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Venedig und die zeitgenössische Kunst: gibt es ein Leben nach der Biennale?

Kein Zweifel, die Biennale von Venedig ist eines der etabliertesten Ereignisse des jährlichen Kunstkalenders weltweit. Trotz der Tatsache dass Venedig 50 Mal Gastgeber eines Events vom Format der Biennale war und ist, scheint die Stadt traurigerweise mehr eine illustre Bühne für eine zweijährlich importierte Show zu sein, als ein Zentrum zeitgenössischer Kunst mit einer eigenen florierenden Szene von Produzenten, Galerien oder Clubs. Ein Grund für diese Situation ist sicher das fehlende Interesse der „locals“ an neuen kulturellen Erscheinungsformen im Allgemeinen. Venedig und seine Region ersticken am eigenen Konservativismus und der sicherlich lukrativen Glorifizierung von Venedigs goldener Vergangenheit. Man spricht vom „campanilismo“, was bedeutet, dass nichts was von ausserhalb kommt, und „außerhalb“ beinhaltet schon andere italienische Regionen, auch nur ansatzweise mit Venedigs kulturellem Erbe konkurrieren kann. Denjenigen die die Stadt ein wenig besser kennen, bzw. wissen wo sie suchen müssen eröffnet sich dennoch eine kleine, engagierte alternative Szene abseits des Tiziankults, die durch ihr Bemühen um neue kulturelle Ausdrucksformen, sowie diesen Formen angemesse Räume, doch auf ihre eigene Art perfekt in die Stadt passt.


La Galleria · Venezia





Dorothea van der Koelen bei der Eröfnung ihrer Galerie in Vendeig, courtesy La Galleria · Venezia


Wahrscheinlich die venezianische Variante des white cube. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man durch eine der typischen dunklen Gassen unweit der erst kürzlich wieder eröffneten Fenice spaziert und plötzlich an den hell erleuchteten Fenstern dieser eleganten, kühlen Galerie vorbeikommt. In den weitläufigen Räumlichkeiten hat die Galeristin Dorothea van der Koelen, die in Mainz zwei weitere erfolgreiche Galerien führt, eine Ecke ganz den Publikationen den von ihr vertretenen Künstlern gewidmet.
Viele der meist aufwendig produzierten Kataloge werden vom hauseigenen Verlag „Chorus“ herausgegeben. Die Kunst bedingte, dass van der Koelen viele Städte der Welt bereiste und kennenlernte. Venedig jedoch schien immer einen besonderen Platz einzunehmen und der Wunsch in dieser Stadt eine Galerie zu eröffnen bestand seit ihrem ersten Besuch. Das ist ihr vor fast drei Jahren gelungen. Auf die Frage wie die Venezianer auf so einen Ort reagieren oder Ihn annehmen sagte sie, dass die fragenden Blicke der Passanten bei dem Versuch die Bedeutung dieses Ortes zu enträtseln schon manchmal amüsant seien. Gestört hat sie das jedoch nie. Heute ist die Galerie etabliert und scheint sich auch in die Venezianische Struktur erfolgreich integriert zu haben.


Spiazzi





Der Grundriss des Spiazzi; gewiss eine 'Lichtung' in Venedigs Stadtraum, courtesy Spazzi

Spiazzi bedeutet Lichtungen, was außerordentlich gut passt zu einem Kunstraum diesen Ausmaßes im dichten Labyrinth von Venedigs Gassen. 250 qm aufgeteilt in 80qm Ausstellungsfläche, eine Bildhauerwerkstatt, ein schwarz weiß Labor sowie eine Werkstatt für Restauration, Reliefarbeiten und andere Formen von Kunsthandwerk. Die Tatsache, dass die Mischung des Eröffnungspublikums im Dezember alles andere als homogen war ist ein Detail, was in jeder anderen Stadt kaum erwähnenswert wäre. Nicht jedoch in Venedig. Und es sagt einiges über die Intention dieser jungen Kulturinstitution, die sich ernsthaft engagiert einen Treffpunkt für Kunstinteresssierte jeglicher Couleur zu etablieren. Das ist jedoch nicht alles.
Die zwölf jungen Gründungsmitglieder von “Spiazzi“, ebenfalls alle mit denkbar unterschiedlichen Hintergründen aber verbunden durch die Liebe zu Kunst und Handwerk, verstehen ihre Räumlichkeiten auch als eine Plattform für jeden, der Kunst in Venedig ausstellen will. Solchermassen motiviert Stellt Spiazzi nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung sondern übernimmt sämtliche organisatorischen Fragen von der Pressearbeit bis hin zur Logistik, was in Venedig manchmal zu einer heiklen Angelegenheit werden kann.
Zu finden ist „Spiazzi“ direkt neben der berühmten „Arsenale“, dem Viertel der Stadt, was während der Biennale überlaufen und den Rest des Jahres praktisch vergessen ist, obwohl es zu den wahrscheinlich lebhaftesten Vierteln der Stadt zählt.


Nuova Icona





Einsicht in die Gallery of Nuova Icona, courtesy Nuova Icona


Ein weiterer ernst zu nehmender Versuch, frische zeitgenössischen Wind nach Venedig zu bringen ist Nuova Icona. Der nichtkommerzielle Kulturverein wurde 1993 gegründet und ist auf zeitgenössische bildende und darstellende Kunst spezialisiert. Der Verein investiert alle seine Ressourcen in die Arbeiten junger Künstler, die an den vom Verein organisierten und kuratiertieren Wanderausstellungen teilnehmen oder eben auch in den Vereinsräumen stattfinden. Der Verein hat zwei Ausstellungslokalitäten, die schon genannten Galerie von Nuova Icona und der schwierig zu bespielende aber faszinierende Oratorio di San Ludovico. Wie auf der informativen Webseite dargestellt ist der Zweck des Vereins die Stadt selbst in künstlerischen Projekten zu verwickeln und deren prächtigen Kunstbesitz als eine Art spirituelle Grundlage für neue Produktionen zu nutzen. Außerdem hat Nuova Icona Wanderausstellungen wie 'museometropolitano', die versuchen durch das Engagement aktiver internationaler Künstler mit dem Umstand klar zu kommen, dass es in Venedig kein Museum für zeitgenössische Kunst gibt. Neue Kunstwerke oder Installationen werden in verschiedenen Gebäuden bzw. öffentlichen Plätzen der Stadt oder anderen Orts aufgestellt.


Centro Culturale Candiani





Ca' Pesaro, das mit dem Centro Culturale Candiani eines von zwei Kunstorten, der Stadtverwaltung Venedigs sind, courtesy Comune di Venezia


Eine Stadt wie Venedig benötigt fast grenzenlose finanzielle Mittel, um den Status Quo zu erhalten. Und diese Mittel werden nicht nur zur Restauration
bzw. zum Erhalt des einzigartigen kulturellen Erbes benötigt. Es geht maßgeblich um die grundlegenden physischen Belange einer extrem fragilen Stadtstruktur in der so gut wie nichts jünger als einhundert Jahre ist.
Unter diesen Umständen ist es schwer vorstellbar, daß die Stadtverwaltung von Venedig in zeitgenössische Kultur investiert. Inmitten solch grundlegender Problematiken hat die Stadtverwaltung dennoch schon vor Jahrzehnten erkannt, dass eine einzigartige kulturelle Vergangenheit kein Garant für eine ebensolche Zukunft ist. Das Projekt in welches investiert wurde geht zurück auf das Jahr 1979, nennt sich Centro Culturale Candiani und wurde erst vor einigen Jahren eröffnet, da es mit stetigem, heftigem Widerstand aus der Bevölkerung konfrontiert war und noch immer ist. Es befindet sich nicht auf der Insel selbst, sondern in Mestre, der Venedig vorgelagerten Industrie- und Hafenstadt auf der Festlandseite, die maßgeblich als Brücke nach Venedig selbst wahrgenommen wird. Das Kulturzentrum war ausgelegt Konzerte, Theater, Kino, Ausstellungen und neue Medien an einem Ort zu zentrieren, dennoch kann man heute zu Öffnungszeiten immer noch fast allein durch die weitläufigen Räumlichkeiten wandern. Die fehlende Akzeptanz geht soweit, dass die Stadtverwaltung Überlegungen anstellt das Projekt an private Investoren zu verkaufen.


Die Etablierten





Palazzo Venier dei Leoni, war einst das Haus von Peggy Guggenheim, und ist heute ein Museum der Sammlung, courtesy Solomon R. Guggenheim Foundation


Die Stadtverwaltung ist ebenfalls Träger des Ca` Pesaro, einer „Galerie für moderne Kunst“, zu finden in einem barrocken Palast am Canale Grande. Nach vielen Jahren der Restaurierung ist Ca`Pesaro kürzlich wieder eröffnet worden und bietet der Öffentlichkeit Meisterwerke europäischer Künstler des 18. 19. und 20. Jahrhunderts wie Bocconi, Chagall, de Chirico, Ernst, Kandinsky, Klimt, Miró, Moore und Morandi. Das Geschäft scheint gut zu laufen, sicherlich weil man sich mit diesen Formaten auf sicherem Territorium bewegt. Dennoch, das Museum of modern Art par exellence ist nach wie vor die Peggy Guggenheim Sammlung.
Die exentrische Kunstsammlerin zog 1940 nach Venedig, kaufte einen unfertigen Palazzo am Canale Grande und hob die Kleinstadt zu Lebzeiten auf das Parkett der internationalen Kunstszene. Nach ihrem Tod wandelte die Solomon R. Guggenheim Stiftung ihren Palast in ein Museum um, in dem seither Ihre Privatsammlung ausgestellt wird.
Das Gerücht macht die Runde wonach die Guggenheim Stiftung einen Teil der Insel „Punta della Dogana“ gekauft hat, wo dann wohl das nächste Guggenheim Museum zu erwarten wäre.


Hangouts und Clubs





Details der Eröffnung Jam Club Venice, fotos: Jens Lüstraeten


Und wo findet man die junge Szene? Wahrscheinlich in einer „bacaro“ (der typischen venezianischen Bar mit gutem Wein und hausgemachten Snacks) und wohl in der Gegend um den Campo Santa Margherita, einer Ecke wo man vornehmlich Studente, Künstler und Musiker trifft. Hier hat kürzlich Imagina, die erste Café-Galerie der Stadt eröffnet. Das White Cube Flair ist charakteristisch und Programm und wohl auch der Grund, warum Imagina maßgeblich eine eher homogene Klientel anzieht. Dennoch dienen die großen Mengen an Flyern und Einladungskarten ausgezeichnet dazu sich zu informieren, was in Venedig an Veranstaltungen läuft.
Der zweite nennenswerte Ort ist JAM Club und befindet sich nicht auf der Insel selbst sondern wiederum in Mestre. Der Club, minimal in Schwarz, Rot und Weiß gehalten, mit einigen charmanten Details aus den Siebzigern, ist eher für sein Musikprogramm, das von Indie bis zu experimenteller live Musik reicht, bekannt, als für seine aktuellen Bezüge zur Kunst. Seit einiger Zeit haben die jungen Besitzer (unter ihnen ein Absolvent der Kunstakademie von Venedig) sich entschlossen an Sonntagen alternative Kinoveranstaltungen und interaktive Videoinstallationen in ihr Programm aufzunehmen. Der erste dieser Sonntage war dem Thema „Arbeit“ gewidmet. Gezeigt wurde der Film von Tinto Brass, „Chi lavora è perduta“, ein Film der aus der gewohnten Thematik Brass` herausfällt und die Geschichte eines Mannes erzählt, der zwischen der Sicherheit eines Jobs und seinen wahren Interessen entscheiden muss. Des Weiteren war ein Campingzelt mit integrierter Videocamera installiert, in das die Leute eingeladen waren hineinzukriechen und ihre Traumberufe zu nennen. Die Bilder und Monologe der Leute wurden außerhalb des Zelts auf eine Leinwand projiziert und verlängerten auf anderer Ebene den vorher gezeigten Kinofilm.



www.artfacts.net/dvanderkoelen
digilander.libero.it/spiazzi (Webseite von Spiazzi)
www.nuovaicona.org (Webseite von Nuova Icona)
www.comune.venezia.it/candiani/ (Webseite vom Centro Culturale Candiani)
http://www.veneziacultura.it/museo1.asp?IDmuseo=30 (Webseite die Ca' Pesaro gewidmet ist)
www.guggenheim-venice.it (Webseite der Peggy Guggenheim Collection, Venedig)
www.jamclubvenice.com (Webseite des Jam Club Venice)

Text: M. Cecchinato
E-mail: micaela@artfacts.net
Übersetzung: ArtFacts.Net
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