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DAS IST KUNST, KEINE BLOßE JOURNALISTISCHE ARBEIT




Ronald Jones, Ort der Festnahme, South Side, Chicago, Illinois; Taryn Simon, courtesy the artist and Gagosian Gallery


Bitte, gehen Sie in diese Ausstellung ohne Vorkenntnisse. Sie brauchen nicht viel zu wissen, nur den Künstlernamen, wenn Sie die Entrittskarte kaufen und das erste Zimmer rechts betreten wollen. Vergessen Sie die Bildunterschift, sparen Sie sich das für später auf. Öffnen Sie die Augen. Es gibt so viel, das angesehen und erfahren werden kann.
Taryn Simon präsentiert 18 großformatige Fotos, nur Portraits. Was Sie zuerst beeindrucken wird, ist die Farbskala: warme und extrem satte Farbtöne. Und dann gibt es die komplexe, kaum banale Bildkomposition. Die Erfassung des ganzen Bildinhaltes nimmt einige Zeit in Anspruch. Die Tiefenschärfe kommt noch dazu. Auf den Fotos ist fast alles scharf, sogar die kleinen Details, die im Bild eine wichtige Rolle spielen. Das Verhältnis zwischen der fotografierten Person und dem Ort ist im Kontext besonders speziell, und gerade das evoziert unterschiedliche Gefühle bei den Zuschauern. Alles wirkt so unangehnem, aber man versteht nicht wirklich warum. Im Grunde genommen hat die Künstlerin bloß gemeine Menschen aus Amerika und normale Orte von Amerika fotografiert. Man hat den Eindruck, alles bereits tausende Male in amerikanischen Filmen gesehen zu haben. Das Unangehneme der Bilder besteht nicht in der Mangelhaftigkeit oder in der Isoliertheit, die sie spüren lassen. Die von den Zuschauern empfundene Spannung kommt viel mehr aus der Nebeneinanderstellung der Menschen und der Orte. Irgendwie wirkt alles unnatürlich und beunruhigend. Die ausgewählten Orte wirken aufgrund ihrer Farbe aggressiv und in ihrer Ruhe extrem gegenwärtig. Es scheint, dass dort die Menschen auf den Fotos sich nicht wohl fühlen; alle haben einen starren Blick, einige schauen in die Kamera hinein und zeigen ihr Unbehagen.





Timothy Durham, Tontauben schießen, Tulsa Oklahoma; Taryn Simon, courtesy the artist and Gagosian Gallery


In einem Katalog vom Museum of Modern Art in New York schrieb Peter Galassi über einen anderen Künstler, Philip-Lorca diCorcia ´[...] diCorcias Bilder sind festgehaltene Momente sich entfaltender Erzählungen - nur das Ende der Geschichte kann das Fragment erklären, das wir sehen. Solange diCorcia nur Fragmente liefert, müssen wir selber die Geschichte vervollständigen, indem wir seine Bilder mit unseren Erfahrungen und unseren Träumen ausfüllen.` Der Vergleich zwischen Simon und diCorcia scheint unvermeidlich zu sein. Offensichtlich arbeitet Taryn Simon mit ähnlichen Techniken und erreicht ähnliche Ergebnisse. Und dies bestätigt ihre Methode und ihre künstlerischen Fähigkeiten, die allzu oft in ihren aktuellen Werken, aufgrund der fast unerträglichen Schwerfälligkeit der von ihr erzählten Geschichte, in den Schatten rücken. Im Unterschied zu diCorcia will Simon uns wahre Geschichten erzählen, aber wie bei diCorcia sind sie doch Kunstwerke.
Je mehr Simon mit den Empfindungen der Zuschauer spielt und dadurch deren Gefühle erschüttert, desto mehr werden sie von der Schönheit der Bilder gefangen. Erst jetzt sollte man alles lesen, was über diese hervorragende Ausstellung zu finden ist. Sie heißt "The Innocents" und zeigt Bilder von 44 unschuldigen Männern und einer unschuldigen Frau. Es handelt sich um Menschen, die jahrelange Gefängnisstrafen für Verbrechen verbüssten, die sie nicht begangen haben. Viele von ihnen wurden am Ort des Verbrechens, das sie nicht ausgeführt hatten, porträtiert. Andere, unfähig am Tatort zu sein, haben es bevorzugt, sich an dem Ort fotografieren zu lassen, an dem sie verwechselt und festgenommen wurden. Diese Individuen sind jetzt dank dem "Innocence Project" freie Menschen. Die Initiative wurde von zwei Rechtsanwälten, Peter Neufeld und Barry Scheck, in New York gegründet. Sie verwenden den DNA-Test, um Menschen zu befreien, die irrtürmlicherweise im Gefängnis sitzen. Das Projekt unterstützt nun auch Simons Wanderausstellung.
Durch Fotos mit einer Bildauflösung, die den Zuschauern mehr verrät als sie mit bloßen Augen sehen können, entlarvt Taryn Simon, dass das Strafrecht oft unfähig ist, die Grenze von Fotografien als Beweisstücke zu erkennen. Sie zeigt, wie die Fotografie im Stande ist, den schmalen Grad zwischen Wahrheit und Fiktion zu verwischen.

Taryn Simon -The Innocents- von 28. September 2003 bis 18. Januar 2004. Kunst-Werke Berlin e.V., Berlin (Germany)

www.kw-berlin.de
www.gagosian.com
www.artkrush.com/featuredartist/tarynsimon/
www.innocenceproject.com

Text: M. Cecchinato
E-mail: micaela@artfacts.net
Übersetzung: Viviana Chilese
e-mail: viviana@artfacts.net
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