mit Stanley Halls Adolescence und Lyman Frank Baums Zauberer von Oz das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert der Jugend ausgerufen hat. Peter Pan muss niemals erwachsen werden und ist - im Flug zwischen den Welten - durch irdische Beschränkungen nicht gebunden. Wie die Figur des Rattenfängers ist er beides: verführerisch und zerstörerisch. Und genau wie viele Heranwachsende denkt er nur an sich selbst.

Am Ende von J. M. Barries Bühnenstück steht Peter draußen vor dem Fenster und sieht drinnen die glückliche Familie der Darlings: „Und wenn er auch unzählige Freuden erlebt hat, die andere Kinder niemals kennen lernen - diese eine Freude, an der er nur als Zaungast teil hat, wird ihm für immer verschlossen bleiben." Das ist das Schicksal eines Menschen, der die Jugend niemals hinter sich lässt: Wie Oscar Wildes Dorian Gray ist er oder sie dazu verurteilt, mit dem Schatten hinter der Botox-Fassade zu leben.

Das Problem liegt ganz einfach darin, dass ewige Jugend nicht lebensfähig ist. Sie ist unvereinbar mit den Bedingungen menschlicher Existenz. Das ist das Dilemma, dem sich Chance in Tennessee Williams' Stück gegenüber sieht, und mit ihm viele Produzenten und Konsumenten von Popkultur. Heute, da die Jugend von einem Übergangsstadium der persönlichen Entwicklung zum Hauptmotor des westlichen Konsumentenkapitalismus geworden ist, wird es höchste Zeit, den Blick auf die psychischen und ökologischen Folgen dieser Überhöhung zu richten. Denn ewige Jugend ist im gleichen Maße ein Fluch wie ein Ideal.

SÜSSER VOGEL JUGEND - Presseerklärung als pdf-Datei 471 KB

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